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Zufall in den Stand gesetzt zu sein, Euch eine Kunde mitzuteilen, die, je schmerzlicher sie Euch im Augenblicke betroffen mag, um so wohltätiger in ihren belohnenden Folgen sich bewähren wird." – "Eine schmerzlich Kunde?" fiel Dagobert ein: "Ich bin des langsam fressenden Leids schon gewohnt, und sehne mich nach einem harten Schlage des Schicksals; der durch seine Übermacht meine Sehnen wieder spanne und aufwecke zum Widerstand. Indessen scheint Dir vielleicht schmerzlich, was mir gleichgültig geworden. Vater, Mutter und Neffe leben und freuen sich des Lebens. Da bin ich also nur von e i n e r Seite verwundbar, und diese wird Dein Pfeil nicht treffen." – "Und wenn ich Euch den Namen: 'Ester' nenne?" fragte Fiorilla langsam, ihm prüfend in's Auge sehend. Seine Farbe veränderte sich mit einemmale, seine Hand fuhr nach der Brust, und ohne zu reden, nickte er der Freundin zu, ihre Mähr anzuheben. – "Ester ist hier," sprach Fiorilla gemässigt: "ich habe sie gesehen, gesprochen. Der Zufall führte mich heute bei ihr ein, wie einst zu Costnitz meine Neugier." – "Hier? gesehen, gesprochen?" stammelte Dagobert, mit ängstlich wartendem Auge des fernern Berichts lauschend. – "Ihr früheres Unglück in dieser Stadt zwingt sie, in Verborgenheit zu leben," fuhr Fiorilla fort: "aber, wär' auch dieses nicht, ... Euch, Dagobert, würde sie nimmer sehen, und Ihr letztes Lebewohl Euch zu bringen, hat sie mich beauftragt." – Dagobert fühlte nach seiner Stirn, um sich zu überzeugen, dass er wach sei, dass er lebe, dass e r selbst es sei, der Alles dieses höre, entgegnete aber keine Sylbe. Fiorilla sprach weiter: "Ihr würdet sie kaum mehr erkennen, denn selbst das scharfe Auge der Liebe würde geblendet sein, von der Pracht, dem Überfluss, welche die Holde umgeben. Wie eine Königin des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe, der in Freundschaft übergegangenen Liebe." –

"Also nicht im Elend?" sprach Dagobert, leichter Atem schöpfend, und Fiorillens letzte Worte überhörend, vor sich hin: "Gottlob! – Und auch nicht gut;" setzte er mit Tränen im Auge hinzu: "Bin ich nicht der Bewahrer ihrer Habe? Die Grausame! als Bettlerin hätte sie mir wohl ihren Augenblick gegönnt, und des Herzogs Geld gefordert. Im Schooss des Reichtums verschmäht sie das falsche Erz und den treuen Freund." – "Sie schont den letzten," entgegnete Fiorilla, "und trägt billige Scheu, vor ihm zu erscheinen." – "Wie?" fragte Dagobert mit voller Glut der aufflammenden Liebe: "sie zweifelt an mir? Hat sie mich denn jemals geliebt, wen sie dieses kann? Weiss sie nicht, dass Liebe unendlich ist, wie die Sonne, und so mild, wie diese? Sie hat mich zum tod betrübt durch ihre Flucht, durch diese entsetzliche Täuschung meiner Hoffnung, aber sie ist's allein, die ich im Herzen trage. Sie kehre wieder; kein Vorwurf betrübe sie, sie bettle nicht um Vergebung. Sie sei mein, sie werfe endlich Starrsinn und Vorurteil weg; sie empfange die Taufe des Herrn, und vor aller Welt sollen unsre Hochzeitskerzen brennen!" –

"Zu spät!" seufzte Fiorilla dazwischen, aber der leidenschaftliche junge Mann fuhr heftig fort: "Zu spät? warum? Sind wir denn in den wenigen Monden unsrer Trennung steinalte Leute geworden? Findet sich kein Priester mehr, sie aufzunehmen in den Bund der Christen, zu segnen den unsern? O Fiorilla, ich vertraue Dir ganz. Du hast gewiss zu meinem Vorteile geredet, aber die Sprache der Freundschaft überredet nicht wie die der Minne. Sprich, wo ist sie? wo finde ich ihre wohnung? Den Feinden sei sie verborgen, dem Freunde nicht, dass er zu ihr rede, dass er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes, dass er sie wider Willen führe zum Glück!" – "Zu spät;" wiederholte Fiorilla mit Tränen des Mitgefühls im Auge: "indem wir sprechen, entführten leichte Rosse die Schönste ihres volkes diesen gefährlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wiedersehen; aber ..." fügte sie langsam und eintönig hinzu: "des Herzogs Gold mögt Ihr bereit legen. Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen". – Dagobert's Sinne drohten zu vergehen, und kalter Todesschweiss trat auf seine Stirne. Aber sich ermannend, drückte er grimmig Fiorillens Hand, und fragte mit bebendem mund: "Wie sagtest Du? Ihr Wann .... ihr Mann? O wiederhole mir dies Schreckenswort."

"Einmal musstet Ihr's doch erfahren;" versetzte Fiorilla, die niederschlagende Rede mildernd, so gut es in ihrer Kraft stand: "ihr Ehemann, der Wechsler Joël von Lüttich, des Bischofs rechte Hand in Geldsachen, und reich, wie der griechische Kaiser. Ester's Bruder zwang sie, dem reichen mann die Hand zu reichen, obschon ihr Herz geblutet. Allein, da der Bruder Gewalt über sie hat an Statt des noch bis heute rätselhaft verschwundnen Vaters, und keine Möglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu sehen, sich zeigte, so ergab sie sich endlich in den Willen des Bruders und