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auf allen Gassen, da es den gefürchteten Feind in seiner Gewalt sah, und Dagobert's, wie Gerhard's Namen schwebten gepriesen und erhoben zum Himmel auf allen Zungen. Sogleich versammelten sich Bürgermeister, Schöffen und Rat, und der Schulteiss, an der Spitze der gesammten Väter der Stadt, musste, so schwer es ihm auch wurde, dem verhassten Sohne Dieter's den Dank der Bürgerschaft verheissen. Dieter umarmte seinen Dagobert mit der Liebe, die den Knaben in's Leben geleitet hatte, und rief: "Ja, Du bist ein treuer Mensch. Die Feindin zu retten, wagst Du Dein Leben!" – "Die Feindin?" fragte Dagobert wehmütig entgegen: "Verhüt' es Gott, Wallrade ist meine Schwester, aber unwürdig leider unsers Namens. Ich hasse sie jedoch nicht, und würde, sie zu befreien, wohl noch mehr tun, als einen Räuber niederwerfen." – Dieser Räuber war ein Felsen von Verstockteit. Sein Läugnen, sein Hohn gegen die Vorwürfe, mit welchen ihn des Rats Vorsteher überhäuften, seines Treu- und Friedensbruchs wegen, überstieg an Frechheit Alles, was man bisher aus Räubersmund vernommen hatte. Seine Knechte, in der Schule des Verbrechens gross gezogen, folgten dem Bespiele ihres Gebieter, bis der Oberstrichter ihnen mit der Folter drohte, und zum Beweise, dass er es ernstlich meine, die schrecklichsten Folterwerkzeuge herbeibringen liess. Dieser grausenvolle Anblick erschütterte die Standhaftigkeit der Reisigen; sie wankten, liessen nach von ihrem Starrsinn, und bekannten endlich unter der Bedingung, ihr elendes Leben zu behalten, eine Unzahl von blutigen Taten und Raubfreveln, die ihr Brodherr binnen der letzten Frist verübt hatte. Keine Schandtat war zu denken, die nicht von Bechtram und feiner wilden Jagd begangen worden wäre, und der graue Sünder erblasste selbst, da man ihm die Litanei seiner Bubenstücke vorhielt. Sein Trotz und Übermut verwandelte sich, da er seine Helfershelfer von ihm gewendet sah, in plötzliche Mutlosigkeit, und in eine finstre Ahnung des Schicksals, das ihn betreffen möchte. Unter solchen Umständen wurde es dem Oberstrichter leicht, noch in der Nacht desselben Tages das Bekenntniss von ihm zu erringen, dass Wallrade und der Kaufdiener Schwarz und noch einige andere arme Leute in seinem Raubneste gefangen gehalten würden; ... und die Furcht vor einem schmählichen tod, – die Hoffnung, Leben und Freiheit zu erhalten, bewog den an der Vorsehung und seinen Freunden Verzweifelnden, an seine Hausfrau folgende Zeilen zu schreiben: "Der ehrbaren Else von Vilwyl, meiner lieben Hausfrauen, meinen freundlichen Gruss zuvor. Liebe Hausfrau! ich lasse Dich wissen, dass mich die von Frankfurt gefangen haben; darum befehle ich Dir, die Gefangenen von stunde an laufen zu lassen, weil ich gefunden habe, dass ich nichts mit ihnen, noch sie etwas mit mir zu schaffen haben. So Du das tust, ist mir's lieb. Gegeben unter meinem Insiegel. Zum Wahrzeichen schicke ich Dir Deinen eignen Siegelring. Bechtram von Vilwyl, Ritter."

Dieser Brief, die Befreiungsurkunde der in Haft gehaltnen, war geschrieben, aber der Bote fehlte, welcher ihn überbracht hätte, indem die Härte und grausame Rohheit der Frau von Vilbel, wie der Genossen des Ritters im ganzen Gau bekannt war, und selbst der Entschlossenste den Tod fürchtete, als sichern Lohn der Botschaft. Vergebens befahl der Rat: seine Diener meinten, ihr Leben käme nicht wieder, wenn man auch den Bechtram alsdann der Rache opfern wollte, und Geld und Versprechungen bewogen keinen, nach dem übelberüchtigten schloss Neufalkenstein zu reiten. "Schande genug für so viele im Kriegshandwerk ergraute Leute!" schalt Dagobert, da er diese unaufhörlichen Weigerungen erfuhr: "Gebt mir Brief und Ring, und ich hole die Gefangenen unversehrt aus der Höhle des Wolfs. Trifft mich dabei ein Unglück; nun, so lasst eine Messe für meine Seele lesen, und damit gut. Es soll nicht gesagt werden, dass sich in ganz Frankfurt kein Mann gefunden, der es gewagt hätte, den Räubern in das Weisse des Augs zu sehen." – Auf dieses kecke Anerbieten hin, fanden sich Viele, die nun das Wagstück unternommen hätten, allein Dagobert blieb fest bei seinem Begehren, und der Schulteiss unterstützte es, gegen alle Einwendungen des Vaters und der Freunde des Jünglings. Dagobert erkannte wohl den bösen Sinn seiner Worte und Bemühungen, freute sich aber ihrer Unterstützung und ritt von dannen, geleitet von Vollbrecht und einem Trompeter der Stadt, als ob er zu einem fröhlichen Kirchweihfeste geladen wäre. – "'s ist doch mein alter böser Fluch," – brummte er lächelnd vor sich hin, – "dass ich immer wie der ew'ge Jude umherziehen muss im land, und die Pfoten in's Feuer stecken für Leute, die mich vergiften möchten; aber, was tuts? Mit meinem Frohsinn wächst meine Zuversicht, und meine Lust, jedem zu helfen, der meines Diensts begehrt. Mit dem Vater habe ich mich versöhnt, und das ist denn doch die Hauptsache. Mütterlein und Bruder Hans im Himmel werden mich dafür segnen, und es nicht übel nehmen, wenn ich mich auch um die entartete Schwester, um die verirrte Stiefmutter bekümmre, und den armen kleinen Hans nicht aus dem haus stosse, wenn er gleich nicht hinein gehört. Seine Mutter ist ja doch unser eigen Blut. – Frisch also vorwärts! Ich gehe auf dem Wege des Rechten, und darf mich nicht fürchten; wartet