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. – An Dagobert's Statt kam aber eines Mittags Ben David an, – dürftig und verschmachtendbloss von der Hülle bedeckt, die ihm das Mitleid zugeworfen. Ammon hatte schon nach der Peitsche gegriffen, um den verdächtig aussehenden Bettler aus dem Reviere zu treiben: Ester's Freude- und Angstruf entwaffnete ihn. Dem Vater von Kida's Ebenbilde konnte er nichts Übles zufügen, und er besann sich, dass auch ihn einst sein Vater unsäglich geliebt hatte, dass auch er einst an seinem Vater mit Treue gehangen; er begriff Ester's Empfindung, und wehrte dem Alten nicht, die wohnung seiner Tochter zu teilen. Vater und Tochter waren völlig ungestört, denn eine Unpässlichkeit hielt Reginen vom wald fern, und Ammon machte doppelt eifrig seine Runde. Ester's und David's Wiedersehensfreude, wie ihr Leid um Jochai's Hinscheiden und ihre Verstossung aus der Stadt, die ihnen Schirm und Heimat gewesen, durfte ohne störende Zeugen sich aussprechen, fessellos, wie es der Schmerz, frei, wie es die Lust verlangt. Aber schon am folgenden Tage begehrte David zu wissen aus Ester's mund, wie ihr verhältnis gewesen sei zu dem Junker. Ester's Wange errötete zwar; doch hatte ihr Mund keine Schuld zu bekennen, und ihre Rede, einfach und erklärend, trug der Wahrheit Stempel. Ben David scharfes Auge, allen seinen Glaubensgenossen mehr oder minder eigen, sah indessen durch den Schimmer der Wahrheit hindurch einen dunkeln Punkt in dem Herzen seiner Tochter; ein verschleiertes Gefühl, dessen Decke zu heben sie nicht begehrte. Er fasste daher ihre Hand, und sprach! "Geliebtes Kind; Du verschweigst mir, was Du nicht solltest, und wegen dessen ich Dir nicht zürnen mag, denn es ist nur die Folge der Vergangenheit. Dagobert ist gewesen Dein Schirm, Dein Alles, weil ich lag in Banden. Dagobert hat Dich genährt und gepflegt, und gerettet aus tausend Gefahren; der hochgelobte Gott wird ihn darob segnen und ihn eingehen lassen in's Paradies, weil er Gutes getan an Israel; weil er es hat getan uneigennützig, und nicht hat befleckt Dein Kleid der Ehren. Friede sei mit ihm, und auch auf seinem Andenken sei einst Friede, wie auf Zodick's Gedächtniss Schmach sei und der Zorn Gottes, und ihm selbst das Feuer der Gehenna! Aber, liebste Tochter, mein Kind: dergestalt, wie Du den abtrünnigen Knecht Zodick musst hassen, – dergestalt hast Du gelernt lieben den seltnen Mann, der da handelte, als stamme er aus den Lenden Jakob's, und nicht vom Berge Seir. Gesteh' es mir, mein Kind." – "Vater," erwiderte Ester stokkend: "Deiner Klugheit kann nichts verborgen bleiben. Ich muss es bekennen, und wenn es Sünde wäre vor Dir und dem Gesetz. Nach dem hochgelobten Gott, den ich fürchte, – nach Dir, mein Vater und Herr, den ich ehre, lebt Niemand mehr auf der Welt, denn Er, den ich bewundre, den ich liebe, .... o lass mich nicht vollenden." – "Nein, meine Tochter; vollende nicht;" versetzte David ängstlich: "Du liebst ihn nicht, wie der Dankbare den Wohltäter, .... Du liebst ihn nicht, wie das Kind den Vater, ... nicht wie die Schwester den Bruder; ... Du liebst ihn wie die Jungfrau den Mann, und Wehe geschrieen über mich und Dich ... was soll aus dieser Liebe werden?" – "Was Gott wird beschliessen, und Du, mein Vater:" sagte Ester ergeben, wiewohl sie erbleichte, und erkannte, dass sie nun an den Markstein ihres Lebens getreten. – "Ich kann nichts beschliessen;" antwortete seufzend der Vater, mit grössrer Fassung, weil er auf sein eigen Unglück zurückkam: "Ich bin ein armer, geschlagener, zu Nichts gewordener Mann; sie haben mich hinausgestossen in die Welt, und ich habe von all meinem Gute nichts mitgenommen, als die Last der Dankbarkeit gegen den Jüngling Dagobert, dessen freigebige Hand mir noch einige Pfenninge zuwarf. Des Herzogs Glückstern ist erloschen, und mein Gold, das ich ihm lieh, gewiss verloren. Meine übrige Habe, teils in Costnitz zurückgeblieben, teils in unserm haus zu Frankfurt verwahrt, ist eine Beute geworden, dort betrügerischer Freunde, hier der habsüchtigen Richter, die noch nach verborgenen Schätzen lechzten, von welchen ihnen der abscheuliche Zodick vorgelogen. Ich muss wieder hinaus in die Welt, wie ich gekommen bin herein, um zu erjagen, wo möglich, ein neues Glück; und Dich, mein einzig Kleinod, muss ich lassen hinter mir, auf dass Du nicht verderbest unter'm Druck des Elends und der Entbehrung meiner flüchtigen Wanderschaft. Du magst nun entscheiden, Tochter: ich lasse Dir die Wahl: willst Du Dich werfen in die arme Edoms? willst Du zurückbleiben unter unsern Leuten, zu Worms entweder, oder zu Nürnberg? Wir haben zwar nicht Freunde mehr, nicht Verwandte, aber Israel wird nicht lassen von David's unglücklicher Tochter." – Ester sprang auf, fasste heftig ihres Vaters Hand, und rief mit ausbrechenden Tränen im Auge: "Vater! bei der Herrlichkeit des Reiches, das uns vom Messiah gebracht werden soll! Nimm mich mit Dir; ich will leiten Deine Schritte durch Fels und Sand; ich