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sie nicht aufhöre, mich zu achten, wie einen Ehrenmann." – Schweigend verneigte er sich und verschwand. – Seinen quälenden Gefühlen konnte' er jedoch nicht entgehen, wie den strafenden Blicken der argwöhnischen Mutter. Viele Male hielt er auf seiner Strasse inne, und überlegte bei sich selbst, ob er zurück gegen Frankfurt kehren solle, – ob er es versuchen werde, Ester's Spur zu finden. Gegen diesen letzten, von keinem Hülfsmittel unterstützten Versuch sträubte sich sein Stolz. "Ward ihr's so leicht, von dir zu scheiden ohne Frage, ohne Wahl und Lebewohl," sagte dieser, "so lass sie. Sie hat deine Liebe nicht verstanden, oder war ihrer nicht würdig." – Und dennoch flüsterte sein Herz im nächsten Augenblicke: "Ach, freilich hat sie dich verstanden, so wie auch du i h r e Liebe, die heilige, tadelreine verstehst. Freilich war sie deiner würdig, und auch in der Ferne wird sie's bleiben. Und hierauf dachte er an das Vaterhaus, an den Vater, der ihm wieder lieb geworden, an die reuige Mutter, an den kleinen Hans, und den biedern gelehrten Johannes, und er fühlte, dass ausser der Liebe noch das Leben Ansprüche an ihn, und Pflichten für ihn habe, und dass daheim nur das heilende Kräutlein – v i e l l e i c h t auch nurwachsen möchte, seiner Seele Wunden zu sänftigen. Gegen alle Weltgegenden breitete er daher seine arme aus, als wollte er die Verlorne damit an sein Herz ziehen, und wäre sie am äussersten Ende der Welt. Ihren Namen rief er laut und oft in die Luft hinaus und himmelan; dann waffnete er sich mit neuem Mute, und wandte sich nach der Vaterstadt, ... nicht ein Vergessender, sondern ein in seines Herzens Mut und zuversichtlicher Kraft Getrösteter."

Er hatte kaum den Scheideweg verlassen, der ihm die Strasse frei liess nach Friedberg und weiter in's Land, oder nach dem Mainstrome, als eine leise stimme, hinter einem Haselbusche hertönend, fragte: "Aber Veit! warum fendest Du dem Schurken nicht einen Pfosten nachoder in Ermanglungeinen guten derben Stein?"

"Ei, lass mich doch, Leuenberg," antwortete der Hornberger; denn die beiden Ehrenmänner waren's, die hinter dem Busche lagen: "ich bin noch müde, wie ein kolleriges, Pferd, das seinen Meister gefunden hat. Der scharfe Ritt schon hatte mich angestrengt, und Du, guter Geselle, warst in eine verdammt schlechte Sippschaft geraten, deren arme nicht von Wachs gewesen sind. Sag' mir doch, wie kamst Du unter das Gelichter?"

"s' hat weiter kein Bedeuten," entgegnete Leuenberg, "und mein wunder Schädel schmerzt mich dermassen, dass ich nicht viel reden mag. Seit ich von Neufalkenstein wegging, hat mich tausend Not verfolgt. Wie hab' ich's bereut, dass ich dem ängstlichen Doring folgte, der von der Burg ausriss, als hätten ihn schon die Häscher der Stadt beim Helmkragen. Der Taugenichts ging seine Wege, ich die meinigen. Auf der Gelnhäuser Burg hatte ich nichts zu leisten, nichts zu tun, und schlug mich hieher, wo ich auf dem Anstand herumlungerte, ohne ein glücklicher Schütze zu sein. Ein Paar arme Bauern, nicht der Mühe wert, sie zu durchsuchen, – das war Alles, was die Heerstrasse bot. Doch halt! bald hätt' ich's vergessen: einen Schelm bot sie auch: den roten Juden Zodick, oder wie der Teufelskopf in der Taufe genannt wurde." – "Ho!" fiel der Hornberger ein: "wie schön! Friedreich, mein Patchen! Was treibt der hier herum?" – "Der Gauner stiehlt auf eigne Faust, zu Fuss zwar, wie ein rechter Dieb," versetzte Leuenberg, "allein dem hebräischen Hund war das Gewerbe im stillen Busche weit günstiger, als mir ausser dem Feld und Holz. Gestern hat er einen Reifenden geplündert, und heute den Plunder zum Verkauf getragen. Hier wollt er sich einfinden, sagt' er. Ich schlenderte indessen zu Gaule hin und her, bis der verdammte Wechsler daher fuhr, in dessen Gefolge ich eben so wenig nassauische Reitersknechte vermutet hätte, als den Tod, und den ich also blind und töricht angriff. Wie mir's erging, weisst Du so gut wie ich, denn ohne Dein Hinzukommen wäre ich jetzt steif und starr. Hab' Dank, dass Du mich hieher geschleppt hast; ich wollte gerne meine Wunde verschmerzen, wenn ich meinen guten Klepper, den die Hunde niederstiessen, wieder lebendig machen könnte, oder wenigsten das Blut jenes breitmäuligen Junkers gesehen hätte, der Deiner Trägheit verdankt, dass ihm sein erbärmliches Leben geblieben ist. Oder war's etwa eine gewisse Ängstlichkeit, die Dich zurückhielt? Willst Du Reu und Leid machen? und hat Dich das, was Du in Frankfurt saht, auf ernstaftere Gedanken gebracht?" – "Möglich wär's schon gewesen, beim Donuer;" hiess des Hornberger's Antwort: "Dich hätt' ich an meiner Stelle sehen wollen. Ich ritt ganz ruhig und verkappt in der Stadt ein, und kaufte mir die Dolchklinge hier. Da nun die Gassen wimmelten von neugierigen Leuten und Alles sich dem Bockenheimer Tore zuwälzte, konnte ich mich nicht entalten, nach der