Jüdin, und dadurch zum Ketzer werden? Wer zeiht mich dessen? Ich habe die arme verlassne, von der Welt gehasste und verachtete Dirne in meinen Schutz genommen, ohne sträfliche Absicht. Ich halte sie verborgen vor ihren Feinden, und bin fröhlich, dass es mir gelungen ist. Vergebens befragte man mich nach ihrer Zufluchtsstätte. Das Lamm, das ich rettete, verkaufe ich nicht selbst den Wölfen, und ich müsste mich zuvörderst überzeugen, ob nicht hinter diesen Gewändern, die Euch, ihr Herren, verhüllen, von diesen Wölfen einige verborgen wären. Verzeiht mir dieses dreiste Wort; überführt mich jedoch vom Gegenteil; und könnt Ihr mir verbürgen, dass Ester, Ben David's Tochter, gehalten werden soll, wie eine ehrliche Dirne, und nicht wie ein verworfnes Tier, – könnt Ihr mir verbürgen, dass sie Händen übergeben wird, die redlich und ohne Hass ihr Bestes wahren, – dann erst sollt Ihr ohne Widerrede erfahren, wo sie weilt. Ich aber habe mich in Eure Gewalt gegeben, ob Ihr meinen Worten trauen wollt, ob nicht. Es wäre mir nicht schwer geworden, manches Böse zu entüllen, das ich von denen erfahren, die ich verletzt haben soll, allein Rache und böse Vergeltung ist meiner Seele fremd. Ich bin ein deutscher Junge, handle schlicht und recht, und denke in dem kaiserlich freien Gericht, vor dem ich mich sonder Furcht gestellt, nicht den Stuhl zu finden, vor dem die Wahrheit flieht, und die Lüge das Haupt erhebt, wie das Volk insgemein befürchtet; sondern einen Verein von deutschen Männern, die des Königs heiligen Namen ehren, und nicht minder den untadeligen Menschen, den Gott nach seinem Ebenbilde schuf." –
Als nun der herzhafte Jüngling schwieg, verbreitete sich über den ganzen raum eine Stille sonder Gleichen, und jeder von den Unbekannten überlegte, ob denn Dagobert gesprochen wie ein Beklagter, oder vielmehr wie ein Wissender selbst, der den Stuhl des Grafen besteigen will. Der Freigraf hob, der Erste, wieder an zu reden, und sagte: "Gott walte, dass auf dieser Vehmstätte die Unschuld wissentlich verderbe. Der Mann, so das Reich hütet, – unser gnädigster Herr und König hat nicht darum seine höchste Macht über Gut, Ehr' und Leben in unsre Hand gelegt, dass wir tödten sollen den Schuldlosen, und erhöhen den Sträflichen. Bedeutet das Schwert hier vor uns das Kreuz, an welchem der Erlöser gelitten, und die Gestrengigkeit unsers Gerichts, so wie die Weide die Strafe der Bösen, um ihre Missetat; so hat uns doch der Herr die Weisheit gegeben, die das Wahre unterscheiden mag vom Falschen. Gleichwie der erste Stuhl auf roter Erde der Spiegel des Reichs genannt wird, in welchem Alles zu schauen, wie es ist; also jede Vehmstätte für die ihr Untergeordneten durch kaiserliche Satzung. Ich finde nicht die Schuld an Euch, deren Ihr bezüchtigt worden, und die Stimmen dieser sieben Freien mögen zur Sprache kommen." – Während die Schöppen rings um die Tafel leise ihre Entscheidung dem Freigrafen mitteilten, bemerkte Dagobert, dass in einer Ecke, halb von einer vorspringenden Säule verdeckt, einer der Verhüllten sich wie ein trostloser Mensch geberdete, das Haupt gegen die Säule stemmte, und sich nicht durch das Zureden einiger um ihn Versammelten begütigen liess. –
"Die Schöppen der heimlichen Acht finden keinen Fehl an Euch;" begann der Freigraf feierlich, "und damit Ihr sehet, dass wir redlich richten, sonder Willkür und Minne, so rufe ich den Wissenden, Euern Kläger vor die Schranken, hiemit zum ersten, zweiten und dritten Male." – Der Verhüllte, von dem früher gesprochen, wankte heran, umgeben von seinen Begleitern. – "Schöppe;" sprach der Freigraf ernst: "wir finden Eure Klage ungegründet. Wollt Ihr sie beschwören auf Euern Eid, oder beweisen, dass Ihr den beklagten Mann ergriffen auf handhafter Tat? oder weiter führen die Klage vor die kammer des Reichs zu Dortmund?" – Der Kläger schüttelte den Kopf, und sprach mit halberloschner stimme: "Nein, mein Herr Graf. Nimmer soll das geschehen. Die schwerste Pflicht hab' ich als redlicher Freischöppe in Treuen und Wahrhaftigkeit zu erfüllen geglaubt. Der Himmel will, dass ich erliege mit meiner Klage. Ich schwöre nicht auf meinen Eid und meine Pflicht; denn dieser wäre dann verloren, und Gott will, dass er frei ausgehe. Auf handhaftiger Tat hab' ich ihn nicht ergrisfen, und kann nicht zeugnis stellen ohne Lüge, und vor dem Spiegel der roten Erde trage ich meine Schande fürder nicht." – Das Blut in Dagobert's Adern starrte, denn die stimme seines leiblichen Vaters war in der des Klägers nicht zu verkennen. Gewaltsam musste er an sich halten. Als aber der Gedemütigte fortfuhr: "So unterwerfe ich mich denn der Strafe, die des Freigerichts Ordnung selbst gegen den Wissenden verhängt, und biete meinen Hals der Weide, wie der Beklagte hätte tun müssen; ..." da konnte Dagobert nicht ferner schweigen; sondern stürzte mit dem Ausrufe: "Barmherziger Himmel! mein Vater!" gegen den Stuhl hin: "mein armer getäuschter Vater sterben für mich? O ihr Herren der Vehme! Das nicht, das nicht dem ärmsten betrogenen Greise, den ein grausam Verhängniss gezwungen hat, den Sohn selbst anzuklagen auf peinliche Strafe!" – Der Freigraf winkte ihm Stille zu. Indem trat ein Andrer auf,