" erwiderte Dieter: "Zwei Jahre sind es fast, dass ich ihn nicht sah. Das verdammte Zipperlein hat mich gehindert, verwichenen Herbst den Buben zu besuchen, wie ich mir's vorgenommen. Aber so bald es wieder trocken und kalt wird, und meine Gicht das Leben im Steigbügel vertragen kann, steige ich zu Pferde, und gehe den Jungen zu küssen."
"Er ist recht kräftig geworden;" sprach Margarete. "Willhild hat mir gestern Botschaft gesandt. Seit ich ihn heimsuchte, hat er um Vieles zugenommen."
"Hat er?" rief Dieter: "beim Himmel! das ist mir lieb. Ich sagte es oft. Ein gesunder Stamm trägt auch gesunde Früchte! – Wenn er nur schon so weit wäre, dass er wieder kommen könnte in's Vaterhaus."
"Wer weiss, ob das nicht bald, recht bald geschieht;" meinte Margarete.
"Bald? recht bald?" versetzte Dieter mit glänzenden Blicken: "Weib, Ihr wisst am Ende, dass er kommen darf? Sagt mir's ... ich will ihn abholen, auf meinen Armen ihn hieher tragen! Wie gerne will ich meinen Bart von ihm zerraufen lassen, wie gern ihn auf meinen Knien schaukeln, so lange er will, wenn er nur kommt, gesund ist, und unsre Freude wird!"
Margarete benützte geschickt die freudige Bewegung des Alten, öffnete rasch die Seitentüre, und legte den staunenden Knaben an die Brust des vor Freude zur Bildsäule gewordnen Gatten. – "Sieh hier Deinen Sohn!"
"Mein Johannes!" stammelte der Überraschte, und presste ihn unzähligemal an sein Herz, an seine Lippen. Er nahm ihn auf die arme, tanzte mit ihm in der stube umher, geberdete sich, als habe die Freude seinen Verstand verrückt. Endlich setzte er ihn zur Erde nieder, und betrachtete ihn staunend.
"Ich kann nicht zu mir selbst kommen;" sagte er. "Wie können wenige Monate ein Kind verändern! Wie haben sich die Züge ausgebildet, und die Gestalt! Ja; so, so muss ein Sohn unsers alten Geschlechts aussehen; stark, kräftig, ein emporstrebendes Stämmchen. Warum bist Du aber so fremd geworden gegen Deinen Vater? Du betrachtest mich so verwundert, als ob Du mich noch nie gesehen? Was ist denn mit dem Jungen?"
"Auf unserm Maierhofe," begann Willhild ängstlich, "hat er viel vergessen. Zürnt ihm nicht, edler Herr."
"Umarme Deinen Vater, Hans!" gebot Margarete. – Der Knabe warf einen furchtsamen blick auf sie, umschlang Dieter's Hals, und drückte einen herzhaften Kuss auf dessen Mund. – "Willkomm, Vater!" sprach er, noch halb verdutzt: "Hab den kleinen Hans lieb!"
Schon der Kuss hatte Alles wieder gut gemacht, und die zutraulichen Worte des Knaben vollendeten Dieter's Bezwingung. Kosend und tändelnd trat er, den Kleinen auf dem Arm, vor den Spiegel, und sprach wohlgefällig: "Fast möchte ich für wahr halten, was die Amme schon sagte, da sie den neugebornen Buben in meinen Arm legte, er sieht mir ähnlich; recht ähnlich! Ist das nicht meine Nase, mein Mund? Sind das nicht meine Augen? Die Ähnlichkeit hat sich erst recht herausgewachsen. Nicht wahr?"
Margarete und Willhild bekräftigten die Meinung des guten Alten, und sein Vergnügen wuchs zum Mutwillen auf. "Die Lästerzungen," raunte er Margareten in's Ohr, "die über unsern Ehbund spöttelten, werden gelähmt sein, beim Anblick dieses Gesichts, das in das Geschlecht der Frosche recht eigentlich gehört. Sie prophezeiten mir das gewöhnliche los des Sechzigjärigen, der zur zweiten Ehe schritt, und dennoch ...."
Hier wies er triumphirend auf den Knaben, der mit seinen grauen Locken spielte. Margarete verschloss ihm aber den ruhmredigen Mund mit einem Kusse.
Fussnoten
1 Lederne Gürteltasche der Frauen.
Fünftes Kapitel.
O, kehre nie zur Heimat wieder,
Ein Fremdling warst Du ihr.
Dir tönen nicht mehr ihre Lieder
Und ihre Sitte widert Dir.
Was willst Du hier? im fernen land
fand'st Du ein falsches Glück,
Und liessest – Tor! – dafür zum Pfande
Dein ehrlich deutsches Herz zurück!
Altes Schauspiel.
Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum war es auch weiter kein Wunder, dass ihr täglicher Lebensweg ebenfalls ein verschiedner war. Gerhard lag in dem Gastause zum Engel, auf der Bärenhaut, und wartete bei Trunk und Spiel mit der grössten Gelassenheit auf eine gelegenheit, in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert benützte hingegen die ersten Tage seiner Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrükklich versprochen hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden. Um so seltsamer kam es ihm vor, dass es ihm nicht gelang, die mindeste Spur von ihm ausfindig zu machen. Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach dem Prälaten Hieronymus Frosch: niemand wusste ihm Auskunft zu geben. Die Schöffen des Frankfurter Rats selbst hatten nicht das Geringste von einem solchen gehört, und so verging schier eine Woche, und der Eifer Dagobert's hatte schon bedeutend nachgelassen, als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog Friedrich von Östreich beschied. In sein