Dann nahm er den Knaben, der ungestüm nach der Mutter verlangte, bei der Hand, und führte ihn mit sich an das Haus der Frosche, wo er mit dem Glockenschlage der siebenten Stunde, wie befohlen, anlangte. Willhild harrte an der zugelehnten tür, und so wie sie in der Dunkelheit den Mann und das Kind herannahen, und die Pfortentreppe besteigen sah, winkte sie ihm, näher zu kommen und einzutreten. Ben David folgte ihr durch das menschenleere Gebäude, bis in das Vorgemach der edlen Frau, die ihn alsobald zu sich herein bescheiden liess. Er übergab den Knaben Willhild's Obhut, und ging bescheidnen und leisen Trittes in Margaretens stube. Erwartung und Hoffnung in den Mienen empfing ihn die stolze Frau.
"Was bringst Du mir, David?" fragte sie gespannt: "Die Möglichkeit, die ich neulich Dir angab, ist zur bösen Wirklichkeit geworden. Mein Sohn ist hinübergegangen."
"Ist er?" sprach Ben David mit Teilnahme: "so bedaure ich die zurückgebliebene Mutter. Beim hochgelobten Gott! ich bedaure Euch aufrichtig, denn auch wir Juden wissen, wie lieb uns Kinder sind, und Söhne vor Allen. Ach! auch mir hat der Herr Zweie genommen. Den Einen durch einen grausamen Tod; den Andern ...... Nun des Herrn Wille geschehe!"
"Er geschehe!" versetzte Margarete kurz abbrechend: "Aber eben weil dieser Wille unabänderlich ist, und niemand aus dem grab rückkehrt, so ist es nicht geraten, in einem vergeblichen Schmerz zu verwelken, und darüber das Leben zu vergessen. Der Himmel weiss, dass ich Dich nicht gern zu meinem innigern Vertrauten mache, aber die Lage der Dinge erfordert es. Ich war arm, ehe ich dem alten Mann meine Hand gab. Die Meinigen sind es noch. Ich bin jung, und will nicht gern umsonst den Winter meines Eheherrn mit dem Kranze meiner Jugend geziert haben. Die Vorsehung selbst hat das nicht verlangt, darum gestattete sie, dass meines Gatten einziger Sohn erster Ehe dem Himmel geweiht wurde, seine Tochter Verzicht leistete auf ihr Erbe, und ich ein Söhnlein gebar, das einst der Besitzer aller Habe seines Vaters zu werden bestimmt war. Für seine Gesundheit besorgt, übergaben wir den Knaben einer ehemaligen Dienerin meines Hauses, die unfern vom Wiesbade verheiratet, den schwächlichen Körper des Kindes in dem stärkenden Heilbrunnen daselbst zu baden angewiesen war, nach der Vorschrift des Arztes Joseph, der uns den Aufentalt auf dem land, zu Sommerund Winterzeit, als das wirksamste Heilmittel für das kränkelnde Kind anpries. Vor wenigen Wochen erfahre ich, der Knabe sei krank. Die Mutterangst reisst mich vom Lager des siechen Gemahls, den ich über diesen Punkt in Unwissenheit liess; ich sehe meinen Sohn, überzeuge mich von einer unheilbaren Verzehrung, die ihn überfallen, und denke, trostlos zurückkehrend, sogleich auf die allzuwahrscheinliche Zukunft. Damals war es, wo ich Dir, der mir schon öfter Vertrauen abgewann, ein grösseres schenkte, und heute sind wir da, wo ich mich damals nur hindachte. Hast Du gefunden, was Du suchtest? Eine Mutter, die ihr Kind für reichlichen Lohn auf ewig von ihrem Busen weisst? oder eine Waise, würdig des herrlichen Looses, das ich ihm bereite? Rede! zaudre nicht. Die Zeit ist kostbar."
"Eine Mutter, die ihr Kind verkauft, fand ich nicht, edle Frau;" erwiderte der Jude: "Selten mag wohl dieser Vogel sein. Aber etwas Besseres fand ich, einen Knaben, an den die Welt keinen Anspruch hat, der selbst nicht weiss, woher er stammt, von dessen Eltern Ihr keine Forderung zu fürchten habt, da sie ihn verstiessen."
Margarete horchte aufmerksam auf die geschichte, die ihr Ben David zu erzählen für gut fand, ohne dabei des Edelknechts von Hülshofen zu erwähnen. "Hat der Knabe alle Eigenschaften, die ich verlangte?" fragte sie hierauf: "Braunes Haar, blaue Augen ... eine flüchtige Ähnlichkeit mit den Bildern unsers Geschlechts? das rechte Alter?"
"Alles, wie Ihr's begehrt. Der Zufall konnte nicht besser dienen. – Überzeugt Euch selbst."
Ben David führte den Knaben herein. Willhild erschien mit ihm, und winkte der edlen Frau mit voller Zufriedenheit zu. Wohlgefällig betrachtete Margarete beim hellen Kerzenschein das blöde dastehende Kind. – Tränen stiegen in ihre Augen. "Wahrlich!" rief sie mit aufgeregtem Gefühl: "sind diese Züge nicht ein Fingerzeig von Gott, so weiss ich's nicht. Sprich, Willhild! Mein Knabe, wäre er gesund und kräftig geworden ... hätte aussehen müssen, wie dieser. Ach, mein Johannes!"
"Ich heisse Hans!" sprach der Knabe schüchtern.
"Ein neuer Wink von oben!" versetzte Ben David: "Das Büblein heisst wie der Eure, und leicht kann auf seinem dorf der Name also abgekürzt worden sein."
"In der Tat!" meinte Margarete, die Zähren trocknend: "es ist ausserordentlich, und Alles fügt sich besser, als man's wünschen kann. Komm her, mein Knabe! wirst Du mich lieben?"
Sie zog den Buben an sich, und küsste seine Stirne: er starrte aber zu ihr empor, spielte mit dem goldnen Kreuz an ihrem Halse, und fragte: "Wer bist Du denn, gute Frau?"
"Ei, das ist