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mich darob freue, so tut mir weh, dass wir dem Armen nicht den Trost mitgeben können, dass er wisse, wo sein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswürdig an dem kind gehandelt, und ihr unmütterliches Herz weiss wohl nicht, wo der Bube aufgehoben ist, – im Himmel, oder auf der Erde. Der Knabe ist mein Taufenkel; ich möchte wohl für ihn sorgen, wüsste ich nur ....." – "Für Johannes ist gesorgt;" unterbrach Dagobert den Komtur freundlich und zuversichtlich: "er lebt, und lebt in Wohlbehagen und Freude Er vermisst nicht die herzlose Mutter, nicht den Vater, den er nicht gekannt. Aber seines Lebens Stätte und Heimat verschweige ich barmherzig dem Vater. Soll diesem einst Glück blühen in seiner frisch aufstrebenden Häuslichkeit, so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd. Für beide wäre der Unschuldige nur eine quälende Erinnerung, die den Frieden ihres Hauses vergiften, ihm ein trauriges Leben bereiten würde. Ich gelobe es Euch, Herr Komtur, Johannes ist in den besten Händen, und einst sollt Ihr Euch selber davon überzeugen. So viel ich Euch jetzt gesagt, mögt Ihr dem bekümmerten Vater auf Euern Rittereid ungefährdet mitteilen. Nur unsers Geschlechts Namen nicht dabei genannt. Lasst dem Herzog vor allem und Euch zunächst das Verdienst der guten Tat, und Gott gebe hiezu sein gnädiglich Gedeihen." –

Pferde und Wagen braussten und rollten in den Hof. Das lebendige Getümmel eines reisigen Zugs, das Gelärme des fürstlichen Trosses spottete der still gewordnen Nacht, und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Geräusch eines mächtigen Fürstenhofs. Der Komtur eilte, den Herzog ehrerbietig an der Pforte des Hauses zu empfangen, und liess den Hof von fackeln erleuchten, dass er im Mittagschein zu liegen schien. Mit einem freundlich herablassenden Grusse stieg Friedrich aus den Bügeln, und schritt auf den Komtur und den herzukommenden Dagobert gestützt, die Treppe hinan, nach den Prunkgastzimmern des Gebäudes, die durch die Sorgfalt des Trappierers schon bereit standen, den hohen Fremdling gebührend aufzunehmen. Der Herzog, müde von der Reise, verschmähte das angebotne Mahl, entliess bald den Komtur, dem er nur auf wenig Tage lästig zu fallen verhiess, und behielt nur seinen wiedergefundnen jungen Freund, seinen Dagobert, bei sich zurück, den er vermocht hatte, die Nacht mit ihm zu verplaudern, in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Fürst ohnedies seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand. – Der kommende Tag begann eben so geräuschvoll, als der vorige geendet hatte. Die Wachen des Herzogs gerieten in Händel mit den Söldnern des Rats, die sich nicht zurückziehen wollten. Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Römer, um von seinem erscheinen Meldung zu tun, und den ärgerlichen Streit beizulegen. Eine Ehren- und Schildwache des Rats besetzte nun die Pforte des Deutschherrenhauses, die Häscher zogen sich in die nächsten Strassen, und mussten auf ihr Amt so gut als verzichten, da das Volk, so wie es von der Einkehr des Herzogs erfuhr, in hellen Haufen herbeieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem sich der Mann befand, der es gewagt hatte, zu Ehren deutscher Treuen und Redlichkeit, dem Kaiser wie einem grossen Concilio die Spitze zu bieten, und lieber einen grossen teil seiner Habe aufgeopfert hatte, als seinen Schwur, sein Fürstenwort. So verstrich die Hälfte des Morgens, und die anwallende Flut der Menge, welche beständig hoffte, den Herzog ausreiten zu sehen, stieg immer höher, so dass die Gesandtschaft der Stadt, da sie gegen Mittag zum deutschen haus kam, um den erhabnen Gast zu begrüssen, kaum Raum genug finden mochte, um hindurch zu dringen. Was den Ermahnungen der Väter der Stadt nicht gelang, gelang den mächtigen Pferden, die auf grossen Wagen die Gaben heranzogen, welche das gemeine Wesen der Stadt dem Fürsten, der Sitte der Zeit gemäss, darzubieten hatte. Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein, Heu, Hafer und Fischen, und der Schulteiss, umgeben von den Bürgermeistern, dem Oberstrichter und den Schöffen, alle in ihre Amtstracht gekleidet, bat den Herzog, vor dessen Angesicht endlich die Gesandtschaft gelangt war, die Geschenke als einen Beweis des guten Willens der Bürgerschaft, und ihrer anhänglichkeit an den Stamm Östreich, von dem schon mancher um das deutsche Reich verdienter Fürst ausgegangen, huldvoll anzunehmen. – Der Herzog, umringt von seinen Marschällen, Dienstjunkern und den Kreuzherren, seinen gastfreundlichen Wirten, nahm sowohl die Rede des Schulteissen, als auch die zu hof gebrachten Gaben mit der ihm eignen Leutseligkeit auf, und erwiderte dagegen: "Seid bedankt, ihr lieben Herren und Freunde, für das, was Ihr mir aus gutem Herzen reicht, und auch jetzt wieder, – Gott sei Preis und Lob, – reichen dürft; denn unser Haus ist wieder erlöst von des Reiches Acht, und wir sind wieder einig geworden mit unserm lieben Herrn, dem Kaiser." – Der Herzog bemühte sich, die bittre Miene, die sein Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln, und fuhr fort: "Darum mögt Ihr mir wohl vergönnen, einige Tage unter Euch zu weilen, und mich in Euern Mauern umzusehen, dieweilen ich wichtige Angelegenheiten gerne schlichten möchte, über die Euch mein Kanzler eines Weitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache abzutun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe indessen vernommen, dass sich mir Hindernisse entgegenstellen. Ich habe an den Juden David,