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ich's, denn ich bin ein elender Jude, den man aufhängt zwischen Hunden, wenn man seiner los sein will. Aber ich muss nicht vor meinem Herzen; ich m u ss nicht vor dem Euern, das da ist ein gutes, und treues Herz, welches sogar in den Kindern des alten Bundes ersieht seine Nebenmenschen. Aber die Dankbarkeit ist mir mehr geworden, als das Gesetz Eurer Herren. Aber die Dankbarkeit lässt mich dazu lächeln, dass Ihr so grausam sein wollt, auf ewig meinen grössten Schatz zu nehmen, zum Lohne für das, so Ihr getan an uns. Ich will jauchzen, wenn mir gleich das Herz brechen möchte, und ich will segnen das Band, weil ich will lösen meine Schuld, und nicht laden will auf mich den Fluch meines Kindes, mag auch dann aus mir werden, was da wolle."

Ester und Dagobert wurden tiefbewegt durch diese Rede, die Keines von ihnen erwartet hatte, durch diese Einwilligung, in welcher ein grosser Schmerz sich kund tat. Die Flamme der Beschämung schlug in Dagobert's gesicht auf, und sein redlicher Mund verhehlte nicht, was in ihm sich vorbereitete. "Wahrlich," sprach er: "Ben David, Du bist kein gemeiner Jude, der seine Rede nur setzen lernt, um einem Käufer ein Stück schlechter Waare für ein gutes auszuschwatzen; Du hast die Kunst erlernt, zum inneren der Seele zu reden, und Dir möchte es gelingen mir das Teuerste, das ich kenne, damit von der Brust zu reissen. Ich will nicht grausam sein, und die Dankbarkeit, die Du mir vielleicht schuldest, als eine Schlinge gebrauchen, in welcher Deines Lebens Freuden erstikken sollen. Davor bewahre mich der Allmächtige. Aber Deine Tochter, deren Lebensglück ich gerne stiften möchte, hat doch auch in diesem Handel eine stimme. Sie rede frei, ohne Zwang, ohne Überredung. Wird sie dem Vater und seinem Irrtume folgen, oder dem Verlobten in den Bund der wahren Kirche?" – Ben David schwieg, wie Dagobert verstummte, und die Blicke beider hefteten sich unruhig auf Ester, die in den grausamsten Kampf verfiel, wie eine Siegerin jedoch, sich schnell und besonnen daraus emporriss. –

"Dagobert!" rief sie, ihren Arm fest um seinen Nacken schlingend: "Mensch, der nicht von der Erde stammt! Herr meiner Gedanken und meiner Seele! Dass ich Euch liebe und an Euch hänge für alle Zeit; .. das Erstemal ist's, dass ich es wage, Euch es zu gestehen; aber, Engel des Friedens! würde ich sein Eurer wert, wenn ich zauderte in diesem Kampfe? Ich glaube fest, dass uns Alle jenseits vereinigen wird E i n Paradies. Dort Euer zu sein, Dagobert, wird meinem Glauben der hochgelobte Gott gewähren. Hier .... o seht den Schmerz des Vaters! Ich kann nicht tödten den, der mir gegeben hat das Licht; – Vater! nimm mich mit Dir; über Berg und Tal, über Feld und Meer! Dein gehör' ich bis an's Ende Deiner Tage!" –

Von dem Halse des Geliebten sich losreissend, warf sie sich in die arme des Vaters, der überrascht auf seinen Füssen wankte, der Tochter Stirne mit Küssen bedeckend, und Perlen der Angst und der Freude auf seinen benarbten Wangen tragend. So wie aber die Feier des grossen Siegs verrauscht war, und Ben David's Auge sich nach Dagobert umschaute, und den erbleichenden Jüngling gewahrte, wie er sich kaum aufrecht zu halten vermochte, und demungeachtet seiner Ester Beifall zulächelte; – als David auf Ester blickte, die, nicht minder zum tod blass, unter dem Gewichte der erfüllten Pflicht zu erliegen dachte; da wurde sein Gesicht wieder trübe und ängstlich, und er trat an das Fenster, und sah in das Grüne hinaus, und betete zum Herrn und zu der Seele seines verstorbnen Vaters. Endlich wendete er sich um zu dem Paare, das stillschweigend sich die hände erfasst hatte, als sollte schon jetzt Trennung und Abschied hereinbrechen, und sprach recht milde und recht leise, wie er's gewohnt war, mit Ester zu reden: "Ich danke Dir, meine Tochter. Du hast wir wieder gemacht Mut, und Jehovah wird lohnen, wo ich es nicht kann. Aber Dich mitnehmen auf meinen Wegen, ... ich kann es nicht. Und zu unsern Leuten kehren willst Du nicht, und Menschen, die sich also lieben, reissen von einander; das soll nicht sein, spricht der Herr unser Gott, sobald er abgelegt hat den Rock des Zorns, und anlegt das Gewand der Milde und Barmherzigkeit. Darum will ich denn auch, so schwer mir's wird, gestehen, was ich weiss, um zu fördern Euer Glück, und mir zu erwerben Euer dankbar Angedenken." –

Ehe er begann, schöpfte er mühsam Atem; sein kurzes Überlegen war schon eine Ewigkeit für Dagobert und Ester, die mit wissbegierigen Blicken erwartungsvoll an seinem mund hingen. Endlich hob er an, und sprach mit kurzen Unterbrechungen und Zwischenräumen: "Mein Weibihre sei das Paradieshat mir geboren zwei Söhne, und das letzte Kind, das es mir schenkte, war ein Mägdlein, an das ich mich gewöhnte schneller und leichter, denn an die Buben, was selten ist bei unsern Leuten, die nach Söhnen streben, wie nach Reichtum. So oft