1827_Spindler_093_265.txt

brach da er dieses sah, in ein wüstes Fluchen und Toben aus, das nur die wiederholte, dringende Frage des Fremden unterbrach: ob der Jäger den Flüchtigen kenne, und wer dieser sei?" – "Ei, potz Reiher und Falk!" schrie Ammon: "ob ich ihn kenne? Der narbige Ketzer ist kenntlich genug. Das ist eben der Vater der schönen Ester, von der ich Euch geredet."

"Ester? Ihr Vater?" rief der Fremde an seine Stirne fühlend, ob denn auch alles um ihn her wirklich sei, oder ein Traum: "Gepriesener Gott! ich kenne ihn auch, diesen Mann. Sein Name?" – "Der leidige Teufel kennt ihn besser als ich," antwortete Ammon, mit der Faust nach der Gegend drohend, in welcher der Fliehende verschwunden war: "ich könnt' ihn nicht behalten." – "Ben David?" fiel der Fremde ein: "rede, Mann des himmels! So Du sagst ja, werde ich Dich halten wie einen Freund, wie einen Bruder." – "Nun denn, in aller Hexen Ramen: Ja!" – rief Ammon: "So heisst der Bursche. Warum aber der Mensch davon läuft, als habe er die Kleinodien des Reichs gestohlen? Warte, Hund! Wenn ich zu haus etwas Unrechtes merke, wenn meiner guten Ester etwas geschehen ist, so verschreibe ich mich dem Teufel wirklich und leibhaftig, um nur Deiner habhaft zu werden, Jude, und Dir die Fusssohlen mit glühenden Peitschen streichen zulassen."

"Ester! Ben David!" wiederholte der Fremde indessen häufig hinter einander, und geberdete sich ganz seltsam, die hände zusammenschlagend, mit dem kopf nickend und schüttelnd, Füsse und hände und Körper bewegend in lebhaften und wunderlichen Geberden, während sein blasses eingefallenes Gesicht bald Freude, bald Kummer, bald Ängstlichkeit, bald eine Art von wildem Unmut verriet. – "Gott sei bei uns!" rief Ammon derb und roh dazwischen: "Trügt Ihr nicht einen Rock wie ein christlicher Schulherr, ich würde Euch für 'nen Rabbiner halten, so verzerrt ihr Leib und Angesicht. Lasst doch die Possen, und tretet derb auf; ich kann nicht erwarten, zu sehen, was daheim ist vorgefallen." – "Daheim! ja daheim!" wiederholte der Fremde, unbekümmert um Ammon's Reden: "ja, zu Ester lass uns eilen. Ich kenne sie, ich kenne i h n , ihn, der an uns vorbeiflog. Ich muss ihr Schicksal wissen; ich muss ...." – "Ihr müsst in's warme Heu!" polterte Ammon: "Kreuz und Mond! Des Galgenstricks Dornknittel hat Euern Verstand getroffen, und nicht allein das Genick. Geduldet Euch indessen, und werdet mir nicht vollends toll, bevor wir unter Dach sind. Seht, seht, hier ist schon der Pfad; dort zeigt sich der Hütte Giebel, noch ein Paar Schritte hurtig gemacht, und wir sind allen Kobolden zum Trotz, zur Stelle." – Ammon's Unruhe wurde bald besänftigt, da er die Hunde fröhlich anschlagen hörte, wie sonst, und Ester gewahrte, die auf dem platz sass, den Regina wohl sonst einzunehmen pflegte, Dagobert's Braut sass in die süsse Schwermut vertieft, welche zärtliche Gemüter am Vorabend ihres Liebesglücks gerne beschleicht. Der treue Freund hatte Abschied genommen, um nach der Stadt zu reiten, und am nächsten Abend, mit Geschenken und neuen Gewändern für sein Lieb beladen, zurückzukommen. Sie hatte ihm das Geleit bis zum Waldpfade gegeben, dann in die tönenden Forstallen Ben Davids Namen gerufen, und sich endlich niedergelassen in's tauige Gras, um des wackern Mannes zu harren. Ammon, der zuerst am Eingange des Gehegs erschien, war ihr willkommen, und in demjenigen, der seinen Schritten folgte, vermutete sie den Vater. Aber ein fremdes Gesicht neigte sich vor ihr an seiner Statt, und je mehr sie dieses Gesicht betrachtete, und von demselben mit glühenden Blicken durchbohrt wurde, je mehr war es ihr kein fremd Gesicht mehr. Aus der Tiefe ihres Gedächtnisses, aus dem Born kindlicher Erinnerungen musste sie schöpfen, um sich dieses schmale Antlitz, mit der Adlernase, und dem geklemmten mund zu vergegenwärtigen, und sie hörte nicht auf Ammon's stimme, noch auf dasjenige, was der Jäger schwatzte, sondern nur auf die schon verklungenen Laute des Fremden, welcher gesagt hatte: "Ester! Ben Davids Tochter! Dich hätt' ich nimmer wieder erkannt, – aber wirst Du auch nicht mehr kennen mein Antlitz?" – Ester's Erinnerungen waren übrigens mangelhaft, nur mit einem Seufzer aus tiefer Brust musste der Fremde ihr zu hülfe kommen, in den Worten: "Ich habe einst geheissen Ascher, Du Tochter Ben Davids, und wirst Du mich kennen noch nicht?" – "Jehovah! unser Gott!" schrie Ester auf: "Ascher! mein Bruder Ascher! Sei gegrüsst, sei willkommen, Du Verlorner!"

"Die Dirne hat den ganzen Sabbat vom Brocken hieher gelockt;" murrte der Forstwart vor sich hin: "und was gilt's, sie wandelt meine Hütte um in eine Judenherberge. Vater und Bruder sind schon gekommen, und wer weiss, wer noch alles folgt. Nein, Jungferlein: Also geht es nicht; und morgen weiss die Frau von Dürning Alles." –