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Erlaubt jedoch, dass ich zuvor werfe die rosshaarne Haube und 's Pflaster vom Kopf. Die Stirne glüht mir darunter wie ein Ofen." – Indem er davon redete, hatte er auch die täuschende Verhüllung vom haupt gerissen und sein rotes struppiges Haar, wie das blasse, zernagte und zerstörte Gesicht zu Tage gefördert. Indessen bemerkte Reiffenstein, der nach dem Fenster blickte, vor demselben einen Mann, der durch die Scheiben glotzte, als suchten seine Augen einen Bekannten in der stube. – "Die Mummerei vor's Gesicht!" rannte er dem Juden, der davon nichts gewahr worden war, zum und gab ihm einen bedeutungsvollen Wink. Zodick sah sich rasch um, und gewahrte noch den Mann, der so eben von Brändling bemerkt und angerufen worden war.

"Gott soll mir helfen, wenn mich der lennt;" sprach er gleichgültig und lächelnd zu dem Reiffenberg: "Ich kenn' ihn doch auch nicht: aber Vorsicht ist recht, und ich will darauf halten." Er stülpte die Haarhaube auf den Kopf, und schlich mit den Andern an die tür der stube, um zu horchen, wer wohl eigentlich der Fremde sei, und was er hier begehre. Sie vernahmen alsobald auch Brändlings Rede, die sich also vernehmen liess: "Ei, ei, Meister Freudenberger! seit wann ist es denn Sitte, ungebeten in die Zechstube zu schauen, und zu hören, was die Gäste darin verhandeln?" – "Seid nur nicht böse, Brändling;" erwiderte der Fremde: "Ich hab' nur einen Augenblick hineingeschaut, um zu sehen, ob Ihr daheim, und gehorcht hab' ich vollends nicht. Ihr wisst, mich kennen die Schenken nicht viel. Meine Einkehr gilt Euch; ich habe noch aus Euerm haus ein Paar Schillinge zu fordern für Schuharbeit, und möchte Euch bitten, mir das längste Schuldige zu zahlen, weil ich Leder zur Messe kaufen muss." – "Ho!" entgegnete Brändling grob, während seine hände vergebens in den leeren Taschen nach Münze suchten; "der Bettel wird doch noch gut bei mir stehen, Meister Freudenberger? Ihr seid ein unhöflicher Mahner, so süss Ihr auch Eure Worte vorbringt, und kommt täglich zweimal, wie der Hunger. Setzt Euch doch hinein in die stube, und sauft die kleine Schuld vom Kerbholze ab. Euch Schuhworten kommt ja ohnehin selten genug ein Glas Wein in die trockne Gurgel." – "Ich trinke nicht bei Euch, lieber Nachbar;" versetzte Freudenberger gelassen und freundlich: "will ich meine Kanne trinken, weiss ich auch schon bessere Häuser. Bemüht Euch um Geld, Lieber; ich komme morgen am Abend wieder." – "Oder übermorgen lieber," antwortete Brändling grob und aufgeblasen, wie zuvor: "Übermorgen zahle ich Alles bei heller und Pfennig." – "Also übermorgen," entgegnete Freudenberger, wie oben: "Will aber doch morgen wieder nachfragen. Gott befohlen, Nachbar." – Der Schuster ging, und Brändling belferte ihm ein: "Dass Du den Staupenschlag hättest, frömmelnder Schurke!" nach. Freudenberger sah sich nicht einmal mehr um, und zog ruhig seines Weges fort. Indessen trat Zodick zu Brändling, und rief ihm in's Ohr, während er ihm den Schopf beutelte: "Wenn Du noch einmal lässt kommen solch verdächtigen Goi in unsere Nähe, so hast Du gegessen Dein letzt Brod, Du fauler und träger Wirt!" – Die edlen Herren versicherten dem seine Unschuld Beteuernden ein Gleiches, und wollten, sich beglückwünschend, dass kein gefährlicherer Mann in dieses Freudenbergers Haut gesteckt, wieder an ihre Beratungen gehen, als in der Strasse, nach welcher man eine Handbreit Aussicht aus Brändlings Kneipe hatte, ein Geläufe und Getobe entstand, als ob die Stadt mit Sturm genommen würde. "Pest und roter Hahn!" donnerte Leuenberg, und griff nach der verborgnen Wehr: "was geht dort los? Schelm von einem Wirt! hast Du uns verraten und verkauft, oder sind uns andre im frommen Werk zuvorgekommen?" – "Soll mich doch gleich der Blitz zehn Klafter in die Erde schlagen;" schrie Brändling weinerlich, denn Veit von Hornberg hatte ihm im Voraus schon, auf Abschlag, einen Schlag in's Genick versetzt, dass er sich kaum aufrecht zu halten vermochte: "ich weiss von Nichts: aber ein Sprung an die Ecke, Ihr Herren, und ich sag' Euch, was vorgeht!" – "Nicht ohne mich;" setzte der Hornberger bei, und packte den Wirt unter den Arm: "Wir gehen zusammen, Kumpan, und bei der mindesten Falschheit sitzt Dir mein Schnepper in der Gurgel, Du schielender, krummbeiniger Hund!" – Somit schleppte er den sich sträubenden Wirt mit sich, und in einiger Entfernung folgten die übrigen drei, durch ihre Verkleidung keck gemacht, und sicher genug, von niemand unter diesen Federn erkannt zu werden. So wie sie aus dem Sackgässlein hervortaten, und aus dem Gebrause des sie umstürmenden Volkes einige Worte klar auffischen mochten, so sahen sie die Nichtigkeit ihres Argwohns ein. Hundert Stimmen antworteten auf ihr Befragen: "Die braunen Leute aus Ägypten kommen! der Herzog aus dem land Afrika wird gleich hier vorbei ziehen," und Zodick, der auf seinen Kreuzzügen durch das platte Land schon die Vorläufer dieser braunen Leute kannte, säumte nicht seinen Spiessgesellen alsobald auf's Eiligste mitzuteilen, welche Bewandniss