denke ich." – "Wofür haltet Ihr mich?" fragte Dagobert kühn entgegen: "Ich sollte einen armen Menschen tödten, der im aufwallenden Zorn die Tat beging, die ihn – ich weiss es – reut? Nimmermehr; und hier, Herr, stehen die Dinge anders denn gewöhnlich. Gestern hat sich's entschieden, dass Wallrade wieder auf das Leben hoffen darf; der Bussfertigen eigner Wunsch ist's, ihren Mörder frei zu wissen und straflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen Gesetzes, – jede menschliche Regung mit Füssen treten? Lernt mich besser kennen, Herr, und folgt meinem Beispiele. Mir ist durch des sterbenden Rudiger's Mund bekannt, dass Ihr Anteil genommen an jenem Unglücksbunde auf Baldergrün; lasst Euch nicht durch eifersücht'ge Rache verleiten, hier grausam zu sein, der Tigerkatze überm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, dass sie unbarmherzig noch mit dem Opfer spiele, das unter ihren Klauen zittert – ihm einen Schein, eine Hoffnung – eine Spanne von Freiheit lasse, um es im nächsten Augenblicke unerbittlich zu zerfleischen!" – Da sah der Komtur den jungen Mann mit einem auflodernden Blicke an, der den Ausdruck einer fast beleidjgten Seele annahm. – "Bei meinem Eid!" rief er: "Ihr nehmt Euch etwas viel heraus, junger Degen, und fürwahr, Euer Name ist nicht geeignet, mich nachsichtiger gegen Euch zu machen, aber Euer kühner Mut gefällt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an Baldergrün und Wallraden erinnert hat. Ihr mögt wissen, dass der Ritter von Issing keiner Weisung bedarf, um Gutes zu tun. Sein eigen Gemüt befiehlt ihm, keine fremde Zunge. Ihr mögt wissen, dass er schon bei sich beschlossen hatte, den armen Mann zu retten, um Gottes und seines Weibes und Kindes willen, und dass er nur den Augenblick erwartet, der ihm erlaubt, ohne ihn der Straffälligkeit gegen seine Pflicht und gegen den Rat der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal unsers Ordens Haus bevogtet und bewacht." – "Der Augenblick ist gefunden;" versetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergreifend und dankbar schüttelnd: "wann erschiene er gelegner, wann so günstig? Der Herzog kommt; von seinem starken Gefolge wird das Haus, werden Sachsenhausens Gassen wimmeln. Die lauernden Söldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden – mehr noch durch des Fürsten Gegenwart, der keinen Häscher in der Nähe duldet, zurückgedrängt – genötigt, aus der Ferne dies Haus zu beobachten, damit der Mörder ihren Netzen nicht entschlüpfe. Morgen Mittag geht ein grosser teil des Comitats auf demselben Wege zurück. In dessen Mitte, im hellen Glanz der Sonne entschlüpfe der Verfolgte. Für reisige Gewänder sorge ich, wie für die Bewilligung des Herzogs Farbe tragen zu dürfen, bis er in Sicherheit sein wird. Die überraschende Einkehr des Fürsten, der dadurch veranlasste Tumult im haus, – die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter, und der von der Rhön ist gerettet, ohne dass Ihr öffentlich die Hand dazu geboten." –
"Schön ausgedacht," erwiderte der Komtur spöttelnd: "fein schnell und leicht auszuführen, aber ein jugendlich Vornehmen, das erst die Tat will, und dann die Überlegung. Wie steht's denn mit dem mann, wenn er seinen Gefahren entronnen ist? Hülflos ist er in die Welt gejagt, und die Seinen erliegen unter der Last des Unglücks, und unter dem Kummer, den Vater abermals von ihnen getrennt zu wissen." – "Der Herzog wird helfen;" antwortete nach kurzem Nachsinnen Dagobert: "O, gewiss, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiser Friede gemacht, und besitzt, wenn gleich an Ländertum geschmälert, noch manche Hufe Landes, auf welcher ein unglücklicher Hausvater eine sichre Stätte finden mag. Ich hatte ja beschlossen, für m i c h seine Gunst anzuflehen; aber mit mir ist's ohnehin vorbei, und so mag dem Ärmern werden, wessen ich nichts mehr bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs rühmen, und rede heute noch mit ihm davon. Ihr aber, Herr Komtur, nehmt meinen Dank für Euer redlich Wollen. Ihr habt mich dadurch mit Euerm Namen ausgesöhnt, der mir aus Rüdiger's mund nicht lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhön und seine Gattin vor, und lasst mich gänzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt sich nicht wohl, dass meiner Schwester Feind auf meinem rücken davon schwimme, und ich möchte seinem wunden Herzen durch kein Wort verraten, dass er m i r , gerade m i r , Wallradens Bruder, Dank für sein gerettet Leben, für seine gesicherte Zukunft schuldig sei." – "Ihr seid ein wackrer Mensch;" versetzte der Komtur etwas beschämt, wie es die Röte seiner Wange bezeugte: "'s ist seltsam, dass ein Stamm nebeneinander die herrlichste und die böseste Frucht zu tragen im stand ist. Um dieses Stückleins willen, so Ihr's vollführt, muss Eure Seele, wenn's zum Letzten geht, gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig. Ich begreife wohl, dass der Dank dreier Menschen eine feste Himmelsleiter sein mag, und der Herr rechnet vielleicht an meinen Sünden ein Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu der biedern Tat hinzufüge. Es bleibt also dabei; indessen, so sehr ich