von dannen riss vor der nahenden Edelfrau, wie ein gescheuchtes Reh vor dem Jäger, wie einen flüchtigen Feind vor dem Verfolger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Dürning schnell und gewandt, und holte erst in der dritten engen Nachbargasse Atem, um zu überlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen. "Habe ich denn ein böses Gewissen?" fragte er sich aufrichtig und ehrlich, und glaubte, die Frage verneinen zu dürfen. "Wesshalb also diese plötzliche Scheu? Wenn ich glaube, was mein Herz mir zuflüstert, so fürchte ich, dass Regina meiner Nähe gefährlich werden könnte. Und welcher tückische Geist musste mich verleiten, ihr das Geschenk zu bieten, das, ich fühl' es, plötzlich zu einem geheimen zauberischen Bindemittel zwischen uns geworden ist; der Ring einer Kette, die uns zu vereinen strebt, obgleich ich selbst dadurch zerrissen werde in zwei sich abstossende Hälften? Gehört denn nur ein Augenblick dazu, die Vorsätze eines Mannes zu zertrümmern, ein geliebtes Bild zu vernichten, und ein andres an dessen Statt aufzustellen? nur ein Augenblick, um mit Schaam die Blicke zu verschleiern, die noch vor ganz kurzer Frist frank und offen einem Jeden unter den Helm sahen? – Nicht doch, Dagobert;" setzte er hinzu, und ermannte sich gewaltsam: "Was dir den Mangel an Selbstgefühl und Selbstvertrauen zuflüstert, – das ist nicht ... nein! das ist nie gewesen. Ester! Deine Vorurteile, Deine Härte haben Dich von mir geschieden, aber mein Herz wird Dir dennoch immer sehnsüchtig nachweinen. Du hast meine Brust zerfleischt, aber diese Brust fühlt bis zum letzten Lebensfunken nur für Dich. Den Schwur, den ich Deinem Angedenken leistete – ich will ihn halten. Vom Altar riss mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die arme einer Gattin soll sein Befehl mich stossen, so lange Du lebst, Geliebte, – und wie könnte ich Dich überleben? – so lange D u mir treu bleibst, trotz Trennung und Glaube, – und wie könnte mein Gehirn so wahnsinnig und verbrecherisch sein, Deine Untreue nur möglich zu achten?" –
Dagobert, nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefühl und Gewissen in's Reine gekommen zu sein glaubte, bemerkte, dass sein Selbstgespräch, oder vielmehr die Geberden, mit welchen er dasselbe begleitete, Zuschauer an die kleinen Fenster der umstehenden Häuser gezogen hatten. Er schämte sich desshalb, hier ein Schauspiel gegeben zu haben und eilte mit hastigen Schritten, in der nächsten Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner Gemütsbewegung zu mässigen. Da er nun eben mit dem eisigen Weihwasserborn seine glühende Stirne kühlte unter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halbdunkel des Betgewölbes, in welchem sich – die Mittagsstunde nahte – nur wenige Gläubige befanden, eine Frauengestalt entgegen, die, bekannt und freundlich zwar, ihm schon lange eine Gleichgültige geworden war; jetzt aber, Dank sei es den feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen Gewissensforschung, einen neuen Wert für ihn erhielt. – "Ei, mein Bäschen!" fragte er leise und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden fassend: "Bäschen Fiorilla! unter dem dach des Herrn begegnen wir uns, was unter dem unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? plaudre mir die Grillen weg durch ein paar süsse wälsche Worte, Bäschen. Wir sind hier ungestört und zu haus meidest Du mich ohnehin wie das Fieber." – "Wir meiden uns gegenseitig;" lächelte Fiorilla: "Ihr, weil Eure Schwermut jede, vor allen weibliche Gesellschaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts gefährlicher ist, als der Anblick eines traurigen Jünglings, der von Liebesgram verzehrt wird. Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwünscht. Für's Erste darf ich Euch Lebewohl sagen. Morgen scheiden wir." – "Scheiden?" fragte Dagobert zerstreut: "wer denn? Du von mir?" –
"Der höchwürdige Oheim und Prälat," versetzte das Mädchen; "und in seinem Gefolge ich, seine treue Dienerin." – "Ja, ja," sprach Dagobert wie oben, und Fiorillen teilnehmend ansehend: "Ja, gute Fiorilla. Du bist dem Satan verfallen auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht böse gemeint, und um der Taufe willen muss man sich auch schon etwas gefallen lassen. Zürne mir nicht, und sage mir lieber, was den oheim forttreibt? Er vermisst gewisslich hier das wälsche Ungeziefer, die wälsche Zaunkönigskost, und unser Rinderbraten ist ihm ein Gräul geworden. Nicht also?" – "O nein, bester Dagobert;" erwiderte Fiorilla: "er tut nur, was ihm einzig übrig bleibt. Er hat von der Nichte wieder angenommen, was er ihr einst grossmütig abgetreten, sein Gut zu Baldergrün; zu glücklich, auf einer deutschen Hufe sein Leben beschliessen zu können, da zu Cesena Glück und Ehre ihm verloren ging. Vorbereitungen zu unsrer Reist zu treffen, hatte ich das Haus verlassen, und bin erfreut, auf der Rückkehr von den Geschäften Euch zu begegnen, bester Junherr!" – Mit feuchtem Blicke drückte sie die Hand des Jünglings, und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebäudes, wo selbst noch Vorübergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten. – "Zugleich," spann sie dort den Faden des Gesprächs weiter, ... "zugleich bin ich entzückt, vom