...? Warum habe ich gegen Euch geschwiegen ...? warum ...? Hätte ich wiederkehren können aus dem Garne, in dem mein abenteuerlicher Vorsatz mich verstrickt hat, auf dem Schellenhofe, wohin ich Euch beschied, hätte ich Alles Euch vertraut, ich hätte ...."
"Unnötige Mühe;" versicherte Dagobert: "ich wäre nicht erschienen. Der unschuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerksames Ohr, eine hülfreiche Hand schuldig; der des Fehls bewussten hingegen durfte ich nicht folgen, um gegen den Vater in eine Verschwörung zu treten."
Margarete schwieg beschämt. Dagobert, darüber betroffen, und unwillig über seine Freimütigkeit, suchte ein fröhliches Ende an den betrübten Anfang des Gesprächs zu binden.
"Lasst's gut sein, Mutter!" sprach er: "ich wollte Euch nicht kränken, sondern Euch Mut machen, und die erkenntnis Eures bessern Teils in Euch erwekken. Nicht vergeblich hab' ich das gewollt, und darum bin ich der Eure mit Hand und Mund, sobald Ihr aufrichtig und Eurer würdig zu sein begehrt. Mag dann der Vater auch vielleicht aufbrausen und den Zorn, den gerechten, anlegen, – nehmt's hin in Geduld um Eurer Sünden willen, und dass es nicht zu arg werde, und zu jämmerlichem Ausgang führe, – dafür lasst mich sorgen. Ich bin mit der Vehme fertig geworden, ich habe Wallraden kirre gemacht, und das Diebsgesindel dort in seinen eignen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben – ich werde doch wahrhaftig an einem guten Vaterherzen nicht erlahmen. Es ist ein herrlich Ding, zur Sühne reden, und Friede stiften, und ich will's fürder treiben, wenn auch nicht im Chorrock. Doch, ich merke, dass die Schatten länger wurden und die Pferde ermüdet einherschreiten. Wir wollen daher in der Schenke dort unser Nachtlager ausschlagen, um Morgen mit dem Frühsten in der Stadt einzuziehen, wie es den Siegern für eine gute Sache geziemt." –
Margaretens Angst hatte keine Eile, in Dieter's Haus zurückzukehren; Gerhard hatte nicht das Mindeste gegen einen Rastabend, der sich beim Becher ruhig zubringen liess; Wallradens Gewissen hatte das fräulein unwohl und krankhaft gemacht. Die übrigen zu fuss laufenden befreiten Gefangnen waren müde geworden, und Alle sehnten sich nach Ruhe. Dagobert liess das ganze Haus von den Söldnern umlagern, schaffte Margareten in die beste stube des Gebäudes; trennte Wallraden von ihr, und schlief, um die Hinterlistige zu verhindern, früher als er dem Vaterhause zuzueilen, auf seiner Schwester Schwelle. Vollbrecht aber sprengte noch am selben Abend nach der Stadt, um die fröhliche Botschaft ohne Verzug zu hinterbringen.
Viertes Kapitel.
Stärker noch als Frauenhaar, –
Starke Fesseln doch fürwahr, –
Stärker auch als Fürstenhand,
Die regiert das ganze Land,
Ist des Vaters treue Lieb'!
Helvet. Denkspruch.
Das abgelegenste und verschlossenste Plätzchen, viele Meilen in der Runde, war in dem Forste um das Ritterhaus Dürningen, die Stelle, auf welcher die Forstütte erbaut war. Das Gebäude, fest und stark aus Baumstämmen zusammengefügt, war auf einer Grasfläche errichtet, die dem schönsten bunten Teppiche aus den Niederlanden glich, rings umgeben von einem schwarzgrünen dichten Waldsaum, welcher, durch angepflanzte Hecken zu einer undurchdringlichen Wand gemacht, nur einen einzigen Eingang auf die Hütte zuliess. Dieser Zugang, war demungeachtet nicht leicht zu finden, unter den vielen Schlangenwegen, die durch den Wald liefen, und der Fremde, um zur Hütte zu gelangen – musste es entweder dem günstigen Zufalle verdanken, oder etwa dem Schall der Glocke folgen, die zur Mittagszeit vor der Hütte geläutet wurde, um das im Forste gehegte wild zum Futter zu rufen. Der Pfleger dieser Waldtiere, die in ungemeiner Anzahl gehalten wurden, weil die Frau von Dürningen, weder an der Jagd Freude hatte, noch täglich einen Wildbraten für ihren Tisch verlangte, – wohnte nun in dem aus Baumstämmen erbauten haus, warf dem Wildvolke sein Futter vor, wählte die zur Küche bestimmten Stücke aus, und wachte zunächst über die Sicherheit der Waldung, die früherhin häufig von unbefugten Schützen und Holzfrevlern beunruhigt worden war. Der Herr von Dürningen selbst war von einem solchen Wilddiebe mit einem Bolzen durch die Brust geschossen worden, wie er gerade vor der tür der Hütte stand, und seine Rehe überzählte; er war auch alsobald auf diesem platz gestorben, und seine Wittib hatte sich nicht entschliessen können, jemals wieder die Stelle zu sehen, auf welcher das Blut ihres lieben Eheherrn geflossen war. Desto öfter schlich sich dagegen Regina, der Freiin Tochter und einziges Kind auf die bunte Wiesenfläche, setzte sich nieder auf den Buchenstumpf, neben welchem ihr Vater verschieden, gedachte in fröhlich wehmütiger Erinnerung seiner, ob sie gleich bei seinem tod nur ein ganz junges Mägdlein gewesen, und es däuchte ihr, als könnten nirgends die Blumen des Feldes schöner blühen, als gerade auf dem Hügel um den Buchenstrunk. Es traf sich oft, dass sie mit dem frühesten Morgen schon sich auf der betauten Stätte einfand, um die perlgefüllten Waldglocken zu pflücken, und mit Butterblumen in einen Kranz gewunden, an den Resten des Buchenbaumes aufzuhängen, weil sie denselben höher wie die Grabstätte des Vaters selbst hielt. Es war nicht minder nichts Ungewöhnliches, sie am Abend wiederkehren zu sehen, um Kräuter zu pflücken zu kräftigen Suppen für die kränkelnde Mutter. Zu dieser Zeit war sie auch immer die fröhliche, unbefangen aufblühende Dirne im schönsten Lebensalter, und nicht beschlich sie die