widerstehen. Sie nahm die blühende Braut in die arme, herzte und küsste sie unter mütterlichen Tränen, und sprach dann, sich ermannend: "Gott segne Dich, mein Kind; das ist mein bester Wunsch. Ich denke, Du wirst einen wackern Eheherrn erhalten; gehorche ihm wie einem Vater, liebe ihn mehr als Dich selbst, und vor allem erinnere ihn niemals Dein Mund an die Liebe, deren Vertraute Du gewesen. Sah er gleich ein, wie unwürdig der Gegenstand derselben war, so blutet doch vielleicht sein Herz bei der Erinnerung noch. Lass die Wunde ganz verharrschen: rede nicht von ihr, bis er selbst einst lächelnd es zu tun vermag. Schon manche Hausfrau hat die zärtliche Liebe ihres Gatten verloren, weil sie unzart verschollne Schwächen aus den Schleiern der Vergangenheit an's Licht zog. Hüte Dich vor gleichem Schicksale. Webe still und emsig Rosen in des Mannes Leben. Er empfinde tief, welchen Schatz er in Dir besitzt, und werde nicht gemahnt an das Spielwerk seiner Neigung, das ihm entrissen wurde. – Nun aber, mein Kind, lasse mich von Dir, damit ich gehe, und dem Vetter, wie unsern Freunden die schnelle Veränderung Deines Standes bekannt machen darf. Ich werde viel Widerspruch erfahren; es ist ausser dem Geleise der Sitte, an e i n e m Tage um die Braut zu freien, am andern sie schon heimzuführen; allein ich werde standhaft sein, mein Kind, und der Förmlichkeit unsrer Basen, wie dem Widerwillen, den der Vetter gegen die Sippschaft des Schöffen Frosch von jeher hegte, mutig die Sorgfalt für Dein Glück entgegensetzen, über welches zu wachen mich das Schicksal berufen hat." – Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt, band es fest, zupfte vor dem Spiegel die Haubenkannten gerade, hing Kette und Wetscher an Hals und Gürtel, und ging nach freundlichem Abschiede von dannen. Regina blieb mit ihrer Fröhlichkeit allein, und schritt in dem einsamen Gemache mit gefalteten Händen auf und nieder, den trunknen blick zum Himmel hebend, und ihm dankend für die gewährte Seligkeit. Bald jedoch eilte sie an's Fenster, um in das Gewühl zu schauen, das so eben durch die enge Gasse durchwogte. Ein Zug von neu ankommenden Kaufleuten, welchem sich ein Trupp von Wallfahrern aus der Wetterau angeschlossen hatte, der nach St. Wendels Kapelle ging, um die Schafheerden von dem Veitstanz loszubeten, erregte das Getöse. Eine Menge volkes lief den Fremdlingen und den Pilgern nach, und Regina's Scharfblick gewahrte unter diesem Pöbeltross des Wahrsagers, von welchem sie so eben der Mutter berichtet hatten Der Mensch sah gerade mit einem neugierigen gesicht herauf, und ehe sie es selbst noch bedacht hatte, hatte Regina ihm gewinkt, und herein in's Haus war er geschlüpft, die tür des Gemachs hatte er gefunden, und stand mit demütiger Frage, nach des Fräuleins Befehl, vor demselben, die Filzmütze unterm arme, wie sich's für den Geringern geziemt, und das freie Auge blinzelnd in neugieriger Erwanung. – "Du hier?" fragte ihn Regina staunend: "Bist Du denn überall?" – "Wie der Wind, schöne Maid," erwiderte der Mensch; "überall, wo es Geld gibt und mitleidige Seelen." – "Du solltest des Mitleids gar nicht bedürfen," meinte Regina: "Deine Geschicklichkeit sollte Dir Kisten voll Gold einbringen." – "Freigebigkeit ist geworden selten in der Welt;" hiess die Antwort. – "Ich will nicht die Kargste sein," sprach Regina, dem Staunenden einen Beutel mit Silbermünze hinlangend: "Deine Prophezeiung ist eingetroffen, Du hässlicher, aber kluger Bursche. Der Ring mit dem blauen Steine kam, und mit ihm mein Hochzeiter. Auch von ihm kannst Du noch einen reichlichen Lohn gewinnen, stellst Du Dich ihm morgen, an unserm Ehrentage vor." – "Euerm Hochzeiter?" fragte der Mensch neugieriger und lauernd. – "Ja doch;" erwiderte Regina lächelnd: "dem ehrsamen Altbürgersohn Dagobert Frosch, wenn Dir etwa sein Name noch nicht bekannt sein sollte. Wir werden morgen ein Ehepaar, und möchten im Vorgefühle einer glücklichen Zeit den Herold derselben belohnen, wenn er's nicht verschmäht." – "Verschmähen?" fragte der Fremde mit scharfem Lächeln: "Ein Bettelmann wirft nichts hinter die Tür, am wenigsten den Dank, den ich nicht erwartet hätte von Euerm jungen Eheherrn. Ich werde kommen zum Schmaus, und nicht alleine, hoffe ich. Ein Hochzeitgeschenke soll mich begleiten, und Ihr werdet sein glücklich in Ewigkeit, so Ihr's fromm und geduldig empfahen mögt. Valet, junge Braut." Mit diesen Worten war der Mensch mit dem klimperden Beutel wie der Blitz davon, und liess Reginen allein, die über das seltsame Benehmen des Fremdlings nicht genug sich wundern, es nicht genug belächeln konnte. Während sie sich jedoch den Kopf vergebens zerbrach, ruderte der Fremdling mit schnell arbeitenden Ellbogen durch die Menschenerfüllten Gassen, unter schadenfrohem, heimlichem lachen, und mit wildfreudig klopfender Brust. Er stürzte sich in das dickste Volksgedränge, und entfaltete hier sein eigentlich Gewerbe. Mit scharfer, im Ärmel verborgnen Scheere schnitt er hier eine Geldtasche von einem Frauengürtel, dort einen Beutel von des Mannes Hüfte. Die goldnen Troddeln an den Kaputzen der Mäntel wurden häufig auf dieselbe Weise sein, und wo er, von Andrer Augen gehütet, nicht das Kostbare erobern mochte, schnitt