Trauer, wie wohl am Morgen geschah. Sie scherzte mit dem zahmen Hirschlein, das auf der Forstütte gehalten wurde, spielte mit den braun und weissgefleckten Hunden des Waldwärters, oder plauderte kindisch geschwätzig noch mit dem Staarvogel des Hauses, welcher die Jägerrufe: Hussa! Sa sa! Hoho! gelernt hatte, und ausschrie in den hallenden Wald; oder sie hörte dem alten Forstwart selbst aufmerksam zu, wenn er von seinen Lebensabenteuern anhob, bis die blaudüftige Abendluft kühler wurde, und das Rosenlicht der Sonne an den Tannenwipfeln verglühte. Dann eilte sie, schnellfüssig wie die Rehe, die hie und da über ihren Pfad schwirrten, – so dass kaum der Wärter, ihr gewöhnlicher Begleiter zu Abend, ihr zu folgen vermochte, nach dem Edelhof zurück. Die Mutter wusste von ihren Waldgängen sehr genau und umständlich, aber sie dachte nicht daran, der Tochter diese harmlose Lust zu verbieten, weil sie gefahrlos zu geniessen war. Der Wald war nämlich, seit der alte Ammon auf der Forstütte hauste, so sicher geworden, als er vor dem unsicher gewesen. Plötzlich hatten die Diebereien darinnen aufgehört, und die losesten Gesellen und Gaunervögel scheuten sich in die Nähe von Ammons wohnung zu kommen, und schlugen ein Kreuz, so sie der Zufall dann und wann Abends am rand des Forstes vorüberführte. Der Forstwart stand nämlich in dem Rufe, einen Bund mit dem Bösen gemacht zu haben; ein Glaube, der im Bauervolke nicht auszurotten war. Der Alte, obgleich geboren auf dem hof der Dürninger, kam den Nachbarleuten dennoch vor, wie ein Fremdling. Er war als ein trefflicher Falken- und Sperberlehrer, mit Befugniss seines Leib- und Zwingherrn, in die Fremde gegangen, um seine Wissenschaft zu erweitern, ein Stück Geld zu verdienen, und nach Verlauf der ihm erlaubten drei Jahre zurückzukehren mit wohlabgerichteten Beitzvögeln für den Herrn. Er kehrte aber nicht wieder, und konnte auch keine Falken senden; denn Neubegier und Leichtsinn hatten ihn über das pyrenäische Gebirg nach dem land Hispanien geführt, woselbst er in die Gewalt der unglaubigen Mauren geriet, jedoch bald aus einem geplagten Knecht der Liebling des Königs seines Herrn wurde, seiner Geschweidigkeit und kecken natur halber. Von diesem Könige, nach manchem Jahre, in Afrika gesendet, um ein Gespann von Leuen zu erhandeln, und nach Spanien zu bringen, als eine Zierde der königlichen Gärten; kam's ihm plötzlich ein, dass es doch besser sei, umherzuschweifen wie der freie Löwe, statt wieder in den goldnen Käfich zu kriechen. Ohne sich zu besinnen, suchte er den Weg zum gelobten land, wo der Herr gewandert ist in Menschengestalt. Ein widriges Geschick verfolgte ihn in Palästina, und nackt wie ein Bettler, schiffte er von einem mitleidigen Schiffer aufgenommen, übers Meer, zurück gedenkend nach der Heimat. Stürme verschlugen das Fahrzeug an die Küsten des griechischen Kaisertums, und ein Seeräuber von dem tapfern muhamedanischen volk, das schon beinahe ganz Griechenland unterjocht hatte, fing es auf mit Mann und Maus. Wieder manches Jahr verlebte Ammon unter den Zelten der Sarazenen, und begehrte, an dem wilden Leben Freude findend, schier nimmer von ihnen weg, als nach einer schweren Krankheit plötzlich ihn das Heimweh überfiel, das schon Manchen in der Fremde den Garaus gespielt hat. Da trieb es ihn fort auf nackten Sohlen und in die Lumpen des Elends gehüllt, durch die Wildnisse und Moräste der Bulgarei, ohne Säumen, ohne Ruhe, bis er die Länder erreicht hatte, wo man weder den Propheten anruft, noch auf griechische Weise das Kreuz macht. So kam er endlich an in der Gegend, wo er geboren worden, ein fremder, unbekannter Mensch, mit ungewohnten Sitten, ausländischen Gebräuchen und in der heidnischen wilden Sprache besser erfahren, denn in der vaterländischen. Als ein schmucker Bursche war er von dannen gezogen, und ein wilder rauher Greis kam er heim, mit der Röte eines heissen Himmelsstrichs auf den benarbten Wangen, und mit geschornem kopf, aus welchem nur sparsam die Stoppelspitzen des weissen starren Haars wieder heraufteimten. Der Herr von Dürningen hatte Erbarmen mit dem alten Landstreicher und setzte ihn in den Wald als Forst- und Wildhüter. Er hatte just den Diener in sein Haus geführt, und ihm die Zahl der Rehe angegeben, als sein Stündlein schlug. Ammon schwur dem unbekannten Täter und seinem Gelichter unversöhnliche Rache, und hielt sein Wort. Mit der grässlichsten Strenge ging er zu Werke; die Holzdiebe peitschte er zum Sterben; die auf's wild lauernden Räuber ereilte er leise wie der Tod, und ehe sie sich's versahen, sass ihnen auch schon der Tod im Herzen, den der wilde Ammon aus einer tragbaren Donnerbüchse, die er selbst verfertigt hatte, schleuderte, ohne nur e i n m a l seines Ziels zu verfehlen. Diese Sicherheit im Schuss, und der Umstand, dass ihn nimmer ein Bolzen getroffen, von denen, die man oft aus Busch und Dickicht meuchlings gegen ihn versandte, schreckte die Bösewichter schon, die auf übernatürliche Künste zu schliessen gern bereit sind. Bald teilte das ganze Landvolk, um und um, diese Meinung. Ammon ging nie zur Kirche, wurde nie betend gesehen, und zeigte sich immer so finster und verschlossen, dass Jedermann, darauf schwur, er stehe mit dem Gottseibeiuns im Pakt. Dieser Glaube schien nicht ohne Grund zu sein, da Ammon häufig bei Nachtzeit in Wald und Moor herumlief, Ottern suchte, und ihr Fett zu gewissen Salben bereitete, und seine