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, ... der unschuldige Knabe. Ich hatte nie ein Mutterrherz: ich habe nie das Kind geliebt, dessen Vater ich hasste. Ich überliess dem, der m i c h verlassen, den Knaben nicht, damit er keine Freude an ihm erleben sollte; ich misshandelte den Buben, weil ich in ihm des Vater Ebenbild zu demütigen glaubte: ich stiess ihn hinaus in die Welt, weil mir endlich sein Anblick unterträglich wurde, da sich in seinem gesicht, durch Zufall oder geheimen Zusammenhang der Blutsfreundschaft, die Züge des verabscheuten Bruders entwickelten. Gundel und Rüdiger waren Zeugen meiner Taten, und der unverfälschlichste ist der Knabe selbst, denn E r ist Euer kleiner Johannes." – Staunend schlug Margarete die hände zusammen, und versank in düstres Nachdenken. – "Lasst ihm nicht entgelten, was seine Mutter verbrach, ..." flehte Wallrade: "Stosst ihn nicht von Euch, wie ich getan; .... Dagobert, ... sei Du des Knaben Schirm. Ach, der Vater wird ihn ja nicht ganz verlassen, denn er hat mich Unwürdige ja einst geliebt, obschon sein Zorn ihm jetzt nicht erlaubt an meinem Todtenbette zu stehen. Dagobert! sorge Du für den kleinen Hans! Versprich es mir!" – "Ich gelobe," antwortete Dagobert, Wallradens Hand fassend, – "des Knaben Freund und treuer oheim zu sein; ihn nimmer zu verlassen, und zu halten wie einen Sohn." – "Das erheitert mein schrecklich Ende;" flüsterte Wallrade; dann setzte sie mit erhabener stimme hinzu: "O meine Lieben und Freunde: könnte ich Euch doch eine Hoffnung zurücklassen zum Ersatz für all das Böse, das ich Euch in Wirklichkeit getan. Vergebens werdet Ihr das Kreuz auf dem grab Eures Söhnleins suchen. Willhild's Angst vor der gerechten Strafe ihrer Unvorsichtigkeit wälzte eine Schuld auf sie, die alles Andre nach sich zog. Johannes starb nicht bei ihr." – "Nicht?" rief Margarete heftige aus, und beugte sich tiefer zu Wallradens Lippen. "Hab' ich auch recht vernommen? Johannes starb nicht? Um Gotteswillen! Willhild; was soll das bedeuten?" – Willhild drückte furchtsam und schuchzend das Antlitz in die Kissen des Lagers; Wallrade versuchte vergebens zu sprechen; Dagobert jedoch ergänzte mit vorsichtiger Kürze das Mangelnde. "Rüdiger, der Knecht," sprach er, "hat mir im Sterben gestanden, was er dem mann Willhildens, dem halb blödsinnigen Paul entlockt hatte: Der Knabe kränkelte sehr, und war nahe dem Versiechen, da rief eines Tages ein notwendig Feldgeschäft Willhild und Paul zur Bestellung ausserhalb der Hütte. Das seltne freundliche Späterbstwetter, bewog die Pfleger, den ihnen anvertrauten Sohn nicht in der Hütte einzusperren, wie sie sonst wohl getan, wenn sein überhandnehmendes Gebreste es verhinderte, ihn mit auf's Feld zu nehmen. Sie liessen dem Buben Wies und Gärtlein frei, und da sie von der einsamen wohnung gingen, hatte sich das kranke Kind in den Sonnenschein auf eine kleine Bank gelagert, die am Gehege stand, und war eingeschlummert vor Schwäche. Die Leute blieben stehen vor dem Knaben, und ihnen war, als sollten sie nicht von dannen gehen, und das Herz wurde ihnen weich beim Anblick des abgemagerten Gesichts und Körperleins. Sie trauten sich jedoch nicht, den Kleinen zu wecken, breiteten noch ein Tüchlein über sein Antlitz, und begaben sich hinweg. Da sie aber wieder zurückkehrten, war der Bube nicht mehr da, und nicht in Haus und Hof, nicht auf Wies und Feld zu finden, und bis auf den heutigen Tag nirgends eine Spur von ihm anzutreffen gewesen." – Dagobert schwieg, und der Schmerz der Mutter nahm nun das Wort: "O, wie erneuert diese Erzählung blutende Wunden!" klagte sie: "Wie doppelt fühle ich jetzt den Gram um meinen Einziggebornen! Bis jetzt glaubte ich ihn in kühle Erde versenkt, im geweihten, christlichen grab, und jetzt erst muss ich befürchten, dass ihn ein wildes Tier hinweggetragen, das herabgekommen ist von des Haynreichs waldigem Rücken1. Seine Gebeine sind ein Spott der Vögel geworden, und düngen den Boden des Forstes! Willhild! Willhild! Was hast du auf dem Gewissen, Unglückliche? Und ist Alles wahr, was ich vernommen?"

Willhild vermochte nur, stumm den Kopf zu neigen, und brach in lautes Weinen aus. Wallrade winkte ebenfalls bekräftigend, und faltete die hände, wie um Vergebung für die reuevolle Pflegerin zu bitten. – "Das hat lange auf meiner Brust gelastet," begann Dagobert; "und ich konnte mich nicht überwinden, es zu entdecken, aber das Unglück schenkt dem Menschen nichts. Fasst Euch daher, gute Mutter, und setzt Eure Zuversicht auf Gott, wie Ihr auf diese arme Frau keinen Groll werft, sondern die Liebe des Gerechten, das Mitleid Eurer Seele." – "Dann sterbe ich leichter," sprach Wallrade, die wieder zu Kräften gekommen war: "ruhiger, unter Verzeihenden eine Vergebende, denn ich nehme alle Schuld von meinem Mörder, dem unglücklichen von der Rhön." –

"Von der Rhön?" fragte Catarina, aus ihrem zärtlichen Kosen mit dem Kind aufschreckend: "Was ist mit ihm? Wallrade, ich beschwöre Euch bei der Barmherzigkeit Gottes, ... bei Eurem Seelenheil, ... wo ist der dessen Namen Ihr nanntet? Auch dieses lallende Kind nannte ihn .