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will schlummern neben Dir auf Haidekraut und Moor, ich will nicht mehr begehren, denn ein Stücklein verschimmeltes Brods, um mein Leben zu fristen; und am Ende auch dieses Leben willig verlieren, erliegend unter Bekümmerniss und Gottes, des Herrn Schickung. Aber nimmer geh' ich nach Worms, nimmer nach Nürnberg. Unsre Leute, zu denen ich flüchtete zu Frankfurt, haben mich verraten an die Wollust, ein Sohn der Gebote hat Dich verraten und den Raaf Jochai getödtet; was soll ich erwarten von ihnen? Die arme wird sein verachtet und arm in Ewigkeit: eine Magd werde ich sein müssen in Schmach und Kummer. Vater, Dir will ich folgen, aber nicht fürder dem Gesetz und seinen Bekennern. Der Herr hat uns verderben lassen in der Not, die Brüder haben uns lassen verzweifeln. Der Christ hat mich errettet. Ihm gehören, nach Dir, meine Tage. Weisest Du mich von Dir, so bin ich sein Eigentum, wenn er's verlangt, seine Dienerin, denn er ist mehr als ein Mensch; ein Engel des Heils, ein Erlöser und Erretter!" – "Weh mir! weh mir!" entgegnete Ben David bekümmert: "O, wie ist Dir doch angeflogen der Mehltau aus Amalek! Du willst nicht mehr sein eine Tochter Zion's! Du brausest auf in leidenschaft und Hitze, und hörst nicht die stimme des Herrn und des Vaters! Erwarte nicht, dass ich Dir fluche, nicht dass ich zu Dir flehe! Aber gerettet möchte ich Deine Seele wissen. Ich würde Dich ermorden, wenn ich Dich mit hinaus nähme in Sonnenbrand und Nachtsturm, um mir mein Brod suchen zu helfen unter den Hefen des volkes, begleitet von Verachtung und Hohn. Deine Blüte würde nicht gross gezogen, um zu erstikken im Kote. So bleibe denn lieber in Edom, und halte Dich zu den Ungläubigen. Vielleicht, dass einst der Herr in seiner Barmherzigkeit Deine Seele berührt mit dem Stabe seiner Gnade, – vielleicht, dass Du einst zurückkehrst in den Schooss des Gesetzes, nicht zu spät für Deine Paradieseshoffnung, wenn gleich zu spät für meine in Kummer und Todesgram erloschenen Augen!" – Wehmütig und beklommen stand der Vater auf, und überliess Ester dem Strome von Tränen, in welchen sich die Erschütterung ihrer Brust auflöste. Ben David legte sich hinter der Hütte in's üppige Waldgras, von Mücken umtanzt, von Vögeln umgeben, deren Gezwitscher herrlich und frei aus dem Wipfel der Bäume zum Himmel stieg. In dieser Einsamkeit legte sich der Sturm seines Vorurteils und, zu der blauen Decke hinaufblickend dachte er, dass dieses schöne Zelt ja für Jeden erbaut sei, und dass die Hand des Herrn alle Menschengräber mit Gras und Blumen ziere. Die Brust wurde ihm weiter, und mit ihr auch die Fesseln, die seine knechtische Glaubenslehre ihm von Jugend an über den Nacken geworfen. Er beseufzte das Geschick, das ihn unter diesem Himmelsstriche in Jakobs's Hütten hatte hervorgehen lassen; er wünschte um seiner Ester willen, in den Reichen der Gojim geboren zu sein; er dachte sich die Möglichkeit, sie mit Dagobert vereint zu sehen; er gönnte ihr den edlen Mann, ihm die reine vollendete Jungfrau; aber wie ein Felsstück von der Höhe eines Alpengebirgs rollte die Erinnerung an jenen Schwur, den er in des sterbenden Jochai's hände hatte leisten müssen, auf sein Herz. – "Ich darf sie ja nicht zulassen zu dem Bade, das in Edom ein Bad der Wiedergeburt genannt wird;" sprach er vor sich hin: "ich darf sie ja nicht abschwören lassen vor dem volk ihren Glauben! O, Herr! hochgelobter Herr! halte mich aufrecht, dass ich nicht verdiene den Zorn meines abgeschiedenen Raaf's. Erleuchte mich in meinem haupt, damit ich den Ausweg findeden rechten, untrüglichen! Leite mich Herr, und Du, Seele meines Vaters, auf dessen Andenken der Friede sei!" – David versank in ein eifriges Gebet, das er in den folgenden Tagen, nach kurzen Zwischenräumen immer wieder fortsetzte im Dickicht des Waldes. Er sprach kein Wort mehr über das Vergangene mit Ester. Seine Zunge schien gleichmütig geworden zu sein, wie seine Stirne. Er hatte seinen Entschluss gefasst und harrte sogar mit Ungeduld auf Dagobert's Ankunft, welcher auch Ester's Herz sehnlichst entgegenschlug, denn auch ihr Herz, ihre Vernunft war zu einem Entschlusse gelangt, zu dem höchsten, dem seltensten in der Seele und dem mund eines leidenschaftlich liebenden Weibes, zu dem Entschlusse der Entsagung.

Dagobert liess sich nicht allzulang erwarten. Eines Abends schnaubte sein Ross am Waldgehege; seine Schritte wurden hörbar vor Ester's kammer, und ein trat er zu den ihm entgegen Eilenden, wie ein verklärter Lebensbote. – "Grüsse Dich Gott, Du vielgeprüfte Dirne;" sagte er, dem Mädchen treuherzig und liebevoll die Hand reichend: "und auch Du, armer Ben David, sei gegrüsst. Als ich von dannen ritt aus diesem wald, dachte ich nicht, mit so viel Glück beladen, wieder zu kommen. Ester, Du liebes treues Kind, freue Dich mit mir. Mit dem Vater ausgesöhnt, habe ich auch die Mutter, ungekränkt und gleichsam wie eine zweite junge Braut an sein Herz gelegt. Wallrade, die Stifterin des Bösen, ist verwiesen aus dem haus, und mein Vater hat aus ihrem mund kein Wort vernehmen wollen. Graf Montfort, dem ich Schonung zu