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wieder zu Boden warf er den Knaben, als mit einemmal die tür aufging, und Brändling hereintrat, der weiss vor Angst und Entsetzen wurde, da er seines Vetters Bedrängniss sah. – Wie ein wütender Mensch sprang er auf den Juden zu, zerrte ihm sein Opfer aus der Faust, und fragte mit blauen bebenden Lippen nach der Ursache solch grausamen Verfahrens.

Ein Wort des Hornbergers reichte hin, ihm Aufschluss zu geben, und seinen Mund zur flehenden Bitte zu öffnen. "Ach ihr Herren," seufzte er: "verlangt Alles von mir, nur nicht, dass ich in diese tat willigen soll. Der Bube ist mein leiblicher Schwestersohn, ein guter Bursche, ohne Trug und Falsch, undohne Ruhm zu melden, – weit besser als wir alle sammt und sonders sind. Nimmer könnt' ich mir vergeben, hätte ich meinen Schwestersohn umkommen lassen in Gefahr. Seid nur diessmal barmherzig, ihr Herren, und Gott wird Euch um so reichlicher segnen, in dem was ihr vorhabt, und mir einen doppelten teil zuwenden." – "Heuchle keine Menschlichkeit, du krummer Katzenbuckel!" schalt der von Leuenberg: "Der Bube hat uns behorcht, und fort muss er." – "Und den Talles bekömmst auch Du, wenn Du ihn nicht gibst heraus, den Horcher!" fügte der Jude bei, und griff abermals nach dem Knaben. Brändling bewies aber durch die Heftigkeit, mit welcher er den Knaben in die arme schloss, wie sehr es ihm Ernst sei, um das, was er vorhin gesagt, denn er riss den zitternden Heinrich zu der tür hin, drückte die Faust auf die Klinke, und sprach mit der klanglosen bebenden stimme des auf's höchste Gereizten: "Versuchts, ihr Herren! versucht's! Stecht mich zusammen, aber im Fallen reisse ich die tür auf, und mein Gebrüll ruft die Schifferknechte, von welchen die Schenke wimmelt, hieher, und verloren seid Ihr dann; noch im Sterben verrate ich Alles, was ich weiss, und geheim halten will wie der Pfaffe die beichte, wann Ihr ablasst von dem Knaben." – "Brändling, hat Recht!" fiel der Hornberger ein: "Wegen seiner auf's Rad gesetzt zu werden, gelüstet mir nicht. Sag aber an, welche Bürgschaft leistest du für den Buben? – denn haften musst Du für ihn mit Haut und Haar!" – "Das will ich auch, Herr!" erwiderte der Wirt, von schwerer Angst erlöst, und freier atmend: "Schwören soll der Knabe, dass, wenn er auch etwas vernahm, nichts über seinen Mund gehe, es zu verraten."

"Gottes Wunder!" höhnte Zodick: "Was soll uns helfen ein leerer Schwur?" – "Schweig!" murrte Reiffenberg: "Dem kind da ist ein Eid heilig wie der Tabernakel." Leuenberg lachte ungläubig, Zodick fletschte verdrossen die Zähne, und Hornberg hielt unterdessen dem Knaben das Kreuz seines Schwerts vor, indem er ihm die Eidesformel vorsprach: "Ich gelobe handlich und festiglich auf dieses Kreuz das des Erlösers Kreuz bedeutet, keiner Seele, die da lebt auf Erden, zu vertrauen, und zu verraten, was ich in der heutigen Nacht als unberufner Zeuge gehört und vernommen. Verdammt will ich sein in Ewigkeit, und das schrecklichste Gebrest und Siechtum erdulden in dieser Welt, wenn ich den Eid nicht halte, den ich hier schwur mit aufgehobenen Händen zu Gott, seinem Sohne und allen Heiligen. Amen." –

Der Knabe sprach deutlich und sichtlich ergriffen und bewegt den Eid nach, und zerfloss nach dessen Leistung in Tränen. Reiffenberg nickte, zufrieden gestellt, mit dem kopf, und der Hornberger übergab den Buben seinem Vetter Brändling. "Das Letzte für unsre Ruhe und Sicherheit ist noch an Dir, zu tun," sprach er: "Sperre den Buben ein in Deinen tiefsten Keller, und lasse ihn nicht eher los und ledig, als bis es Zeit geworden ist. Solch kurze Frist hindurch ist ein glatter Aal zu hüten; warum nicht ein junger Bursche? So Du redlich unsern Willen tust, sind wir Dir gewogen, alter Brändling. Beim mindesten versehen hingegen, und bei der kleinsten Falschheit sollst Du der Erste sein, der den verdienten Lohn erhält." – Brändling, Treue und Gehorsam gelobend, riegelte vor den Augen der wilden Gäste den Vetter Heinrich, – ein duldsames Lamm, – in das hinterste Gewölbe seines Hauses, und beruhigt suchten die Verbündeten ihr dürftiges Lager.

Dreizehntes Kapitel.

Ich nehme den angeklagten ungehorsamen

Mann hier aus den Rechten, aus dem Frieden,

aus den Freiheiten, die Kaiser Carolus gesetzet,

Papst Leo confirmiret hat, und von allen Für

sten, Herrn, Rittern, Knechten, Freien und Frei

schöppen beschworen und geleistet worden, in

dem land zu Sachsen, und werfe ihn nieder

vom höchsten Grade, und tue ihn mit all' sei

nen Freiheiten, Frieden und Rechten in des

nigs Bann, und strafe ihn mit höchstem Unfrie

den und Ungnade, und mache ihn unwürdig,

achtlos, rechtlos, siegellos, redelos und unfähig

zu allen Rechten und Verfahren, und setze ihn

aus nach den Satzungen der heimlichen Acht,

und verfalle seinen Hals dem Strange, seinen

Leichnam den Vögeln des himmels und den

Tieren der Luft zur Atzung, und befehle seine

Seele Gott im Himmel in seine Macht und Ge

walt, und erkläre seine Lehen