"Nein! nein! nimmer! in Ewigkeit nicht!" –
Während sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog, dass er gänzlich verhüllend herabfiel über die drohende Gestalt, und das noch drohendere Antlitz, fasste Margarete den staunenden Dieter bei der Hand, und zog ihn hinweg aus der tür. "O kommt!" flüsterte sie: "Ich fürchte mich. Gewiss hat sie sich nicht ganz gebessert, denn unmöglich kennt ein Mutterherz solche Härte und Grausamkeit, hat es die Sünde nicht versteinert," –
Eben so kopfschüttelnd, als Dieter seiner Gattin folgte, also blickte die Oberin Walburg, die Freundin an, da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren. "Erkläre mir doch das grösste Rätsel," sprach sie mit forschendem Auge. "Wallrade erkläre Dich selbst; denn ich höre auf, Dich zu begreifen. Wo ist die Weichheit hin, die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklärte, und jedes Deiner Worte in Honigseim tauchte? Wohin die Liebe, die Du damals für den Sohn aussprachst, den Du misshandelt? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines Vaters haus? Die gottgeweihte Magd, – die, die sich selbst hingibt, um Andrer Willen, zum Sühn- und Löseopfer, – in Dir habe ich sie nicht erkannt. Deine Liebe scheint von Erz zu sein, die Wohltaten, die Du spendest, – obgleich ungezwungen und freiwillig, – sie erwecken Grauen. Mir selbst erscheinen sie, wie verhängnissvolle Gaben, die das Verderben unter angenehmer Hülle bergen, und fast möchte ich lieber der Knabe sein, den Du so unmütterlich verwirfst, als zu Jenen gehören, die sich Deiner Liebe erfreuen, wie die, welche wir verlassen haben." – Wallrade lächelte hierauf nachdenklich und arg, und versetzte unbefangen: "Der Geist, mit dem wir in's Leben traten, begleitet uns auch bis zum grab, und ist untertan dem Körper, obgleich dieser nur ein Leib aus Staub und Asche ist. Sind unsre Glieder schwach, so erlahmt auch Wille und Tat. Sind sie stark, so erstarkt auch unsre Seele. Daraus erkläre Dir selbst, meine Freundin, die mich schon seit meiner frühsten Jugend kannte, wie ich in meinem Siechtum so ganz anders reden und handeln konnte, als ich früher tat, und ferner tue und reden werde. An den Pforten des Todes war ich nicht mehr Wallrade, – nur ein zur Grube taumelndes, irrdisch, schwaches Weib. Aber, so wie die Kräfte wuchsen, so kam auch der alte Geist wieder zurück, und obgleich noch nicht völlig hergestellt, so spüre ich doch die ehemaligen Gefühle wieder die Flügel regen, und ich werde sein wie ehemals." – "Du wirst mir unerklärbarer;" schaltete Walburg ein: "Du, wie ehemals? Du, mit Deinem Hange zu den Freuden der Aussenwelt, willst in ein Kloster Dich verkriechen, und dennoch sein wie ehemals?" –
"Glaube mir," antwortete Wallrade. "Der elende Mörder hat mich nicht zum tod getroffen, aber an seinem Eisen blieb die Blüte meines Lebens. Weg aus der Welt mit der Unvermählten, deren Rosenwangen und Körperschönheit zu grab ging. Dem schönen weib gehört die Welt mit ihren Königen und Helden; der Verblichenen ein Altar und hinter demselben ein spätes Grab. Und ich vollends .... ich, übermannt von der Last von Vorwürfen, die die Welt auf mich geschleudert, weil böse Zufälle und ein tückisches Geschick mich zu Boden warfen; ... ich sollte wieder hinaustreten in diese Welt? Nimmermehr! Ich werfe mich in die arme der Kirche, – doch nicht als reuige, bussfertige Sünderin: eher würde' ich sterben. Aber segnen, benedeien müssen mich noch diejenigen, die ich hasse, und bis zum grab hassen werde. Die Hand müssen sie noch küssen, die sie züchtigt, und laut ausrufen: 'Sie ist unsere Wohltäterin geworden! Wir haben sie verkannt.' Indem ich mich also aufopfere für das Beste dieses Bruders, so bereite ich mir einen Heiligenschein, und jenen in der Brust eine glimmende Hölle. Bleibt Dagobert im Vaterhause, so baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr schwer zerstörbares Nest, Eifersucht und Trug werden dort wieder heimisch, und Dagobert selbst, der in seiner Schwärmerei im Kloster glücklich geworden wäre, wird der Unglücklichste der Sterblichen. Durch diesen Schritt werfe ich dem Prälaten, der sein früheres Wohlsein nicht benutzt hat, wieder den Maierhof zurück, den er mir einst überlassen; und mich ergötzt's, dass er, der mich an alle Fürsten verkauft haben würde, um seinen Beutel zu füllen, jetzt mir ein dürftiges Almosen danken muss. Die nichtswürdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhön weise ich somit gänzlich an die Mildtätigkeit der Blutsfreunde, und bin freier in meinem Kloster, als ich es vielleicht jemals ausser demselben war, lebe meiner Behaglichkeit, und der Hoffnung auf schwere Rache an allen meinen Feinden." – "Hör' auf!" bat Walburg: "mir zittern die Glieder, so ich Dich anhöre." – "Meiner Freundschaft verdanckst Du diese seltne Aufrichtigkeit;" entgegnete Wallrade ernst: "von Deiner Freundschaft hingegen erwarte ich Geduld, Verschwiegenheit und ehrliche Behandlung. Eine andre Lebensfrist beginnt hierin für mich. Herab vom Himmel will ich Rache flehen, und wie die Ritterdame vom Söllen einem Turniere, so aus dem Klosterfenster ruhig dem Wirrsal zusehen, das ein unbeugsam Geschick über meine Feinde verhängen