1827_Spindler_093_28.txt

anders. kommt ein böser Fall auch hie und da vor, so könnt Ihr mit Geld Euch Ablass holen. Wir armen Leute haben aber nichts, als das nackte Leben, und unser Leutpriester zu Wiesbaden ist ein strenger gottesfürchtiger Mann, dem ich doch nächste Ostern den ganzen Handel beichten muss. Er ist im stand, und schickt mich ohne Ablass aus dem Beichtstuhle, und dann ist es so gut, als ob ich vor der ganzen Gemeinde im Banne läge."

"Sei unbesorgt!" erwiderte hierauf Margarete: "kommt die Zeit heran, so mache Dir ein Geschäft zu Frankfurt, und lege Dein Sündenbekenntniss vor meinem Beichtvater, dem guten Barfüssermönch Reinhold ab. Der wackre Priester fragt nicht nach Namen und nähern Umständen, und lässt Deiner Reue um so eher die gewünschte Lossprechung angedeihen, als Du beschwören kannst, durch besagte Verwechslung einen unglücklichen Knaben glücklich gemacht zu haben."

"Nun so sei es denn in Gottes Namen!" sprach Willhild, und legte mutig ihre Hand auf das Kruzifix, das ihr Margarete vorhielt und in dem ein Splitter von der Hirnschale der heil. Katarina eingefasst war: "Da mein Seelenheil nicht gefährdet sein soll, so schwöre ich das mit aufgelegten Händen auf die Heiligen zu den Heiligen, dass ich Euch nimmer verraten werde, so lange mir die Augen offen stehen, an Niemanden, der da lebt, und vom weib geboren ist."

Hierauf küsste sie der Gebieterin die Hand und Beide begannen nun zu beratschlagen, wie und wann der Knabe in das Haus seiner neuen Eltern eingeführt werden sollte. Der kleine Hans sass dabei, ohne von der Verhandlung etwas zu verstehen, spielte mit dem Spitzhunde und liebkoste Margaretens Hand, und nannte sie einmal über das andre seine gute und liebe Mutter. – Ehe jedoch die Beratschlagung eine völlig genügende Wendung genommen hatte, hörte man von ferne den Schritt des heimgekehrten Gemahls. – Margarete sprang mit Herzklopfen auf. – "Kein Zögern mehr!" rief sie: "das Schicksal will schnellen Entschluss. Willkommen, Johannes Frosch! Du wirst den Vater sehen!"

Sie drückte den Knaben mit wehmütigen Gefühlen an ihre Brust, und drängte Willhild mit dem Kleinen in die kammer. Schnell trocknete sie die Träne von ihrer Wimper, schmückte vor dem Spiegel ihr Gesicht mit freundlichem Lächeln, und erwartete mutig, wiewohl nicht ohne innere Bangigkeit, den Eheherrn, der auch nicht säumte, bei ihr einzusprechen.

"Guten Abend, Margarete!" sprach Dieter in fröhlicher Weinlaune auf die Gattin zugehend, und sie in die arme schliessend. Er warf einen freundlichen blick auf sie, und da er gewahrte, dass sie mit gleicher Freundlichkeit zu ihm aufsah, so freute er sich dess, und sagte: "Seht, liebe Ehewirtin, so gefallt ihr mir. Das düstre Gesicht, das schon seit geraumer Zeit Euer alltägliches geworden war, hat mir viel Nachdenken verursacht. Aber wenn Eure Stirn glänzt, wie ein heller Spiegel und Euer Mund so zuckersüss lächelt, – gerade so wie jetzt, – dann geht mir das Herz auf."

Er küsste sie zärtlich. "kommt, lasst uns Eins plaudern;" fuhr er fort, und zog sie auf den gepolsterten Fenstersitz. "Es ist mir jetzt Bedürfniss, zu schwatzen wie eine Elster. Gar unlieb wäre es mir gewesen, wenn ich Euch noch trübsinnig gefunden hätte, wie heute zu Mittag, denn ein Glas Rheinfall hat meine Seele fröhlich gemacht, und eine wohlklingende Botschaft ist mir zu Ohren gekommen von meinem Sohne Dagobert."

"Welche?" fragte Margarete, nicht ohne Teilnahme.

"Ihr seid ein wackres Weib!" versetzte der alte Dieter, ihr die Hand drückend: "Ihr nehmt so viel Anteil an dem Jüngling, und er ist doch nur Euer Stiefsohn. Darum sagte ich ja immer, wenn mich meine Freunde und Spielgesellen aufhetzen wollten gegen Euch in Schnack und Schwank: meine Grete ist ein herzliebes Ehgespons, das sich weder an meinem grauen Bart stösst, noch nach dem flaumbärtigen Stiefsohn verlangt in Unehren; und darum sollt Ihr auch jetzt wissen, dass der Dagobert glücklich und gesund zu Costnitz angekommen ist, wie mir – 's ist kaum eine halbe Stundeder Stadtschreiber Heinrich von Gelnhausen versichert hat, der in Reitstiefeln, gerade wie er vom Ross gestiegen, auf unsere Trinkstube Limpurg kam. Der Schöffe von Braunfels hat ihn zurückgesandt, um noch mehrere Schriften nachzubringen, und im Augenblicke der Abreise hat er unsern Dagobert, der gerade angekommen, begrüsst. – Nicht wahr, das freut Euch, so wie mich."

"Von ganzer Seele;" versetzte die Frau.

"Der Trunk Weins hat mir absonderlich darauf geschmeckt;" versicherte Dieter. "Mitten unter der Freude meines Herzens ist mir jedoch eine ernste Betrachtung angekommen. Sprecht selbst, liebe Ehewirtin: ist's nicht ein seltsam Schicksal, von dreien Kindern, die uns lieb sind, keines unter unsern Augen zu haben? Von der Tochter will ich eigentlich nicht reden, denn sie hat sich selbst losgesagt von uns. Ihr Bruder aber ist fern, auf seinen Beruf bedacht; und unser Johannes, mir das liebste von den Kindern, da Ihr seine Mutter seid, lebt auch von uns entfernt, ohne dass wir selbst ihn pflegen könnten, und seinen schwächlichen Leib."

"Ihr würdet ihn also gerne wieder um Euch haben?" fragte Margarete lächelnd, obgleich ihr das Herz beinahe brach.

"Welche, Frage?