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vorwerfen, sie seien erkauft durch das Eure. Nimmermehr! Ich will sein stark, stärker als mein Geschlecht, stärker als der Mann selbst, der nicht freiwillig ablässt von dem, was er liebt." – "Dann segne Dich Jehovah!" entgegnete Ascher freudig: "O gehe mit mir, Schwester, wiedergefundne Tochter Abrahams und Jakobs. Noch besitze ich Geld und Gut, zu fristen unsre Tage. Komm, teile mein bescheiden los, tröste mich in meiner Busse, in meiner Reue; halte bei mir aus, und der Herr wird uns wiederschenken den Vater, dessen Schmach und Elend gewisslich nur eine Folge ist meiner Missetat." – "Ein Lebewohl, – das Letzte, werde ich doch dem Freunde bringen dürfen?" – "Nein, nein!" herrschte Ascher: "Fliehe die glatte Zunge aus Midian, fliehe den Mund, der Dich betörte. Ein Hauch der Schlange reicht hin, Dich und uns Alle zu verderben. Du musst mir folgen! O, warum ist die Nacht schon dunkel geworden? Warum leuchtet nicht die Sonne? Gleich müsstest Du gehen mit mir. Aber morgen, morgen, so wie es Tag wird, folge mir!" – "Du brichst mein Herz und meine Gefühle, wie Binsen!" rief Ester schmerzlich: "Aber, mag ich doch das Opfer sein, dass der Herr nicht zürne, und dass es den Meinen wohl gehe auf der Erde! – Ich will mir denken, Er sei m i r untreu geworden, während ich doch meineidig werde gegen ihn. Ich will mir denken, dass er in den Tagen, wo ich für ihn zitterte, ein Opfer der Vehme gefallen sei; aber werden diese Gedanken mich beruhigen? Werden sie nicht entsetzliche Geisseln und Stacheln sein, um zu zerfleischen mein Inneres? Mein Bewusstsein erhalte mich aufrecht, und mein hochgelobter Gott, der mich geschaffen. In seinem heiligen Namen, – Bruderich folge Dir!"

Fussnoten

1 Eine ehemalige Büssungsart der Juden.

Sechstes Kapitel.

Du bist ein hartgesottener Sünder!

Schiller's Fiesko.

Der arme Dagobert hatte nicht die kleinste Ahnung von dem, was in seiner Abwesenheit vorgegangen war. Mit der Freude eines Liebenden, der auf sein nahes Glück hofft, hatte er aus den Kaufläden der Stadt das Schönste und Beste zusammengelesen, um seine Liebe damit zu zieren, und es vermag der Mensch keine grössre Seligkeit zu fühlen, als er, da er am folgenden Abend am Forstgehege anlangte, und klopfenden Herzens sich der Hütte näherte. Dort sass eine weibliche Gestalt, harrend, nachdenkend, wie es ihm schien, und ihr schmuckloses Gewand war wie Ester's anzusehen. Der Jüngling verdoppelte seine Schritte, – er flog der Teuern entgegen; – und sie war es nicht. An ihrer Statt begrüsste Regina den Betroffenen, und bei seinem Anblick stiegen ihr Flammen auf die Stirne, Zähren in's Auge. – "Mein Gott!" stammelte Dagobert: "mein gutes fräulein! Ihr hier? Genesen, aber allein? Was verkündet mir diese Stille? diese Bewegung in Euerm Antlitze? Wo ist Ester?" – "Ich soll Euch ihr Lebewohl bringen;" entgegnete Regina halblaut und schüchtern; aber diese Verlegenheit wurde zum Schreck, da sie den jungen Mann fast bewusstlos hinsinken sah. Kaum vermochte sie alsdann seinen stürmischen fragen Genüge zu leisten. Sie erzählte, so gut ihre eigne Erschütterung es zuliess, wie sie heute in aller Frühe zum Wald gekommen, um sich des schönen Morgens zu freuen, da die Krankheit sie so lange in der kammer daheim gehalten; wie Ester ihr in Begleitung eines finstern Mannesaber sonst ohne Geleit, schon fern von dem Hüttenpfade begegnet, – wie sie bestürzt das Mädchen angeredet habe, und nach Dagobert gefragt. 'O mein holdes fräulein,' hatte Ester gesprochen: 'sagt ihm, der heute vergebens sich dieser Stätte nahen wird, – sagt ihm mein letztes, herzliches Lebewohl. Sagt ihm, dass Ben David uns wohlmeinend getäuscht, dass mein Bruder mich errettet aus der Sünde, in die ich unschuldig fast geraten wäre; dass ich meinen Gott nicht verläugnen darf, aber ewig ihn, mein Heiligenbild, im Bussen tragen werde; ... dass er mich beklage, sich aber dennoch meines Sieges freuen möge, und ... setzte Regina verschämt hinzu; in der Liebe einer Andern, Bessern glücklich sei.'" –

Keine Schilderung von Dagobert's Gefühlen. Nach langem Kampfe sich mühsam erhebend, seufzte er: "Nun dann! so ist er vorbei der schöne Traum, der mich beglückte. So ist dahin, was ich in meinen Nächten gesonnen, warum ich im Sonnenlichte gekämpft, wonach ich gestrebt mit allem Feuer meiner Jugend. Der Aberglaube, eines Bruders finstre Glaubenswut reisst Alles zusammen, was ich, dem Verhängniss zum Trotz erbaute; den Tempel meines Glücks. In Gottes Namen also. Das Unheil soll auch seinen Mann an mir finden; aber, dass sich a l s o löste, was so eng verbunden wurde, dass die holde Fessel so s c h n ö d e gesprungen; ... das tut mir weh, und darum wird diese Wunde nimmer vernarben. O, welche Menschen! Mein Vertrauen also zu täuschen! Ben David lügt mir ein Glück, das ich kaum ahnte, ... sein Sohn entreisst es mir, und Ester reisst sich kalt von allen