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Katzenelnbogen ritt; einzig und allein von zwei Knechten geleitet. 'Kennst Du mich, Bäuerlein?' hat er den armen Mann angefahren, der demütig in's Wagengeleis getreten war, und sein Käpplein abgezogen hatte. Und da der Bauer bejahte, so fuhr der Ritter fort: 'Ziehst Du nach Frankfurt auf den Markt, so grüsse mir die Herren auf dem Römer, und lade sie in meinem Namen ein nach Erlebach für diesen Abend. Meine Buben, die wilde Jagd aus der Wetters, feiern heute dort den Kirchweihtag, und ich will noch selbst darauf den Reigen eröffnen, trotz meinen alten Beinen.' – Nachdem er diesen Spott von sich gesprudelt, hieb er den Bauer mit der Peitsche über den geschornen Kopf, dass er taumelte, und die Knechte warfen ihn aus Mutwillen in den Graben, dass all die Waaren, die er im Korbe trug, verdorben im Morast lagen. Sagt nun, ihr Herren; wär's wohl geraten, den Herren auf dem Römer die Mähr anzuzeigen, dass sie den Erlebachern hülfe schicken, die der Wütrich gewiss heute Nacht mit Brand und Mord bedroht?" –

"Tut wie es Euch gefällt, guter Wirt;" erwiderte Dagobert: "viel helfen wird's jedoch nicht, wenn auch der Räuber in seinem Übermut, frech genug die wahre Färte verriet. Die Herren des Rats sind unschlüssig, uneins, und ich denke wohl, dass meine Schwester graue Haare haben, und Euer Gast, der Kaufdiener verhungert sein wird, wann einmal der Beschluss herauskömmt, ernstlich auf deren Befreiung zu sinnen." – Der Wirt begab sich, durch Dagobert's Worte unschlüssig geworden, kopfschüttelnd hinweg, und der junge Altbürger sprach munter und eilig zu dem Edelknecht: "Glaubt Ihr wohl, dass diese Kunde mich wieder aufregte zum Leben? Ihr habt Recht: Trübsinn und Schwermut machen uns brestaft, ohne zu helfen. Männlich Wollen und Tun gibt uns hingegen neue Kraft. Ich liebe meine Schwester nicht; weiss Gott, ich müsste es lügen, allein das erneuerte Angedenken an ihre schmähliche Haft empört mich; nicht minder die Saumseligkeit des Rats, der mit Drohungen stets, zur Tat aber selten gerüstet ist. Lass uns die Vollstrecker des Befehls werden, den die Bürgermeister geben werden, wann es zu spät sein wird. Mich drängt es ohnehin, diese Mauern zu verlassen, die mir vorkommen, wie ein Grab meiner angebornen Fröhlichkeit. Lass uns reiten, und auf dem Wege nach Hayn in Hinterhalt uns legen. Ich will doch auch einmal versuchen, wie sich's tut, wenn man auf der Landstrasse den Feind niederwirft, undwill's Gott, – muss Bechtram unser sein, ehe noch die Sonne im Mittag steht. Er wird sich fördern im Geschäfte mit dem Grafen, um rasch wie der Blitz am hellen Tage noch an unsrer Stadt vorüber zu ziehen, und Abends bei seinen gefährten zu sein; denn einen blutigen Tanz hat er sicher vor, wenn auch wohl nicht zu Erlebach." – "Beim heiligen Martin!" rief Gerhard: "Ihr habt mir aus der Seele geredet. Ich habe ohnehin mit dem alten Bösewicht einen Faden vom Rocken zu spinnen. Mögt Ihr's glauben, dass der Graukopf, zur Zeit, da er noch Hauptmann der Stadt gewesen, dergestalt vom Teufel des Hochmuts geplagt worden ist, dass er es abschlug, mit mir Brüderschaft zu trinken, ... bloss, weil er dem Kaiser die Sporen abgegaunert hatte? Donner und Strahl! heute ist der Tag, an dem ich ihm jene Unbill in den Bart reiben könnte. Darum, mein wackrer Geselle! auf, und nicht gesäumt. Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze verwinden, wenn wir nur nicht die gelegenheit versäumen, dem Schurken einen Stein in den Garten zu werfen, und uns dafür einen solchen bei der Stadt in's Brett zu setzen." – "Das Letztere mag D e i n e sorge sein;" versetzte Dagobert spöttisch, und rief nach Vollbrecht, um Alles ohne aufsehen zum Auszuge rüsten zu lassen. – Bei dem Namen des Knechts faltete sich des Hülshofners Stirne: "Wär's nicht, dass wir Dreie seien gegen Dreie," sprach er, so möchte ich wohl, dass wir den Langen zu haus liessen. Der Anblick des Burschen demütigt mich in etwas, denn er trägt seine Wohlbeleibteit so stolz vor sich her zur Schau, als wollte er mir immer sagen: "Gelt, Du armer Fechtbruder; ich bin in die Pfingstwoche geraten, während Du noch immer am Aschermittwoch kauest?" – "Lass den wackern Knecht ungeschoren," erwiderte Dagobert freundlich, und wendete sich gegen die aufgehende tür. Wie staunte er aber nicht, da nicht Vollbrecht hereinkam, sondern der unerwartetste von allen Menschen: Dieter der Altbürger, fein Vater! Verlegen und glühenden Antlitzes ging er auf den Überraschenden zu, ohne eines Wortes mächtig zu sein. Der Alte, gewohnt sein Äusseres bei öffentlichen Gelegenheiten und Anlässen zu beherrschen, nickte langsam grüssend mit dem haupt, und blickte auf den Edelknecht, als wollte er fragen, warum sich ein unerwünschter Dritter hier befinde. Dagobert verstand den Wink besser, als der glotzende Gerhard, und fandte ihn hinweg mit der Bitte, im Stalle nach dem Rechten zu sehen. – Als nun Vater und Sohn allein waren, begann der Erste, nachdem er sich gesetzt: "Du willst fort