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ums Herz ist, der ich Euch so viel verdanke, und wahrlich für Euch gerne Messe lesen würde, wenn ich zu dem verdammten Latein nicht schon gar zu alt wäre. Glücklich durch Euer freiwillig Unglück wird nur der Pater Reinhold, der für sein Kloster im Trüben fischen wird, bei Eurer Stiefmutter, wird nur der hochnäsige Prälat, Euer oheim, der in Euerm haus liegt, wie ein schmarotzender Blutigel, und sich an Euerm Erbe für den lumpigen Maierhof zu entschädigen gedenkt, den er einst der bösen Wallrade abgetreten. lachen wird nur der Schulteiss, der Euch weniger leiden mag, als mein Ross eine Bremse; sich freuen wird nur der Oberstrichter, der, weil er seinen lüderlichen Sohn in so verdriesslichem Handel verlor, Eurem Vater herzlich den Verlust des seinigen gönnt. O, ich könnte, da ich einmal in Fluss geraten bin, dieses Bild noch sehr in die Länge dehnen, aber schon wird meine Zunge trocken, und ich muss eilen, Euch noch zu guter Letzt vorzurücken, wie unverzeihlich blödsinnig ihr drittens und schliesslich handelt. Ihr sagt, alle Blüten hätten Euerm Leben abgeblüht, alle wären Euch tückisch geraubt worden? Donner und Hagel! Ist das eine Sprache für einen Mann, oder überredet sich nicht vielmehr also ein krankes Gemüt, eingesperrt in dumpfiger Zelle? Welches Glück vermisst Ihr? Den Besitz einer Jüdin, vor der jeder Rechtgläubige ein Kreuz schlägt, weil sie ein Satanskind ist, wenn gleich ein recht feines. Glaubt mir, junges Herrlein, ob ich gleich nicht gelahrt bin, wie Ihr, durch die Juden ist alles Unglück auf die Erde gekommen. Wer erschlug den guten Christen Abel? Der abscheuliche rotköpfige Jude Kain. Wer hat unsern Herrn und Heiland verraten und verkauft, den rechtschaffensten Christen seitdem die Welt steht? – Der verfluchte rotaarige Jude Ischariot. Wer hat den wackern Haman aufhängen lassen, und den ganzen Hofstaat des damaligen römischen Kaisers Ahasverus? Wer anders als die abscheuliche Ester, die einen oheim hatte, zehnmal schlechter als der Eure? Seht, indem ich also an Alles das denke, was mir in der Jugend der Leutpriester zu Friedberg eingebläut hat, so dreht sich mir das Herz um bei dem Namen Ester. Ihr und ich, und die Euern wären nimmer dergestalt in die Tränke gekommen, wären Ben David der Jude nicht gewesen, und nicht dessen Tochter Ester, an deren Haupt Ihr die Hörner nicht sehen wollt, wie unter den Fransen ihres Kleides nicht die Pferdefüsse. Wisst Ihr, woher das kommt? Weil sie Euch einen Liebestrank beigebracht hat bei zunehmendem Mond. Wenn sie Euch liebte, warum liess sie sich nicht taufen? Warum lief sie davon? Eine schöne Sippschaft in die Ihr schier geraten wärt. Der Vater hängt vielleicht schon irgendwo am lichten Galgen, oder sucht in der Ferne ein Paar neue Ohren. Der aus den Wolken gefallne Bruder wird vielleicht in diesem Augenblick als Falschmünzer in kochendem Öl gesotten, und das heuchlerische Esterchen ..... Nun, nun! runzelt nur die Stirne nicht also, und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch fest. Ich meine es ja nicht so böse, aber ich denke, der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben, wenn er Euch vor seinem Altare stehen sieht, im Messgewand, den Kelch mit seinem heiligen Blute in Händen, und das Bild einer unheiligen Jüdin im Herzen!" –

Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redefluss des Edelknechts, der in seinem ganzen Leben nicht so viel auf einmal geredet hatte, und, nachdem er der Freundschaft dieses unerhörte Opfer gebracht, sich allentalben und vergebens in der dürftigen Zelle nach einem Trunk Wein umsah, um sünen dürren Gaumen zu netzen. "Wir sind Freunde gewesen, so Du weiter fortfährst, altes Sieb!" sagte Dagobert heftig, und ein Funke des alten lebendigen Geistes schlug aus seinen Augen. "Beinahe kommt mir der Glaube an, dass man Dich, den wunderlichen Redekünstler, abgesandt, um mich kirre zu machen. An den unüberlegten Worten eines rohen Fechtmeisters soll mein Vorsatz stumpf werden, der schon Vaters Ermahnungen, den Bitten der Mutter und der Missbilligung des hochwürdigen Johannes widerstand? Welch ein Mensch wär' ich dann? Du, – Ihr Alle begreift es nicht, was ich an Ester verloren; Ihr wisst nicht, dass dieses Mädchen in seinem Irrtume reiner und heiliger ist, als die frömmste Nonne. Ihr ahnt nicht den Wert des Kleinods, das von meiner Brust fiel in das tiefste Meer. Die Welt bietet mir keine Freude mehr; aber diese kleine Zelle, in welcher i h r Bild zum allererstenmale in mir emporstieg, ist jetzt noch von ihm erfüllt, wird es ewig sein. Darum will ich selbst der Mutter Schwur erfüllen, und nicht feilen Mietlingen die sorge überlassen. Hätte ich einen Seelenfreund, einen Blutsverwandten, der aus reiner anhänglichkeit für mich das Kreuz auf sich nehmen wollte, vielleicht hätte ich, wenn gleich wider Wunsch und Willen, den Bitten der Ältern willfahrt; aber da dieses nicht war, nicht ist, so ist's beschlossen, auf immerdar, hier in Abgeschiedenheit die Lust zu geniessen, welcher ich in der Welt entbehren würde auf ewig!" –

"Tor aller Toren!" rief Gerhard aufspringend aus: "Ihr redet also, und draussen lacht der blaue Himmel, rauschen die dichten Zweige, und zwischen ihre Schatten streut Frau Sonne ihre Goldstrahlen, welche den Saft der Traube kochen, und im Voraus