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" fragte Margarete stolz.

"Mit einem freundlichen Wort;" erwiderte Ben Davids Tochter: "Sagt mir doch, gnädige Frau, ... wer ist der Reiter dort auf dem Bilde, der die Schlange tot sticht unter seines Pferdes Hufen?"

"Der Reiter hat nichts mit Dir und Deinem volk gemein," versetzte Dieter's Gattin nicht ohne Hochmut. "Er ist ein Heiliger unsrer Kirche, ein Streiter für den Glauben, der allein selig macht, und man nennt ihn den frommen Ritter Georg."

"Der Ritter Georg?" fragte Ester schlau und ihre Bewegung verbergend: "ich danke Euch, ehrsame Frau. Wie glücklich seid Ihr, solch ein Bild Euer zu nennen! Der Maler muss den Heiligen selbst gesehen haben, denn dem schönen Ritter sieht gewiss kein Sterblicher gleich."

"Kein Jude freilich;" spottete Margarete bitter. "Der Maler fand aber unter den Rechtgläubigen das beste Vorbild, meinen ... hier errötete sie schnell ... meinen Stiefsohn."

Ester sah sie überrascht an, musste aber der herrischen Geberde gehorchen, mit der Margarete sie aus dem Gemache wies. Gesenkten Hauptes schlich das Mädchen, unbemerkt, wie sie gekommen, über die marmorgefassten Treppen zur weiten Hauspforte hinaus. Schnell flüchtete sie über den Liebfrauenberg weg, wo die vor dem Stifte spielenden Jungen ihren kindischen Mutwillen durch Schimpfworte und Steinwerfen gegen sie äusserten, weil sie an dem blaugestreiften Schleier die Jüdin erkannten. Wie ein Reh eilte sie an den Hütten der Scherer gegen dem Römer über, vorbei, vor denen Meister und Gesellen mit allerlei müssigen Gesindel in herkömmlichem Sonntagsgeschwätz verkehrten, und gern ihren schaalen Witz auf Kosten aller vorübergehenden Weiber übten. Nicht eher schritt sie langsamer, als bis sie in der Nähe der Domkirche gekommen war, aus welcher des Hochamts Orgeltöne feierlich zu ihrem Ohre drangen, und der bösen Lust der Vorübergehenden die Fesseln der Andacht anlegten. Wie gerne hätte sie vor der offenen Pforte verweilen, in das von Weihrauchdüften erfüllte Gotteshaus schauen, und sich unter all den Feierklängen, Kerzenflammen und pomphaften Gebräuchen den heiligen Rittersmann wieder vergegenwärtigen mögen, der in Dieter's haus sie so zauberisch berückt. Aber die Scheu vor roher Misshandlung trieb sie von dannen, und sie durfte nur in sich hinein flüstern: Ihr Stiefsohn ist's? Er, der Ritter, der mit mir und meinem volk nichts zu schaffen hat? Leider ist es so! Nun, da der für mich bisher namenlose einen Namen trägt, ... nun, da ich ihn, aussprechen darf, ... nun ist er ganz für mich verloren ... auch für meine Träume. Gewiss ... o gewiss trennt ihn nicht sein Volk, sein Glaube, sein Stand allein von mir. Diese Hindernisse sind ja nichts für ein Herz, das nur im Erinnerungsbilde liebt, und allem Irrdischen entsagend, nur im Reiche der Einbildung glücklich zu sein wünsche. Aber gewiss fesseln ihn andere Bande ... den Angebeteten. Konnte der schöne Mann seiner Stiefmutter gleichgültig bleiben neben den grauen Haaren ihres Gemahls? Dass sein Bild in ihrer kammer hängt, bürgt für ein geliebtes Andenken, und vereint hat sie die Liebe! – Estsr's Gesicht flammte auf in Schaam über die Ungerechtigkeit ihres Wahns. Die Liebe? zürnte sie gegen sich selbst: Die Sünde hätte sie vereint, und Sünde ist dem Herrn meines Herzens fremd. Wahrlich! wahrlich! Wie könnte sonst sein Antlitz das Bild eines Heiligen sein? Verzeihe mir, Du, den ich über alles liebe, nicht zu nennen wage, und in dem Götzenbilde verehre, das mein Gesetz verdammt und verflucht. Nimmer soll eine Eifersucht, wie diese, Dein holdes Andenken schwächen!

An der tür ihrer wohnung empfieng sie der Vater, der ihr gleichgültig im gespräche mitteilte, dass es ihm bereits gelungen, die Eltern seines kleinen Christenfindlings zu ergattern. Ester fragte mit heftiger Neugierde nach deren Namen. "Du wirst es gut finden, wenn ich ihn verschweige," antwortete Ben David mit scharfem und bestimmtem Tone: "Der Greis Jochai hat mir offenbart, welch unziemlich Gefühl Dich hinzieht zu dem Knaben. Die Torheit muss nicht ferner genährt sein; denn unbegreiflich ist es ohnehin, wie Du Dich hinneigst zu den Söhnen und Töchtern Amaleks. Der fromme Vater, dem einst der Frieden sei, dringt darauf, dass ich Dich führe gegen Worms, wo eine Schule blüht, und die Weisheit gelehrter Rabbinen. Er will gern die Traurigkeit auf sich nehmen, Dich nicht um sich zu sehen, wenn sein Angesicht bleich wird; so Du nur wieder des Paradieses würdig wirst."

"Führe mich in den Tod, nur nicht nach Worms;" sprach Ester entschieden und fest. "Worms ist Zodicks Vaterstadt, und folglich für mich der höllische Pfuhl, aus welchem die Teufel und Nachtgespenster stammen. Ich muss Dir gehorsamen, aber Dir vergebe dann der hochgelobte Gott!"

Sie entfloh in ihre kammer, und schloss sich ein, allein mit ihrem Liebesbilde und ihrem Kummer. Der Vater blickte ihr wehmütig lächelnd nach, schlug sich die Brust, und sah seufzend empor zum Himmel. Hier ahne ich böse Stürme! sprach er zu sich. Der Ewige wolle Alles zum Guten wenden. Hierauf verbrachte er den Tag in geschäftreicher Musse; ordnete seine Rechnungen, überzählte sein Geld, das er im Keller barg, une die übrige Habe, und kleidete sich gegen Abend in feinbürgerliche Tracht.