wie die klagenden Töne, die er den saiten entlockte, passende Begleiter waren. Er überhörte, ganz seinem Tiefsinn hingegeben, dass man schon einigemal leise an die tür gepocht hatte, bis dem rüstigen Klopfer draussen die Zeit lange wurde, und seine Hand die Klinke öffnete, ohne ferner ein einladendes Wort von innen zu erwarten. Dagobert staunte, den Hülshofner vor sich zu sehen; allein, da mit dem gesicht des Bekannten auch zugleich manche wohltuende Erinnerung wieder vor seiner Seele wach wurde, so verzog sich unwillkürlich sein ernst geschlossener Mund zu einem freundlich bewillkommenden Lächeln, und er fragte sanft: "Ei, alter Freund, wie kommt Dein fröhlich Angesicht in diese Klause? Mich befremdet das, obgleich ich Dich gerne hier sehe." – "Lasst mich Euch mit einer andern Frage antworten;" entgegnete Gersetzte: "Wie kommt der weiland fröhlichste Geselle in der Wetterau in diese enge Zelle, wo alle Freuden des Lebens schon vor der tür Valet nehmen? Traun, ich hätte nimmer gedacht, Euch wieder zu finden, schmal und blass, trotz einem bussfertigen Sünder, der zur Seelgerette noch vor seinem Ende in eine Kutte kriechen will, um sich darin in den Himmel zu stehlen." –
"Deine Vergleichung könnte mich kränken," versetzte Dagobert gelassen, "wenn ich sie nicht Deiner Narrheit zu gut hielte, Freund." – "Narr hin, Narr her," erwiderte Gerhard lächelnd: "Lasst das gut sein, Junker. Schon oft hat ein lustiger Narr durch seine freie Rede mehr Gutes gestiftet, als der hohläugigste Fastenprediger durch seine abschreckende Tugend. Ihr konntet mich einst wohl leiden, und desshalb habe ich's, nach meiner Rückkehr von einer lustigen Rheinfahrt unternommen, Euch auf den Zahn zu fühlen, und meine Meinung zu sagen, – deutsch und gerade heraus, wie ich mir sie denke. Bei allen Kreuzen und Dornen! Ihr seid nicht mehr der Schatten dessen, der Ihr ehemals wart. Und desto schlimmer ist's, da Ihr Euch selbst zum Schatten machtet. Hui! wie viele Freude machtet Ihr mir, da Ihr auf dem Wege wart, ein recht ungeschlachter Kapitelherr zu werden, geistlich aus Zwang, aber rüstig bei Jagd und Gelage! Aber nun, da das Gelübde Eurer Mutter den Stachel verloren hat, und es Euch frei steht, einen Andern an Eure Stelle zu schieben, nun zieht Ihr freiwillig die Kaputze über die Ohren, um darunter ein rechter Tuckmäuser zu werden, aus eigner Wahl! Schämt Euch, zum Frömmler seid Ihr nicht geboren, und der Friede belohnt niemals solch widernatürlich Beginnen." – "Du schiltst mich unverdient;" antwortete Dagobert, ohne jedoch eine leichte Röte bezwingen zu können, die über seine bleiche Wange hinlief: "Mein Bewusstsein verheisst mir den Frieden, wenn ihn auch diese Mauern nicht verleihen sollten. Ich habe Ruhe und Glück in meines Vaters Haus zurückgeführt. Darinnen, in dieser Überzeugung finde ich tröstenden Balsam für mein ganzes Leben, das jeder andern Blüte tückisch beraubt worden ist." –
Gerhard lachte wieder und rieb sich mit einer Art von Freude die hände. "Der liebe Gott," sprach er, "hat mich zur Abwechslung e i n m a l wenigstens im Leben vernünftiger gemacht, denn Euch. Ich traue kaum meinen Ohren, da ich Euch also reden höre. Ich begreife aber leicht, warum Herzog Friedrich, Euer Freund und gönner, sich so schnell davon gemacht hat. Es tut weh, den Busenfreund verrückt zu sehen. Ich will mit meiner steifen Zunge die bloss an das Vorwärts! Kolbe auf! Lanze ab! Schlagt zu! Hopp, mein Fuchs! und an das beliebte: 'Eingeschenkt!' grösstenteils gewöhnt ist, versuchen, Euch klar und heiter darzustellen, wie Ihr gehandelt habt. Närrisch für's Erste, denn Ihr zieht ohne Not den Mönch über Euern ritterlichen Leib. Der zaundürre Dominik Pfülber aus dem Lamprechtgässlein, der feiste Henne Wiedling unter den neuen Krämen, beide arme Teufel, die um ein Stück Geld augenblicklich baarfuss gehen, und den Bettelsack umwerfen würden, haben Euch um aller Heiligen willen gebeten, ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu verhelfen. Ihr habt's nicht getan, obgleich Euch beide Schlucker um ein Paar Pfund heller feil gewesen wären. – Eitel und töricht handelt Ihr für's Zweite Ihr meint, Ihr habt glückliche gemacht? O, Ihr irrt Euch sehr. Was Euer Biedersinn gut gemacht hat, verdirbt Euer verderblicher Dumpfsinn um so gewisser. Seht Euern Vater an, der nach einem Erben seiner Habe aussieht, und nur die Wahl hat, seinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu sehen, oder Alles seinem Enkel zu überlassen, dessen Anblick ihm, der Mutter willen, jedesmal einen Stich versetzt, da wo sich die linke Schulterplatte des Harnisches öffnet. Seht Eure Stiefmutter, die ihr ganzes wiedererworbenes Lebensglück durch den Gedanken vergällt sieht, Euch, ihren Heiland, unglücklich zu wissen. Seht den kleinen Johannes, der einst vergebens an der Brust des liebeleeren Mönchs den Freund suchen wird, zu welchem ihm der beweibte Mann geworden sein müsste. Seht endlich Euern väterlichen Lehrer Johannes, dessen Antlitz über Euer Beginnen von Gram gefurcht ist, der seufzend schweigt, da die Pflichten seines Standes ihm verbieten, Euch zu ermahnen, demselben nicht beizutreten. So steht's um das Glück Eurer Angehörigen, und ich will nicht einmal davon reden, wie mir's