, Dagobert?" – Dieser bejahte gelassen. – "So leicht also wäre es Dir schon geworden, von Deiner Heimat und Deinem Vater zu gehen?" – Dagobert schwieg, um sich nicht in unangenehme Erörterungen einzulassen. Dieter fuhr langsam fort: "Dagobert, Du warst ja sonst ein harmloser Mensch, dessen Gutmütigkeit, wie ein Kind, nach Allem in der Welt griff, um es an die Brust zu drükken, wären es auch Schlangen gewesen. O dieses kindliche Vertrauen kann noch nicht ganz aus Deiner Seele gewichen fein! Das böse tückische Schicksal kann Dich nicht so kalt gemacht haben, dass Du nicht für die Reue eines Vaters ein Ohr, für seine Bitte ein versöhnlich Herz, für seine zitternde, Vergebung suchende Rechte eine freundliche, offene Sohneshand hättest!" –
Dagobert war auf ganz andere Reden gefasst gewesen; um so überraschender klang die herzliche, erschütternde des Alten, unterstützt von seiner dargebotenen Hand, von der Träne die in seinem Auge bebte, von der schwachen Röte, welche die Beschämung in seine blassen Mangen trieb. Auch in Dagoberts Augen stürzten Tropfen des heiligsten Gefühls, und zu den Füssen des Vaters sank er nieder, als ob er der verlorne Sohn sei, und der Verbrechen unzählige zu bekennen hätte. Dieter war so ergriffen, dass er nicht aufstehen, den Knieenden nicht aufheben konnte, sondern bloss mit seinen Händen dessen Wangen streichelte, und Perle auf Perle in dessen braune Lokken, auf dessen Stirne fallen liess. – "O, mein Sohn," – sprach er nach langem Schweigen: "Du kennst meinen unbeugsamen Willen, – Dir ist nicht fremd, dass ich eher in Zorn gerate, als in Rührung; allein, ich fühle, seit Gestern bin ich anders geworden. Mein Wahnsinn musste mich auf den höchsten Gipfel treiben, um zu erliegen den glühenden Worten eines Fremden. Welche Nacht habe ich zugebracht in den quallvollsten Leiden meines inneren! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren, und wie sträubte sich mein eiserner Sinn gegen die Reue, welche dem Beleidigten die Hand reichen muss, ... wie wehrte sich mein Fuss gegen den ersten Schritt, welcher der Busse auferlegt ist. Endlich hat der Herr gesiegt, und mein bessrer teil; abgeschüttelt habe ich alle Schaam, allen Hochmut, ... und in dem Gewande der Demut bin ich vor den Sohn getreten, um ihn zu bitten, dass er mir verzeihe, was ich schwer an ihm verschuldet, – dass er mir den schimpflichen Verdacht vergebe, den ich gegen ihn gehegt, – und dass er darein willige, wieder in mein verwaistes und verödetes Haus zu ziehen, geschmückt mit der Fröhlichkeit seiner frühern Zeit, und mit ungetrübtem Vertrauen gegen einen Vater, der die noch kurze Frist seines Daseins gerne hingeben würde, könnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten zurückkaufen." – "Ach, mein Vater;" antwortete Dagobert sanft und schonend: "wie weh und dennoch, wie wohl tut mir nicht Eure Rede. Wenn es mich schmerzen muss, den Vater mich anflehen zu hören, wie kaum ein reuiges Kind tun möchte, so wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude, dass Ihr endlich mein Herz erkannt habt, das stets rein geblieben ist, und ohne Falsch. Schier wäre ich verzweifelt an der Hoffnung, mich wieder treu und liebevoll an Eure Brust legen zu dürfen: ein guter Gott hat aber dafür gesorgt, dass nicht getrennt bleibe, was der Allvater gnädig zusammenfügte. Glücklich werde ich sein, mein Vater, wenn Ihr mich wieder in Eure arme aufnehmen wollt, und läge es an mir, Euer Leben zu verschönern ......." – "Deine Rede beschämt mich immer mehr;" versetzte Dieter aufstehend, und des Sohnes Hand schüttelnd: "Lass uns reden, wie es Männern geziemt, ohne viele Worte, die nur weich machen, wo das Herz wieder stark werden soll. Wir wollen wieder Eins sein, Freunde, gute Freunde, nicht wahr mein Sohn?" – "Wahrlich, Vater!" versicherte Dagobert aufrichtig. – "Wir wollen vergessen und hinter uns werfen, was unser Gefühl beleidigt hat, und zerrissen unsre Herzen!" – "Das wollen wir, Vater! – Wir wollen nicht zögern, der Welt zu zeigen, dass wir uns wieder vereinigten, und ablassen von jedem Groll, den wir hegen könnten, gegen Feinde und falsche wohldienerische Freunde!" – "In Gottesnamen, Vater." – "Nun denn," setzte Dieter hinzu: "So komm mit mir, mein Erstgeborner, mein Wiedergeborner, damit der gang in unser Haus mir lieblicher werde, als der saure gang hierher, wo ich den Sohn unter Fremden suchen musste." – "So Ihr mir erlaubt, alsdann auf einen Ritt zu gehen, den ich nicht verschieben kann?" – "Gerne, mein Sohn, Zwang soll Dich nicht drücken. Nur einen Augenblick ruhe wieder aus in meinem haus, damit der Geist der Zwietracht völlig daraus entweiche." – Sie gingen, Arm in Arm, durch die Gassen, wo alle Fenster aufgingen, und alle Haustüren, an welchen sie vorüberkamen. Der Zwist zwischen Vater und Sohn war zum Geschwätze der Stadt geworden; ihre Versöhnung wurde es nicht minder. Die wahren Freunde winkten ihnen lächelnd zu, die falchen zogen sich beschämt auf die Seite, und der Schulteiss warf klingend die Fensterflügel zu, an welchen er zufälligerweise ein Zeuge dieses