erholte, riet mir dringend an, zu tun, wie ich gesonnen. Meine Jugend war müde, immer Knecht zu sein von andern, und zu gehören zu der Sohle von ganz Deutschland. Ich schwor daher der Väter Lehre ab, auf dass es mir wohl gehe auf Erden. Meine Wissenschaft wurde nun hervorgezogen aus dem Staube der Erniedrigung, und jener vornehme Mann wirkte mir einen Lehrstuhl aus zu Heidelberg, um die hebräische Sprache zu lehren, nachdem ich ihn selber vorher einige Jahre unterrichtet hatte. Mir ging es wohl, und der Lehrer Taufkirch war wohl gelitten allentalben, verfehlte keine Messe, keine Predigt, und hatte ausgezogen den verachteten Juden, – kaum mehr zu erkennen an der Mundart. Nichts hätte gestört mein Glück, wenn es nicht war der Wurm in meiner Brust, der plötzlich anfing, sich zu heben, mich zu quälen. Mein Amt begehrte, dass unsre heiligen Bücher sich einprägten in meinen Kopf, und da fand ich denn nach langem Sinnen, dass alle unsre Lehre, wie die Väter sie befolgten, der Grund der Lehre vom Erlöser sei, und dass ohne diesen Grund die Letztere nicht habe können entsteh'n und wachsen. Und nun schlug mir das Gewissen, und nachdem ich einige Jahre hindurch gekämpft, gelitten, und mich halb gegrämt zum tod, hat des himmels Herrlichkeit und Israels Gott den Sieg gewonnen über meine zeitlichen Begierden; weggeworfen habe ich das Amt, um heimzukehren zum Vater, wie der verlorne Sohn, zu den schulen, wie das verirrte Schaf. Da erfuhr ich zu Frankfurt Euer grausam Schicksal, des Vaters Flucht, wie sie es nennen, den Tod des Jochai, und Dein Verschwinden. Auf's Geratewohl habe ich mich gehen lassen in die Welt, und die Reihe von Abenteuern, die mich bis hieher gebracht zu diesem abgelegenen Winkel, verbürgt mir, dass es Gottes Wille sei, dass ich Dich rette!" – "Hochgelobter Gott!" jammerte Ester: "Welche spitzige Widerhaken wirfst Du in meine Brust? Ben David entflohen? und ich dennoch sein Kind? dennoch aus Israel? Bruder! sei barmherzig, und sage, dass Alles gewesen ist Lüge und leerer Schaum." – "So wahr ich lebe, und der Himmel gemacht ist vom Herrn, so wahr ist mein Mund;" beteuerte Ascher düster und dringend: "ich bin gesendet, ein Prophet zu der am Abgrund schwebenden Zion, die einst Königin der Städte gewesen, und nun sich herablassen will zur Magd der Edomiter! O höre auf meine stimme, Ester, höre sie, damit Du nicht einst bereuen mögest, was Du getan. Lasse ab von dem Jüngling, der zu Rom hält. Lasse ab von dem Gedanken, zu werden, wie er. – Tröste Dich nicht mit dem Gedanken, nicht Du, sondern David, unser Vater, müsse verantworten die Lüge, die seine unendliche Liebe gewagt hat, auf die Gefahr, seine eigne Seligkeit zu verlieren. Aber der Herr, der hochgelobte Gott, ein starker und eifriger Gott, züchtigt für die Sünden der Väter die Kinder bis in's tausendste Glied. Unglück und Schande wurde erwachsen aus Deiner sündigen Ehe, Ungeheuer an Leib und Seele daraus hervorgehen, den Teufeln gleich, die Leviatan mit Lilis zeugte." – "Halt ein, Ascher!" rief die Verzweifelnde. Der Schonungslose fuhr aber dennoch fort: "Höre mich, verführte Tochter Salem's! Gib Dich nicht in Moloch's Gewalt. Du sollst seine Sklavin sein. Warum wird er nicht ein Sohn Jakobs, wenn seine Liebe eifrig ist? Warum sollst Du zu seiner Lehre schwören? Weil er Abrahams Saamen verachtet, weil er Dich sündigen machen will, damit Du sein und der Hölle seist, auf immerdar. Denn Sünde ist dieser Tausch, – glaube mir, dem Sündigen. Wer seinem angebornen Herrn untreu wird, seinem Gott; wie kann der ferner treu sein im Haus, im Ehebett? wie kann ein solcher Treue verlangen? und wie wird einst seine Sterbestunde sein? O, glaube, glaube an die Qualen des Abtrünnigen; ich habe sie gefühlt, ich fühle sie noch, und werde nur erst dann ruhig werden, wenn ich gebüsst habe in einer Schule. O kehre um, setzte er wie in Verzweiflung hinzu: Kehre um, da es noch Zeit ist, und Du dieser Busse nicht bedarfst. Sieh mich an, wie mich der Herr geschlagen hat: Wie meine Gebeine geschwunden sind, wie mein Leib zum Schatten geworden. Nicht Schlaf, nicht Ruhe kommt über mein Auge, nicht die Hoffnung in meine Brust, und dieser Zustand muss sich ändern, sollte ich auch Jahre lang vor der tür einer Synagoge liegen, und mit meinem rücken den Gläubigen zur Schwelle dienen1. Aber selbst dann würde ich nicht wieder sein, wie zuvor, wenn ich Dich nicht gerettet; versiechen würde ich im Jammer, wie auch versiechen wird in Elend und Trostlosigkeit David, unser guter, allzu guter Vater. Dir gehört dann sein Tod; und mein letzter Seufzer wird sein Dein Werk!" –
"O schweige, schweige, grausamer Bruder!" schluchzte Ester, trostlos die hände ringend, "Du greifst fürchterlich mein Herz an, das doch nichts Böses wollte, das doch nur glücklich zu sein begehrte! Aber nicht Dein Tod, nicht der unsers Vaters komme über mich. Wie könnte ich die Freuden des Lebens finden, müsste ich mir