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doch meiner Segen, und ein freundlicher blick aus Ester's holdem Auge."

Das Bild der Lieblichen, das in ihm emporstieg, machte ihn selig, aber traurig zugleich. Denn ob er gleich, nach langem Widerstreben seiner Liebe zu dem Mädchen so klar bewusst geworden, dass er sie nicht mehr läugnete, so war ihm doch das Ende, welches dieses Gewirr von begebenheiten nehmen würde, nichts weniger als klar. Denn, wenn seine Zärtlichkeit sich auch über die Vorurteile der vornehmern Stände hinwegsetzteimmer riss sich eine unübersteigbare Kluft zwischen ihm und Ester auf. Ihr Vater trat immer dazwischen, wie ein störender Geist, und diesem Mann hatte er jetzt selbst den Aufentalt seines Kindes verraten, ... diesen Mann war er gewiss, bei Ester zu finden. Wie würde sich alles entwickeln, – wie sich lösen? – Ester mit sich vereinigt zu denken, schien ihm vom Schicksale zu viel gefordert. Eine Trennung von ihr? Ach, wie weit schob seine sehnsüchtige Liebe diese Möglichkeit in den fernsten Hintergrund der Zukunft! –

Neufalkenstein ragte vor ihnen empor im Mittagsglanze. Der Wächter auf dem Wartturme blies aus Leibeskräften sein Horn, da der Trompeter der Stadt die Annäherung eines Besuchs verkündigt hatte. Ein unruhiges Hin- und Herlaufen im Zwinger wurde durch die Fensterlucken und Schiessscharten der Mauer bemerkbar, und eine stimme rief durch das Gitter am Torbogen den jenseits des Grabens haltenden Reitern zu. "Ich habe eine Botschaft zu werben bei der Frau von Vilbel!" antwortete Dagobert: "im Namen der freien Reichsstadt Frankfurt." – Frau Else ist krank, lautete die Gegenrede. – "Tut nichts; ich werde nur wenig mit ihr sprechen, und nur einen Brief übergeben." – Die stimme innerhalb dem Tore verstummte, und die Boten der Stadt harrten lange vergebens. Indessen waren auf dem Wartturme Leute erschienen, unter ihnen ein Frauenbild mit wehendem Schleier, das starr und unverwandt auf Dagobert und seine Begleiter herniedersah. – "Wenn die Sonne mich nicht blendet," sagte Vollbrecht, "so ist das Frauenbild Eure Schwester, Herr. Sie trägt dasselbe Kleid, in welchem sie von Frankfurt abfuhr, da Ihr mich auf ihre Spur sandtet." – "Sie lebt also! sie lebt!" jauchzte Dagobert: "Ich werde ihr mit Gutem vergelten können, was sie Böses an mir versucht." – So eben klirrte die Zugbrücke wieder, und des Tores Flügel öffneten sich. Vollbrecht wollte seinem Herrn folgen, aber dieser wies ihn zurück. – "bleibe hier bei diesem mann," sprach er: "bleib' ich aus, so meldet's zu Frankfurt, und Du, mein Vollbrecht, sagst es an in der Forstütte zu Dürningen. Gott befohlen indessen." – Gelassen und stolz ritt er über die brücke durch das Tor, und rief hier freierlich aus vor dem Haufen Bewaffneter, die ihn umgaben: "Ich bin ein Herold und unverletzlicher Bote der Stadt, und, so ihr ein Haar krümmt auf meinem haupt, sage ich diesen Mauern Brand zu, und Euch allen, die da halfen, den Tod auf dem Rade." – Als er nach diesem Eingange sich vom Ross geschwungen, so bemerkte er wohl, wie unnötig seine Drohung gewesen sei, denn bleiche Gesichter standen um ihn her; kein Trotz war in der Mienen zu schauen, sondern eine wilde Ängstlichkeit, eine Unruhe, wie sie Verbrecher vor dem Gange zur Strafe zu überfallen pflegt. Am Tore des inneren Hofes empfing den Jüngling Frau Else mit roten Augen und kraftlos einherschreitend, – die mächtige Frau. Kaum vermochte sie sich den Schein der stolzen Gebieterin zu geben, die des Boten Gewerbe gleichgültig erwartet; aber auch dieser Schein verging, als Dagobert ihr den Brief verlesen, und den bewahrheitenden Ring überreicht hatte. Ihre Kniee zitterten, wie ihre Lippen. – "So ist es denn sicher und gewiss," sprach sie zu dem alten Doring, der neben ihr stand. – "Ich konnte es bis jetzt noch nicht glauben. Mein Alter in den Händen der Frankfurter! Sprecht, Doring, ... was soll ich tun?" – "Befolgen, was er Euch befiehlt;" erwiderte der Alte, dem die Augen feucht geworden waren: "Gebt frei die Gefangenen, damit Euer Herr lebe und frei sei. Zögert nicht." – "Alsobald;" versetzte die Frau, und suchte an ihrem Schlüsselgebunde die Schlüssel zum Turme, und konnte sie lange in der Verwirrung nicht finden.

"Nicht wahr," fuhr sie weichmütiger, denn je fort, als Doring mit den Schlüsseln hinweggegangen war: "nicht wahr, Bechtram wird nicht sterben, da ich tue, was Er und Ihr verlangt. Nicht wahr, mein guter Herr! Ihr versprecht mir das?" – "Wie kann ich das, gute Frau?" fragte Dagobert, den die Erschütterung dieses männlichen Weibes nicht unbewegt liess: "Unsre Herren zu Frankfurt haben darüber zu richten, doch werden sie milde sein, denke ich." – Wallrade flog herbei, und umarmte den überraschten Dagobert wie den herzlichsten Freund. "Willkommen, Bruder!" rief sie mit der Freundlichkeit der Schlange: "Willkommen hier als Bote der Erlösung! Auf Dich habe ich gehofft, auf Dich gebaut; von Dir meine Rache erwartet. Der Gatte dieses schändlichen Weibes, – auf Else deutend, – ist gefangen, wie ich vernehme, und sein