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Warum zupft Ihr mich so ungestüm am Ärmel?" lachte Gerhard: "ein schön Dirnengesicht ist doch keine Teufelsfratze, die uns begehren könnte. Macht der schönen Maid Eure Reverenz und geht dann!" – "Um Gotteswillen nicht!" entgegnete Dagobert ängstlicher, und suchte zu entkommen; allein im Nu drehte sich auch Reginens Gesicht nach dem seinigen, und die Flucht musste unterbleiben. Das anmutige geschöpf, obschon in dessen Zügen eine zarte jungfräuliche Verwirrung ihre Rosensaat ausgestreut hatte, neigte sich freundlich gegen den Erkannten, und faltete wie flehend die zierlichen hände, mit der Bitte doch absobald näher zu treten. Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen, und näherte sich fragenden Blicks. Regina flüsterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr: "Ach, mein lieber, ehrenwertester Junkherr! Ihr erscheint, recht wie ein Engel, mir zum Troste. Die blasse Kunigunde dort, eine liebe Gespielin von uns allen hier Versammelten, geht zum Advent in's Kloster, und sie soll ein Andenken von uns Allen haben. Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette, sagt man. Eine jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt, zum Geschenk für die Freundin, und auch ich nicht minder; da gewahre ich jetzt erst, dass mir ein böser Mensch meiner Wetscher vom Gürtel gestohlen hat. Meine kleine Baarschaft war darinnen, und doch möchte ich von dem Goldschmied nicht als eine leichtsinnige Käuferin oder Borgerin angesehen, noch von des Vetters hochnäsigen Töchtern ausgespottet werden. Werdet Ihr daher Bürge für mich, lieber Junkherr. Die Mutter wird, sobald als ......" – Die Liebliche durfte nicht ausreden, und schon hatte der Kaufmann, was ihm gehörte. Wie nun Dagobert bemerkte, dass sein Gefährte mit den übrigen Jungfrauen in's Gespräch getreten war, und diese Letztem begierig auf die Fabeln horchten, die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Besten gab, so sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina: "Ihr werdet mir doch wohl erlauben, mein anmutiges fräulein, dass ich den Augenblick, in dem ich so glücklich war, Euch einen geringen Dienst zu erweisen, ebenfalls an eine Kette legen darf, wie Ihr mit dem Gedächtniss Eurer Freundin zu tun begehrt? Der einfache Goldreif taugt immerhin für die Nonne, die nur in stiller Zelle dergleichen Welterrlichkeiten beschauen darf; Euerm Liebreiz und Eurer freien Jugend gebührt jedoch ein schönes Geschenk." – Somit langte er mit sicherm Finger in des Goldschmieds Vorratskasten, und holte den allerschönsten Ring heraus, der sich unter den übrigen ausgenommen hatte, wie ein König unter seinen Vasallen. Er war von wälscher Arbeit, und hielt einen Saphir umfasst mit einer herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wusste nicht, wie ihr geschah, als ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob, wo die vornehmsten Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewissen Befremden, mit einer süssen ahnenden Lust jedoch zugleich, sah sie auf das Juwel hernieder, ohne mit Worten es anzunehmen, ohne sich dessen mit Worten zu weigern. Der Goldschmied pries indessen die Freigebigkeit, mit welcher Dagobert ihm seine Forderung bewilligte, erzählte mit geläufiger Zunge, dass solch ein Wunderwerk in deutschen Landen nicht gefertigt worden, sondern, dass Neapolis dessen Heimatland gewesen; dass vor einem Jahrzehnd ungefähr eine vornehme Frau dieses Kleinod nebst vielen andern bei ihm verpfändet, und auch nach verstrichener Lösefrist gelassen habe, und setzte schelmisch lächelnd und flüsterlich hinzu: "Der gestrenge Herr möge nicht übersehen, dass dieser Ring ein Verlobungs- und Ehereif sei." – Unangenehm überrascht sah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches Regina so eben wieder vom Finger zog, und sinnig lächelnd betrachtete. "Ja, ja, ...." lispelte sie, wie in einem holden Traum befangen, vor sich hin: "Das war er .... der war gemeint; ...." – wandte sich dann zu Dagobert, und sagte mit einer Verneigung: "Es ist vielleicht nicht recht, mein edler Herr, dass ich von Euch ein Geschenk empfahe, und obendrein will sich ein köstliches, wie dieses, für mich nicht ziemen, aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt mir jedoch nicht zürnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage, sondern der Nonne gleich, in einsamer Zelle nur beschaue." – "Tut, wie's Euch gefällt," entgegnete Dagobert sichtlich erleichtert; "Doppelt geehrt ist ein Geschenk und dessen Geber, wenn man es der stillen Aufmerksamkeit würdigt, ohne sein im alltäglichen Gebrauche zu vergessen." – Regina warf einen verlegenen blick auf den Jüngling, und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder. Nun erst besann sich das fräulein auf ihre Gespielinnen, allein diese waren indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Strasse gefolgt, wo ein Wildbär in starken Ketten tanzen musste, um welches Schauspiel sich eine Flut von Neugierigen drängte; Dagobert schlug seiner holden Gefährtin vor, sie dahin zu führen. – "Was soll ich in dem wilden Gewühl?" fragte sie sanft und mit leuchtenden Augen: "Vor Allem, was soll ich j e t z t dort? Führt mich lieber zu unsrer wohnung, guter Junkherr. Die Mutter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen." – "Ei," lächelte Dagobert: "der Ton mit dem Ihr langsam und gezogen diese Worte spracht, liesse mich beinahe das Gegenteil vermuten. Wie