... was soll ich glauben, was werde ich hören? Redet, ... nur ein Wort, mein fräulein, wo ist mein Gatte, ... was geschah mit ihm?" – Wallrade schlug die Augen gegen Himmel, blickte dann fragend nach der Äbtissin, im Begriff zu reden. Walburg raunte jedoch befehlend in das Ohr der Verwundeten: "Schweigt, .... lasst mich der Schwerbedrängten antworten, damit die Kunde von der Wahrheit sie nicht tödte aus unsrer Mitte. – Euer Gatte lebt:" sprach sie hierauf zu der gespannten Zuhörerin: "Noch mehr; Ihr werdet ihn sehen; macht euch gefasst, ihn im Schoosse des Glücks zu finden, ..." – "Des Glücks?" fragte Catarine rasch entgegen: "Hochwürdige Frau, ... wie konnte Bilger glücklich sein, ohne die, die ihn lieben? Ach, möchte er in Armut und Dürftigkeit darniederliegen ... mein Anblick, der Anblick seines Kindes wird ihm willkommen sein. Ich will ihn pflegen, ich will sein Leben erleichtern. Gott! Alles will ich tun, Alles leiden, Hunger und Pein mit ihm leiden, wenn ich ihr nun sehen, in seiner Nähe sein kann, denn so wie ich liebt ihn keine Andere, so hat ihn jene sicher nicht geliebt, der er gehuldigt, bevor er mir die Treue gelobte." – Wallrade zuckte schmerzhaft zusammen. Walburg versetzte; "Über die Vergangenheit, gute Frau, lasst uns einen Schleier werfen, und uns freuen, dass auch die Zukunft hinter einem Schleier liegt. Verlasst Euch indessen darauf: Euern Gatten sollt Ihr sehen. Vielleicht schon morgen, vielleicht noch heute Abend. Bleibt aber ruhig jetzt, und geht auf Eure Zelle mit Eurem kind. Ihr sollt wohl gehalten sein; denn ich will mein Unrecht gut machen; betet aber dafür ein Vaterunser und ein Stossgebet für diese im Todeskampfe Leidende!" – Dagobert glaubte, indem er einen blick auf der Schwester Antlitz warf, dass sie schon verschieden sei, doch Margaretens Ohr hörte das fast unmerkbare Atmen ihrer wunden Brust, und winkte Allen stille zu sein. Dieser Schlummer, der die arme befallen, schien derjenige, der oft dem allerletzten Schlummer, in welchem der Odem erlischt, vorausgeht. Katarina entfernte sich mit ihrer kleinen Agnes um in der Hoffnung des Wiedersehens zu schwelgen, Walburg betete bei dem Lager der Freundin. Dagobert sass neben ihr, wie ein treuer Wächter. Margarete, nachdem sie eine kleine Weile überlegt, flüsterte zu Dagobert: "Bleibt Ihr, mein guter Sohn; ich kann sie nicht verscheiden sehen. Ich gehe, meine längst versäumte Pflicht zu erfüllen, und vor Dieters Augen die Wahrheit zu entüllen. Weh mir, dass meine Schwäche, mein Wankelmut bis jetzt das geständnis verzögerte: bis jetzt, wo es ein entsetzliches Verhängniss aus meinem Busen reisst. Indessen einmal besser als nie. Komm, Willhild, komm, von diesem Sterbelager müssen wir rein gehen, und nur zu den Füssen meines Herrn ist jetzt unsre Stelle." – "Gott segne Euern Weg;" erwiderte Dagobert mit freudeleuchtenden Augen: "Es wird hell in unserm haus werden, und nur zu beklagen ist's, dass hier Nacht werden muss, damit es dort tage. Geht mit Zuversicht und Mut; ich fürchte, ich werde auch bald folgen können." – Er warf einen besorglichen blick auf die schweratmende Schwester. Margarete zerdruckte eine Träne im Auge, und schlug ein grosses Kreuz über die Leidende. Willhild, die sich mit einem Seufzer von der Erde erhob, besprengte Wallradens Lager mit einigen Tropfen Weihwasser, und wankte der schnell davonschreitenden Altbürgerin nach. So still ihr gang durch die Strassen war, so still war ihr Empfang zu haus. Herr Dieter bemerkte kaum, in sein Leid versunken, die Eintretenden. Gleichgültig sah er auf Willhilds bebende Gestalt, aber mit erzwungner Ruhe fragte er Margareten: "Ihr kommt von ihr? Sie ist hinüber?" – Die Gattin schüttelte den Kopf, und sagte mit geheimer Angst, wie sie denn wohl das harte Bekenntniss einleiten möchte: "Sie lebt noch, mein werter Herr, und sie hoffte, Euch an ihrem Bette zu sehen, als ein versöhnter Vater." – "Zerreisst mir ihr Tod nicht das Herz?" fragte Dieter mit ausbrechender heftiger Wehmut: "Ist sie denn nicht meine Tochter? Ich bin kein Tier des Waldes, das sich die Gebeine seiner Jungen selbst zur Nahrung wählt; ich bin ein Mensch, ein alter Mann von rauhen Sitten, aber meine Brust ist nicht fühllos. Bei meinem scheidenden kind zu weilen, wäre mir eine heilige Pflicht, könnte ich mit ganz reinen, ungemischten Gefühlen die Tochter wiedersehen. Aber, mit dem Mitleid würde der Groll kämpfen, mit der Versöhnung der Hass, mit dem Segen der Fluch, und besser ist's, ich bleibe weg von ihr, als dass mir in ihrem letzten Stündlein, wieder in ihrer Nähe beikäme, was sie gegen mich, gegen uns verbrochen hat."
Margarete wollte in seine Rede fallen, aber Dieter gab es nicht zu. – "Kein Wort zu ihrer Verteidigung," sprach er heftig: "verzeihen kann ich ihr, segnen will ich sie, aber nicht selbst ihr das Wort der Vergebung bringen, aber nicht selbst die Hand auf ihr Haupt legen, aber nicht vergessen dass sie es war, die alles Elend über