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sammt dem Concilium: mein Wille tuts, und meines Herzens Gefühl." – "Das ist traurig;" sprach Regina niedergeschlagen, und liess das Haupt sinken: "Ich glaubte Euch nicht, als Ihr damals bei der Forstütte den Vorsatz ausspracht, in Zukunft einsam in der Welt zu leben. Aber ich sehe, dass Ihr bittern Ernst macht, denn Ihr hättet wohl sonst nicht eigensinnig Alle die zurückgewiesen, die für Euch der Mutter Eid lösen wollten." –

"Ich verabscheue den Beter um Sold," entgegnete Dagobert kurz, "und besitze auf der Welt kein Freundesherz, das freiwillig, nur um meinetwillen für mich einträte." –

"Nicht?" fragte rasch Regina, und ihre Augen blitzten auf, so schnell als ihre Lippen weiter sprachen: "Wie aber, wenn i c h den Schleier nähme, um Euch zu lösen?"

Dagobert schwieg überrascht und bestürzt. Sein blick, der verwundert dem Blicke Reginens begegnete, flog plötzlich vor diesem zu Boden, und sein Mund wusste kein Wort zu bilden, um so mehr, als Regina in ihrer kindlichen Unbefangenheit weiter plauderte: "Lasst mich doch immerhin, Mütterlein. Ob Ihr mich am Gewande zupft, oder mit dem Ellbogen tippt, es ist ja doch wahr. Von dieser Tafel ginge ich zum Kloster, wenn es dem Junker frommen möchte, – und nimmer, .... ach mein Gott, gewiss nimmer würde' es mich gereuen." – Die Edelfrau warf einen halb lächelnden, halb missbilligenden blick auf Reginen, die das von stolzer Zufriedenheit strahlende Antlitz hoch emporhielt, und Dagobert konnte nur, von seltsamen Gefühlen befangen, erwiedern: "Um die Rosen Eurer Jugend wäre es Schade, mein liebliches fräulein. Solcher Liebreiz ist zu gut für's Kloster. Seid indessen bedankt, dass Ihr mir ein teilnehmend Herz erschlossen," fügte er nach kurzem Schweigen hinzu: "Das Bewusstsein, von Euch bemitleidet zu werden, soll der Engel sein, der nimmer von mir weichen darf in meinem vom Schicksal erlesenen, freiwillig gewählten Kerker." – "Ist das die Rede eines jungen Deutschen?" fragte Dieter, der die letzten Worte des Gesprächs vernommen hatte: "Ist das eines jungen Reichsstädters, eines Altbürgers Sprache? O, mein Sohn, wie schmerzlich betrübst Du Deinen Vater. Bedenke: mein Gewissen, – das des greisen Mannes ist ruhig geworden, da alle Zweifel beseitigt wurden, und der heilige Vater Dir die Wahl freigestellt, und Dein Starrsinn verschmäht die Huld der Kirche." –

Dagobert erwiderte einige Worte der Beruhigung, und versuchte, dem Vater vorzustellen, dass er weniger in ohnmächtigem Groll gegen das Schicksal handle, als nach innigem Pflichtgefühl. Dieter schüttelte ungläubig den Kopf, und versank in jenes Zuhören, das nur das Ohr in Anspruch nimmt, ohne den Verstand zu überzeugen. Plötzlich wurden aber seine Züge lebhafter; Frau Margarete, die, den Schlüsselbund an der Seite, als geschäftige Hauswirtin um die Tafel ging, gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen, und deutete verstohlen auf die tür des Nebengemachs. "Sieh, wie unsere Gäste froh sind!" sprach Dieter, Dagobert's Hand fassend: "Die zahlreichen Trinksprüche, die der Hülshofen ausgebracht, haben die Köpfe erhitzt, und der Mund geht über in raschem Gesprächsel. Die Frauen sind nicht minder lebendig geworden, und schmausen plaudernd die venedischen Mandeln und Weinbeeren, die in Fülle vor ihnen stehen. Alles ist froh bei diesem Doppelfeste, an welchem ich Deiner Mutter ersten Lebenstag feiere, wie meinen zweiten Hochzeitstag, damit Jedermann sehe, dass ich meiner Frauen Unschuld erkannt, und sie wieder aufgenommen habe, in mein Herz, in meine arme. Lass mich dieser Feier eine dritte Bedeutung hinzufügen: lasse sie auch das fest Deiner Befreiung sein. Komm mit mir, mein Sohn. Die Männer vermissen nicht den Wirt, die Frauen nicht die Hausfrau; uns bleiben einige Augenblicke. O, dass sie günstig währen für uns, wie für Dich!" – Er zog, rasch aufstehend, seinen Sohn schnell mit sich in's Nebenzimmer, wohin auch Frau Margarete folgte. Dagobert, der nicht wusste, wie ihm geschah, und was alles dieses zu bedeuten haben möchte, prallte an der tür vor Erstaunen zurück, da er im Hintergrunde des Gemachs auf einem Lehnsessel ruhend, eine bleiche Frauengestalt erblickte, deren Gesichtszüge man früher genau gekannt haben musste, um in ihnen diejenigen der, ehemals so reizenden, Wallrade wieder zu finden, Von Dieter's, wie von Dagobert's Anblick bewegt, erhob sich die Jammergestalt, unterstützt von der hülfreichen Oberin des Weissfrauenklosters, die mit der Freundin gekommen war, und streckte die hände dem Vater entgegen. "Endlich sehe ich Euch wieder, mein Vater;" sprach sie mit annoch sehr schwacher stimme: "Nachdem Eure hände segnend mein Haupt berührt hatten, da ich noch im Todeskampfe zu ringen schien, entzogt Ihr mir Euern Anblick, und die Kunde meiner Wiedergenesung entfernte Euch von mir, denn Ihr fühltet Euch nur stark genug, der Sterbenden, nicht der Lebenden zu verzeihen. Ich murrte nicht gegen Euern Entschluss; ich habe Euern Zorn verschuldet. Aber zürnt mir nicht, dass ich nach einem Mittel forschte, Euern Unwillen zu mildern. Frau Margarete, die gute Frau, die ich bisher schmählich misskannt, und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat, wie ein helfendes Engelsbild,