finstre Verwirrung, sondern eine wohlgefällige, seltne Heiterkeit wahrnahm. – "Sprecht doch mein Urteil," sagte hierauf. Dagobert schmeichelnd, und führte Ester dem fräulein entgegen: "Seht, holdes fräulein, dieses seltne geschöpf, und gesteht, dass selbst unter dieser niedern Hülle eine Blüte verborgen ist, die mit den Schönsten Eures stilles Reichs den Wettstreit beginnen kann, ... Eure Majestät, wie sich's gebührt, ausgenommen." – Das fräulein musste über diese scherzhafte Schmeichelei lächeln, und schon liess ihre angeborne Fröhlichkeit die Larve der gezwungenen Bedenklichkeit sinken. – Ester, die es deutlicher fühlte, was in dem Busen Regineus, der kaum entwickelten Jungfrau, vorging, schwieg, ergeben in ihr Schicksal, und senkte erwartungsvoll die schöne Wimper über das schönre Auge. – Regina, zweifelnd, zögernd, nachgebend und dennoch widerstrebend, liess sich in abgebrochenen Worten vernehmen. Sie äusserte, es falle ihr schwer, vor ihrer lieben Mutter ein geheimnis zu haben, ob sie gleich im selben Augenblicke zugab, es sei nichts leichteres, als das geheimnis zu bewahren, weil die Frau von Dürning nimmer diesen Platz besuche. Aber ihre Bedenklichkeiten beschränkten sich endlich darauf, dass sie nicht wisse, ob es nicht eine Sünde sei, eine Jüdin heimlich zu hegen, und ob Ammon sich bewegen lassen würde, die Ungläubige in seinem haus aufzunehmen. Dagobert bekämpfte den ersten teil dieses Vorwandes mit der Beteuerung, Ester verlange nichts Sehnlicheres, als eine Christin zu werden, und Ammon stellte seinerseits Reginen völlig sicher. "Mir ist gleich," sprach er, ob's ein Türke, ein Heide, oder ein Jude ist, der unter meinem dach hausst, so Ihr's befehlt, mein fräulein. Gott ist überall, und – getauft oder nicht getauft, – Gottes Sonne bescheint uns überall, und dem Heiden wachsen so gut seine Saaten, als dem Christen; und des Christen Feld zerschlägt der Hagel eben so gut, als des Ungläubigen Korn. Sagt, ob Ihr wollt, fräulein, und mehr bedarf es nicht. – Und da Regine einen neuen, wohlwollendern blick auf die schöne Fremde warf, und sich nicht verhehlen konnte, dass sie eben so schön sei, und rein in ihren Zügen, als wie das kunstreiche Marienbild im Edelhofe; – als endlich Ester ihre Augen aufschloss, das fräulein in den ganzen Zauber dieser Paradiesessterne sehen liess, und mit der schmelzend weichen stimme, der nichts widerstehen konnte, die Worte sprach: "Verstosst mich nicht, gute, edle Jungfrau, und vergelten wird's Euch der hochgepriesne Gott, und meines Vaters Segen, und meines edlen Freundes Dankbarkeit!" – Da hätte Regina nicht das gefühlvolle, reine Mädchen sein müssen, um nicht einzuwilligen von Herzen. –
So wohnte denn nun, von jenem Augenblicke an, Ester in der Hütte des Forsts zu Dürningen, und der alte Ammon sorgte für ihre Bedürfnisse, so gut als er es vermochte, denn er war geschmeidig geworden durch die Erinnerung, durch diesen Zauber, der den Menschen durch das Leben geleitet, und im Greise stärker wirkt, als im Jüngling selbst, weil sein Dasein bloss nur in der Vergangenheit liegt. Auch der wilde Falkenjäger hatte einst geliebt, da sein Scheitel noch umwallt war von braunen Locken, und seine Jugend in der schönsten Blüte stand; und diese Liebe war ein Maurisches Mädchen gewesen, herstammend aus glühender Zone, und ähnlich den Zügen Ester's. Seit vierzig Jahren war diese Dirne aus den Lebenden geschieden, von gäher Krankheit dahingerafft, in einer Zeit, wo Ammon seiner Väter Glauben willig hingeworfen hätte, um das schöne Kleinod sein zu nennen. Seit vierzig Jahren feierte Ammon alljährlich des Mädchens Todestag, und nun, da Kida's Bild merklich schon abgebleicht worden war in der kammer seines Gedächtnisses, – nun war sie gleich wie auf's Neue lebendig geworden in der reizenden Ester, zu ihm getreten in seine Wildniss, – ein freundlicher Engel, ein Trost für seine leere Brust. Darum hatte er auch dem Mädchen die einzige stube des Hauses eingeräumt, und sich auf den Speicher gebettet: darum hatte er, rund um die Hütte, neue, gefährliche Fallen und Gruben angelegt, damit ihm Niemand bei Nacht die Anvertraute stehle; – darum ging er wie ein sorgsamer Knecht hinter der Gebieterin her, um ihren Wünschen sein Ohr zu leihen, und ihr so viel Annehmlichkeiten zu verschaffen, als in seinen schlechten Kräften stand. Er fand in Ester's Lobe kein Ende, wenn Regina kam, nach ihr zu fragen, und missbilligte es sehr, dass das fräulein sich weigerte, die schöne Fremde näher kennen zu lernen, dass es gleichgültig die warmen Dankesäusserungen Ester's zurückwies, und sich ihren einsamen Beschäftigungen überliess, wie zuvor, ohne seinen Schützling zu verstatten, ihm näher zu kommen, und vertraulicher zu werden. Ammon wusste nicht, dass weder der niedre Stand Ester's, noch ihr Glaube sie von Reginens mitleidigem Herzen entfernte, sondern gerade der Vorzug, den das fräulein ihr einräumen musste: der Vorzug, Dagobert's Freundin zu sein. Ammon bemerkte es nicht, wie oft Regina im Grase sitzend, in tiefes Nachdenken versank, und Viertelstunden lang nach dem Waldgange blickte, als müsse er jetzt kommen, ... als müsse er dann den fremden Gast hinwegführen, und dann allein wieder kommen, und täglich wiederkehren, und endlich gar nicht mehr von dannen gehen