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Jedem Fröhlichkeit in's Auge blitzen, wie in's Herz? Wie anders würdet Ihr reden, hättet Ihr mit mir die heitre Rheinfahrt gemacht auf dem blankem Wasserspiegel, durch gesegnete Fluren und heitre Städte; hättet Ihr mit mir erklimmt die Burgen der Freunde, wo es treuen Händedruck gab, und Sang und Klang und Berglust; hättet Ihr mit mir die Täler besucht, wo aus jeder Hütte ein freundlich Dirnengesicht lacht, von jedem Giebel schier der lustige Tannenbusch schwankt, und mit Fidel und Schalmei die Erndte gesammelt wird; hättet Ihr mit mir gekostet vom herrlichen Weine, den der Keller des Bürgers aufweisen kann, wie die Gewölbe der Schlösser und das plumpe Fass des Weinbauers! Kreuz und Dorn! Wer jemals zu Bacharach sass auf dem Stalecker Fels, den Scheitel mit Reblaub bekränzt, ein Mädel im Arm, den Pokal in der Hand, und den blick weit schweifend über Strom, Städte, Schlösser, Berge und Ebenen, – und hat nicht den Herrn gepriesen unter dem dach seines prachtvollen Hauses, ... der freilich hat an der ganzen schönen Welt keine Freude, und mag sich auf den Friedhof legen, wann es ihm gefällt, ihm zum Nutzen und seinem Nachbar zum Frommen. Aber das könnt Ihr nicht; das sagt mir Euer glänzendes Auge, das sich aufgetan hat bei meinen Worten, Eure hochatmende Brust, die sich endlich wieder hebt, wie es einem jungen Kämpen geziemt, und die Leibfarbe der kecken Jugend, die sich abermals auf Euerm gesicht zeigt. Werft sie vollends ab, diese Trauer, diese unmännliche Schwermut. Ich bin ein rauher und derber Geselle, aber weinen möchte ich, wie ein gepeitschtes Kind, sehe ich Eure angeborne Fröhlichkeit in solch traurigen unnatürlichen Banden liegen." – Dagobert rieb sich die Stirne, hielt die Hand einen Augenblick auf der Brust, schüttelte dann mit mildwehmütigem Lächeln seine Locken, und des Freundes Hand. "Wahrlich," sagte er: "Gerhard! ich hätte nicht so viele Anlagen zu einem Sänger hinter Dir gesucht. Deine Worte haben mich um so mehr ergriffen, als ich ihrer aus Deinem mund nicht gewärtig war. O, warum sprachst Du nicht bloss von dem, was Du besonders liebst: von Deinem Rosse, Deinen Fechterkünsten, Deiner Trinklust und Deinen Schulden? Ich wäre im Geleise geblieben, und das Leben mir noch abgestandner erschienen, denn zuvor, aber wie ein Zauber hat Deine Rede auf mich gewirkt. Seit Wochen schon glaubte ich, mit mir fertig geworden zu sein. Indem ich das Vaterhaus verliess, und wieder zu dieser Zelle zog, dachte ich die ganze Welt dahinten gelassen zu haben, aber nun war mir es plötzlich, als müsste ich mindestens noch einmal hinaus in die weite Schöpfung, und noch einmal ihr ganzes Bild in meine Augen ziehen, um sie dann auf ewig in Klosternacht zu schliessen. Der alte Mut hat angeklopft in meiner Brust; der alte Frohsinn lüftete meine Stirn, und wenn auch gleich diese herrliche entzückende Bewegung nicht zur Tat werden darf, so habe Dank dafür, Du gute treue Seele. Gehörte mein die Jakobskirche zu Compostell mit all ihren Kronen und Schätzen, – wären mein die Kleinodien des Reichs, – Dein müssten sie werden für das Hochgefühl dieses Augenblicks." – "Seht Ihr wohl, wie Ihr schwärmt!" lächelte Gerhard zufrieden: "Die Kronen des heiligen Jakob, wie unsers Herrn und Kaisers wolltet Ihr hinwerfen um den Schatten dessen, was Euch die Wirklichkeit umsonst bietet, und eine Grille nur verhindert anzunehmen! I c h schenke Euch indessen meinen Lohn nicht, und Ihr werdet, statt mir Silber und Gold zu schenken, mir etwas zu Liebe tun."

"Sprich!" entgegnete Dagobert misstrauisch. – "Tut einen einzigen Schritt noch zurück in die Welt, der Ihr Valet zu sagen denkt;" sprach Gerhard: "erheitert noch für einen Augenblick das Haus Euers Vaters. Er feiert heute den Jahrstag seiner Vermählung, undich darf's nicht läugnen, – er, der ehedem nie gute Freundschaft mit mir hielt, er hat mich aufgesucht, und mich gebeten, auf meine Weise zu versuchen, was nicht seinem mund und nicht dem mund Frau Margaretens gelingen mochte." – Dagobert schwieg erschüttert; dann sagte er, den Kopf schüttelnd: "Dieser gang wird mir weh tun; denn alle Proben meiner Standhaftigkeit werden sich verdoppelt erneuern." – "Ei, so zeigt Euch doppelt standhaft;" versetzte mit gutmütigem Scherz der Edelknecht: "kommt aber mit mir; noch ehe der Pförtner das Kloster schliesst, bringe ich Euch frei und frank hieher zurück, und Ihr mögt Euch meinentwegen Morgen schon die Platte scheeren lassen. Aber heute seid noch einmal den Euern; heute fehlt nicht in Eurer Eltern Mitte; denn nicht froh würden sie sein, sagten sie, wenn der Schutzgeist ihres Glücks unter ihnen fehlte. Darum, wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure halsstarrige Weigerung in Wermut verkehren. Es gibt ja in dem Ehestand. Galle genug durch's ganze übrige Jahr."

Dagobert's Augen wurden feucht; seine Blicke flogen gegen Himmel und mit einem freundlichen: "Keinen Wermut in den Becher meiner Ältern!" ergriff er das Barett, die Hand des Freundes und verliess mit ihm schneller, als dieser es gedacht hatte, das Haus des heiligen Dominikus, um seinen Ältern festliche wohnung einmal, das Letztemaldachte ervor seiner Einkleidung zu betreten.