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kommt es überhaupt dass Ihr, die Herrlichkeit der Messe anzuschauen, in Eures steifen Vetters Haus gezogen seid, welches in abgelegner, finstrer Gasse steht, und nicht vielmehr in das unsrige, mitten im Gewühl emporragende, in welches Euch obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief?" – Regina betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelspitzen ihrer Schuhe, und antwortete anfänglich gar nicht. Alsdann erwiderte sie zögernd: "Fragt mich doch nicht, ehrsamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten, und ich darf es ja auch nicht." – "Ihr kommt mir rätselhaft vor," versetzte Dagobert, dem die Wangen heiss wurden, ohne dass er sich bewusst war, warum: "Hingen Eure Augen nicht so fest am Boden hin, wie Eure zierlichen Füsschen, ich möchte wohl die Wahrheit in ihrem klaren Spiegel erforschen. Ein Kummer scheint Eure heitre Stirne zu trüben. Was ist's, dass Euch ein Kind des himmels zu bekränken vermag?" – Regina seufzte schwer, und entgegnete so leise, dass kaum der lauschende Dagobert sie vernahm: "O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andre Mensch, ... wie Ihr zum Beispiel selber, Junkherr." – "Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden bewahren!" rief der junge Mann erschrocken: "Eure Leid ist nur das eines harmlosen Kindes, und vergeht schnell wie der Märzschnee, aber ich, ich sehe meinem Trübsinn kein Ende." – Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem gesicht, als wollte sie sagen: Schelm! Du solltest ewig grämlich bleiben? – Ihr Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte: "Nehmt Euch zusammen, Herr. Macht doch Euch, euern Ältern, und nur Euern Freunden wieder Freude. Glaubt mir, euer Trübsal wird sich endigen, und bald, sage ich Euch." – "Ho, mein fräulein," versetzte Dagobert leicht scherzend: "Seid ihr etwa eine weise Sybille, die in der Zukunft oder in den Sternen liest? Prophezeit mir nur recht viel Gutes, reizendes Wunderkind. Was Eure Kirschenlippen verkunden, muss der Himmel verwirklichen, wie eines Engels Ausspruch." – Regina schüttelte heimlich lächelnd den Kopf und erwiderte: "Ihr redet heidnisch, denke ich. Hier bedarf es jedoch nur einer tröstenden Zuversicht. Ich habe meine Sache auf die heilige Mutter gestellt, und sie wird mir gnädig sein, das weiss ich; seit einer Stunde weiss ich's ganz gewiss." – "Seit einer Stunde?" fragte Dagobert neugierig und ahnend: "O, mein fräulein, Ihr versteht es, einen ehrlichen Burschen auf die Folter zu legen. Wer hat Euch denn gesagt ....?" – "Der Ring, den Ihr mir gabt, hat mir Alles gesagt;" platzte Regina heraus, und setzte schnell hinzu, gleichsam, als fürchte sie, für ihr Zartgefühl zu viel gesagt zu haben: "Nun aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken läuten, stehen wir schon an des Vetters tür. Wenn die Mutter mich sah, so ergeht mir's nicht gut. lebt wohl, mein Freund; ich sende Euch durch Ammon, was Eure Güte für mich ausgelegt." – "Warum diese Erinnerung zum Abschiede?" fragte Dagobert, dem es jetzt schwer fiel, sich von der Anmutigen zu trennen: "Sagt mir lieber, ob ich Euch nicht wiedersehe? sagt mir, wann es geschieht." – "Ihr fragt mich zu viel," antwortete Regina eilig und ernstaft: "d a ss wir uns aber wiedersehen .... verlasst Euch darauf." – Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte verschwunden, und Dagobert's Auge starrte ihr nach in den dunkeln gang, in dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte. Eine rauhe stimme liess sich hinter ihm mit einem gezogenen: "Guten Tag, edler Herr!" vernehmen. – "Wie? Du hier, altes wildes Gesicht?" fragte Dagobert den begrüssenden Ammon, der mit einem Korbe beladen, in's Haus wollte. – "Euch zu Diensten, gestrenger Junker!" antwortete der Alte. "Mögt zugleich wissen, dass auch die Edelfrau zu Frankfurt ist, und in kurzer Frist hier sein wird. Sie folgt mir auf dem fuss. Lasst Euch hier nicht von ihr finden, Herr." – "Warum denn nicht, alter Jäger?" – "Als ob Ihr's nicht wüsstet!" versetzte hämisch lächelnd Ammon: "Ihr verrückt Getauften wie Ungetauften den Kopf, und das Schlimmste bei der Sache ist, dass Ihr ausseht, als hättet Ihr nimmer ein wasser getrübt." – "Du bist toll, Alter." – "Ich nicht, aber das fräulein wohl mit mitunter, denn es spricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, seine Träume sind nur von Euch, und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was soll die Mutter anders tun, als die Tochter hüten vor Eurer gefährlichen Nähe? Macht, dass Ihr von dannen kommt. Ihr wisst nun zu Deutsch, was die Glocke schlug, und mögt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kommt die Frau von Dürning." –

Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der inneren Gewalt, die in seiner Seele aufbrauste, und ihn