die Reihe stattlicher Fenster hinab gegen die Pforte, und befremdet sah der Herzog die Ratsherren an, da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwächtern gewahrte. "Ei, was gibts dort, ihr Herren?" fragte er mit gerunzelter Stirne. Ein Bürgermeister wollte hierauf sogleich hinunter, um nach der Veranlassung des Vorfalls zu forschen, allein der Oberreiter welcher eintrat, verkündete sie, indem er meldete, die um das Haus verteilten Wächter seien ob der bedeutenden Zahl von Reitern, die dasselbe verlassen wollten, argwöhnisch geworden, und witterten unter denselben den Verbrecher, der sich hier versteckt halte. – Des Comtur's Stirne, so wie Dagobert's Wange flammte; der Herzog liess sich nicht aus seiner strengen Haltung bringen, sondern nahm eine noch drohendere Stellung an. "Was soll das heissen?" rief er, indem ein Zorngewitter über seine Züge lief: "Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher, von dem man nicht weiss, von wannen, er kommt, wohin er geht, und dem man nicht über den Zaun traut? Jesus Christus! Werden Österreichs Farben nicht höher geachtet, als der Bettelbrief eines Gauners? Nein fürwahr; das mögt Ihr abstellen, ihr Herren, denn ich werde mich nimmer herablassen, Eure erlaubnis zu fordern, will ich mein Geleit zurücksenden, wie Heute geschieht. Um Eure Verbrecher kümmre ich mich nicht, und frei will ich Alle sehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum befehlt stracklich und ohne Verzug, dass man meinen Wildmeister auf Schloss Ambras, sammt seinem, in jenem Rollwagen befindlichen weib und kind und dem anvertrauten Gefolge, das ich gegen Tyrol sende, ungehindert ziehen lasse, bei meiner Ungnade." – Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre wirkung nicht. Ein Schöffe eilte, um das Gebot des Fürsten schleunigst vollziehen zu lassen, und mahnte die Wächter ab, die sich noch immer ungestüm in den Weg des reisigen Trosses warfen, und sich auch nicht so willig den Geboten des Schöffen fügten, als dieser es erwartet hatte. – "Seht, ehrsamer Herr!" behauptete der Anführer der Söldner: "ich will nicht selig werden, wenn das Weib, das sich so ängstlich hinter jenes Wagens Vorhänge verbirgt, nicht dasselbe ist, das gestern und erst noch Heute mit einem kind zu diesem haus kam, um den darin versteckten Mörder heimzusuchen, und ganz gewiss befindet sich der Letztere unter diesem übermütigen Trosse." – "Und wenn es wäre," erwiderte der Schöffe heftig, – "so befiehlt, doch hier der Rat, und an Euch ist's Gehorsam zu üben." – "Ei, so waschen wir unsre hände in Unschuld;" antwortete der Führer unmutig, und wendete sich gegen die Seinigen. Indem ritt der Anführer des Zuges heran, und fragte: "Wird's bald, Herr Schöff? Wie lange soll's noch dauern, frage ich?" – Der Schöffe, der dem Frager in's Auge sah, vermochte nichts zu entgegnen, denn er selbst, der den Todtschläger vor wenig Tagen bis zu der tür des deutschen Hauses verfolgt hatte, glaubte in dem schmukken Jägersmann den Gebannten zu erkennen. Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren, die grobe Kutte vertauscht mit einem grünen prächtigem Rock, an der Stelle des Gürtelstricks Österreichs. Schärpe, so waren es die Augen, die Züge, die Gestalt, die stimme des flüchtigen Mörders. Der Schöffe, ein junger Mann, war in feiner Überraschung auf dem Punkte, das Gebot seiner Herren eigenmächtig zu wiederrufen, aber zu eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptsmanns: "Lasst freien Pass! durch die Reihen der Fussknechte;" auseinander flog der drohende Trupp; und unter Hörnerschall jubelte der reisige Tross, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch die staunenden Hüter hindurch, entlang die Strassen von Sachsenhausen, hinaus aus dem Tore, und ohne Säumen fort auf dem Heerwege, den der Herzog am verwichenen Tage einhergezogen. Und als die Warte, hinter den Reitern lag, und mit ihr die Gränze der Reichsstadt, da näherte sich der Anführer, nach dankbarem, den Vornehmsten des Geleits gereichten Handschlage, dem Wagen, aus welchem ein in Tränen schwimmendes Frauenantlitz, und ein rosiges Kindergesicht ihn anlächelten. Gerührt reichte er die Hand seinen Lieben, und rief: "Segne Gott den edlen Herzog und den biedern Comtur. Wir sind frei, und ein guter Engel möge Dich, Katarine und unser Mägdlein erhalten zu meiner langen Freude, und mich einst ruhig sterben lassen in Euern Armen. Sieh, mein gutes Weib, dort hinter jenen aufdämmernden Bergen, dort liegt unsre neue Heimat. Lass' uns vergessen, was bis jetzt uns schmerzlich gepeinigt. Ich hatte die schwere Prüfung verschuldet, aber Gott ist gnädig und Deine Fürbitte, Du Reine, von ihm erhört worden. Wir dürfen – ich ahne es, – wir dürfen noch glücklich sein!" –
Fussnoten
1 Das dem Musikkenner wohlbewusste Lied, welches seine Anfangssylben zu Bildung der Tonleiter hergab, und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die Heiterkeit gesungen wurde. 'Ut queant resonare fibris etc.'
Zehntes Kapitel.
Wird Christus tausendmal zu Betlehem geboren,
Und nicht in Dir, Du bleibst noch ewiglich verloren.
Geistlicher Spruch.
In einer einsam Zelle des Predigerklosters sass Dagobert, die Laute in der Hand, und sang mit halblauter stimme ein frommes Lied, zu welchem das schwermütige Antlitz des Jünglings,