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Hütte offen stehen liess, ohne Furcht. Einige Waghälse hatten zwar einmal den Augenblick benützen wollen, da der Alte nicht zu haus war, um dasselbe zu berauben, oder in Asche zu legen, allein sie fanden in einer ungeheuren Wolfsfalle auf spitzigen Pfählen den Tod, und Ammon hing ihre Leiber zur Warnung für Andre an den Fichten auf, neben welchen der Eingang in den Wald führte. Nun floh ihn und seinen Aufentalt, was in der Umgegend lebte, Regina ausgenommen, die das geheimnis gefunden hatte, sich die gutmütige Teilnahme des verwilderten Greisen zu gewinnen, indem sie seinem polternden Wesen Gleichgültigkeit entgegensetzte, seinen Erzählungen ihr aufmerksames Ohr nicht entzog, und ihn auf jede Weise in Schutz nahm, wenn nachbarliche Zungen die fromme Mutter vor dem alten Knechte warnten, der zu keiner Messe ging, und den geselligen Verkehr mied, wie die Sünde. Nach wie vor fand das fräulein seines Tages Freude auf dem stillen Waldplatze, und war eines Morgens, wie gewöhnlich, beschäftigt, einen Kranz von Wiesenblumen zu flechten, als der Schall mehrerer menschlichen Stimmen unter den Baumgewölben vernehmbar wurde, – Stimmen, die sich anriefen, und Verirrten, des Weges unkundigen zu gehören schienen. – "Ammon;" sagte Regina zu dem Alten, der, unweit von ihr, ein Jägernetz ausbesserte: "Geh doch hin, und weise die Leute zu recht." – "Ei was!" brummte der Forstwart entgegen: "Haben sie sich hereingefunden, mögen sie auch sehen, wie sie wieder hinauskommen. Führt sie der Weg hierher, dann will ich ihnen schon den Weg weisen." – Diese letzten Worte begleitete er mit einer sehr nachdrücklichen Geberde, die auf keinen guten Empfang der ungeladeuen Gäste schliessen liess. – Regina warf ihm seine Unverträglichkeit vor, und verbot ihm ernstaft jede Gewalttat, insofern die Verirrten hieher geraten, und nach dem Wege fragen sollten. Sie hatte kaum ausgeredet, als sich schon am Eingange des Platzes ein Mann zeigte, welchem ein Frauenbild folgte, und ein anderer Mann, der einige Gäule nach sich durch den Wald zog. Ach! wie ging in Reginens Seele die Erinnerung an den letzten Osterabend auf, den sie in Frankfurt zugebracht. Denn der junge Mann, der so bescheiden sich nahte, um nach der rechten Strasse zu fragen, warsie wusste es ganz gewissder anmutige Junker, sie eine Königin genannt, und der erste Mann gewesen, der wohltuend ihren Reitzen vor aller Augen Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen. Der ernstafte Ausgang jenes fröhlich begonnenen Ostermahls hatte ihre, jugendliche Brust wit Bewunderung für den kühnen Jüngling erfüllt, der die unverletzlichen Menschenrechte mutig verteidigte gegen den schnöden Vorwurf, – und dann und dann und wann war des Jüngling Bild noch wiedergekehrt vor ihre Seele, und hatte immer den Wunsch im Gefolge gehabt, ihn einst wieder zu sehen, – ihn bald wieder zu sehen; nicht im Ernst eines schon Standes und Alters, sondern noch im Schmuck, in der fröhlichen Freiheit jugendlichen Lebens, Plötzlich nun war dieser Wunsch erfüllt worden, und Regina, davon überrascht, zögerte nicht, ein harmloses Kind der natur, dem Ankömmling entgegen zu eilen, ihn zu begrüssen, seine Hand zu schütteln wie ein Mann, und ihm das Anerbieten zu machen, ihn zu ihrer Mutter zu führen, die erfreut sein würde ihn zu sehen. Dagobert, wohltätig überrascht von diesem Empfang, den er in diesen Wäldern nicht erwartet hatte, warf einen forschenden blick um sich her, und sprach zu Reginen: "Mein gutes fräulein! Es ist als ob mich Gott hiehergeführt hätte, in diesen traulichstillen Wald, und in Eure Nähe. Ihr befehlt als Herrin hier, und so Ihr wollet, könntet Ihr mir grössere Huld verleihen, als ich Euch je vergelten könnte. Wir sind seit Mitternacht geritten auf's Geradewohl in die Welt hinein, verfolgt von Ungewitter und gefährlichen Menschen, die es auf dieser Jungfrau Leben abgesehen hatten. Die Unglückliche hat jedoch kein Obdach für die erste Zeit, und heilige Pflichten rufen mich auf mehrere Tage von ihrer Seite. Wäret Ihr wohl geneigt, meine liebliche Königin, in deren duftigen Wald und Blumenreiche wir angekommen sind, eine kurze Zeit hindurch, diess edle, sonder Verschulden in's Elend geratene Mädchen in diesem stillen haus verborgen zu halten vor Jedermann, – die Mutter selbst nicht ausgenommen, – weil die Jungfrau hier noch keine Christin ist, sondern sich erst vorbereiten will, zum heiligen Bunde zu treten? Eine kurze Frist nur, – dann sorge ich ferner für Ester's Geschick; ... den alten Mann dort wenn er ihr verschwiegener Hüter sein wollte, würde ich lohnen, wie ein Fürst nur kann, und ewig dankbar sein, mein fräulein."

Es wallte sich in Reginens Busen die Begierde auf, dem bewunderten jungen mann einen Dienst zu leisten, und es schmeichelte nicht wenig ihrer kleinen Eitelkeit, hier, ganz im Stillen, eine Handlung der Oberherrschaft auszuüben. Ihr Auge verweilte indessen forschend und ernst auf Ester's Angesichte, und je reizender ihr dieses vorkam, je deutlicher wurde ihr ein geheimer Widerwille, der in ihr aufstieg, und ihr widerraten wollte, sich der allzuschönen Fremden anzunehmen. Ihre Haltung wurde dadurch gemessener. Der schlanke Leib, sonst in Geberden und Bewegung zwanglos frei sich regend, nahm die Stellung einer prüfenden, missbilligenden Herrin an, und ihr blick wandte sich halb verlegen gegen Ammon, in dessen gesicht sie indessen zu ihrer Verwunderung keine