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"Er ging missmutig zu seinen Hunden und in die Hütte, während das Gespräch zwischen Ester und dem Ankömmling so ernst wurde, dass sie Ammon's gänzlich vergassen. – Verlorner! sagtest Du;" sprach Ascher wehmütig, Ester's Hand ergreifend: "die Wahrheit kommt nicht reiner vom Himmel, als in diesem Worte aus Deinem mund. Verloren war ich, verloren bin ich, und würde es bleiben, wollte ich nicht zu rechter Zeit mich wieder gewinnen. Ach, sieh mich nicht an, Ester. Ich habe schon des Vaters Zorn gesehen; lass mich nicht schauen auch Deine Berachtung. Vergib mir, dass ich hingegangen bin vom Glauben zum Irrtum, von dem Gesetz der Väter zu einem fremden. Die Überredung hat mich verleitet, der finstre Geist des fälschen Wissens hat mich verführt; Hoffnung auf ein zeitliches Glück hat mich betört, dass ich getan, was ich jetzt bereue von Herzen, wie der grosse König David bereut hat seine Sünden."

"Ei, was muss ich hören:" fragte Ester dagegen: "Du bereust, der Tora abgeschworen, dem reinen gesetz gehuldigt zu haben? O schwanke nicht in diesem neuern herrlichen Glauben! Zittre vor Wankelmut, und halte Dich fest an dem Leitfaden, den des Ewigen Milde Dir erlaubte." – "verstehe' ich Dich?" sprach Ascher verwundert: "Ist das meine Schwester, die Tochter meiner Mutter, der einzigen Tochter des frommen Alliba zu Oppenheim, auf dem der Friede sei, wie auf ihr die Ruhe und Segen? Spricht also die Tochter David's, des Sohnes Jochai, die nimmer versäumt hat eine von den vielen Pflichten, die zu erfüllen hat ein Sohn des Gebots? Wie kommt es, dass Du mich schiltst, da ich tue, was Recht ist? Reue und Busse."

"Ach, Ascher!" entgegnete Ester milde unk freundlich: "Ich hätte Euch nicht gehasst, so auch noch Alles geblieben wäre, wie ehedem, denn die Gojim, wie Du und Deine Brüder sie nenne, sind mir doch immer vorgekommen, wie unsre wahren Brüder. Aber; es ist alles ganz anders geworden. Ich heisse nicht mehr Ester; mein Name ist Maria, und eine Christin bin ich von Geburt an; nicht Davids Tochter, nicht Deine Schwester." – "Nicht Davids Tochter?" fragte Ascher: "nicht meine Schwester? Wie fasse ich das?" – Ester erzählte vom Ungemach des Vaters an, bis auf den heutigen Tag, und das geständnis Davids Alles, der Wahrheit getreu, und Ascher traute kaum seinen Ohren. "Weh geschrieen!" rief er, da das Mädchen vollendet hatte: "Gott! was habe ich gehört? Der Herr segne den Raaf im Paradiese, und der Raaf verzeihe dem Vater die Lüge, die er auf jenes Grab gepflanzt. Eine Lüge? – Ich will sterben zur Stunde und ohne Gebet und ohne Beistand dahin fahren, wie der Abtrünnigen Grässlichster in seinen Sünden, wenn das wahr ist, was der Vater mir berichtet. – Wie? – O, David ist ein sanfter Herr seinen Kindern; er will sie glücklich sehen; er will allein tragen den Vorwurf, damit das Gewissen seiner Kinder frei bleibe vom Vorwurf. Er will selbst werden ein Sünder, bevor, er zugäbe, dass Du, Ester, eine Sünde begehest. Du, Ester, D u bist Davids Tochter, und keine andre. An Deiner Wiege sass ich über einen Mond, wachend und Dich wartend in einer Krankheit, die mit der Geburt über Dich gekommen war. Ich und, mein Bruder sind niemals mit dem Vater gewesen über Land. Nie hatte sie Statt, die angebliche Verwechslung. Der Raaf hätte nimmer ein Christenkind in's Haus eines Gläubigen geführt, nimmer sich teilhaftig gemacht einer solchen Sünde wider das Gesetz; und dieser hebräische Buchstab an dem kleinen Finger Deiner linken Hand ist eingeätzt worden von dem kunstreichen Raaf, da Du noch keine Woche alt gewesen, als Zeichen unsers Hauses. Ich gelobe Dir's, beim haupt des Vaters: Du bist von seinem Blute und aus Israel." –

"Herr Gott im Himmel!" feufzte Ester ängstlich und niedergeschlagen: "Wenn das wäre! Entsetzlich! Wo ist der Vater? Du wirst sehen, Ascher!" ... – "Nicht doch, mein Kind;" versetzte Ascher, seiner Sache gewiss: "Ich werde nicht einmal den Vater sehen, denn er ist geflohen vor meinem Antlitze." – Ester's Staunen mehrte sich, da sie nun erst erfuhr, was auf dem Wege hieher vorgefallen. – "O, gewiss, ist es, gewiss," schloss er: "Vaterliebe seltner Art hat Ben David's Zunge regiert. Aber Bruderliebe ist noch gekommen zu guter Zeit, um dich zu retten für die Ewigkeit, die ohne Ende ist in ihren Freuden, aber auch unendlich in ihren Qualen. Höre mich an, Schwester, höre mich an, und glaube, was ich rede. Der Vater hatte mich bestimmt zu lehren in der Schule, und ich habe darum gelernt das Geschrift und die Kunst zu lesen unsre Sprache nach der Wissenschaft, und die Kabbala in all ihren Zweigen. Da kam mir's plötzlich an, als würde ich machen mein Glück unter den Christen, und ein vornehmer Mann von Mainz, der sich im Hebräischen oft Rats bei mir