vor sich hin mit halblauter stimme, damit wieder Ruhe und Fassung in seine Brust kehrte:5 "Vom Vaterland," so fern so fern, – "hat mich erkannt" der Abendstern, – "und lacht mich an;" ich kenne Dich, "und Deine Bahn;" hier siehst Du mich! –
Nachdem er diesen ersten Vers vollendet, und sein Herz in neuer Kraft aufschlagen fühlte, war es ihm, als ob sich unfern von ihm wieder etwas regte. Er lauschte; das Geräusch hatte aber aufgehört. So begann er denn den zweiten Vers des ermunternden Liedes: "Ich blick' Dich an," ach Abendstern, "auf Deiner Bahn," so nah und fern, "Wie freu' ich mich," Dich hier zu sehen; "Du kannst – nicht ich," zum Liebchen geh'n. – "Zum Liebchen gehen!" wiederholte er schmerzlich, und hielt die Hand vor die tränenden Augen. Neben ihm liess sich indessen eine freundliche Mannsstimme vernehmen: "Habt Dank, guter Geselle: Euer Lied kam von Herzen, und ging auch zu Herzen. Gott segne den wackern Sänger, der es machte, und lasse es ihm wohl gehen; sässe er auch in Schmach und Elend, ... vergnügt müsste er sein, da die Dichtkunst und die liebliche Musika ihm dienen, und sie sind beide gar holdselige Engelein." –
Dagobert schaute verwundert auf den Nachbar mit der leisen gemütlichen Rede, und wäre fast erschrokken, da er in demselben einen kleinen verkappten Mann wahr nahm, über dessen Haupt die Kaputze eines dunkeln Mantels tief herabfiel. "Ich muss Euch aber jetzt bitten," sprach der Mann weiter: "diesen Platz zu meiden. Es wird hier herum die kaiserliche beschlossene Acht gehegt, und wir haben Fug und Recht vom Kaiser, hier nur Geladene zu dulden. Ich hab' Euch nur das Liedlein wollen vollenden lassen, und denke, Ihr werdet ohne Säumen heim gehen." – "Ei, mein Freund," antwortete Dagobert fast lustig und wohlgemut: "ich b i n ja ein Geladener, und wenn Ihr, wie ich denke, ein Diener der Heimlichen seid, so tut mir die Liebe, mich hinzuführen, wo man meiner bedarf, denn es ist nicht eben fröhlich, hier das Grab umsonst zu hüten6. Die Stunde ist spät, und vom Main weht keine sommerliche Luft." – Der kleine Mann warf sich bei diesen Worten etwas in die Brust, und fragte nach dem Namen des Andern. Als derselbe sich genannt, staunte der Frohn ein wenig. – "Ihr seid allzufertig, Junkher Frosch;" sagte er mit einer Art von Verbeugung: "Nur ein gut Gewissen stellt sich, ohne die dritte Ladung abzuwarten, vor die Schranken. Glück auf, Herr, und folgt mir. Ich will hoffen, Euch wohlbehalten wieder hieher zurück zu bringen." – "Gott geb's!" versetzte Dagobert: "Schreitet voran, Ihr da; ich komme nach." – "Erlaubt, dass ich Euch mit diesem Tuche die Augen blende;" entgegnete der Frohn: "wir haben nicht weit zu gehen, und der Gebrauch will es so. Auch Eure Waffen gebt mir, falls Ihr deren bei Euch tragt." – Dagobert besann sich ein wenig; dann sagte er: "Und warum denn nicht? Mein Recht bedarf keines Schwerts, und die schwache Klinge würde nicht der Gewalttat Vieler sich erwehren können." – Er reichte dem Frohn die Waffe, und liess sich geduldig das Antlitz verhüllen, worauf ihn der Frohn bei der Hand nahm, und behutsam mit ihm voranging. – "Wäre ich Freigraf und Schöppenbank in Einem," wisperte der Kleine dem Jüngling zu: "so hätte ich Euch schon dort auf dem Kreuzwege freigesprochen; denn ein Mann, der solche Liedlein singt, und singt, wie Ihr es tut, .. der hat nimmer einen Frevel im Schilde geführt." – "Ihr habt viel Vertrauen, obschon Ihr zu den Heimlichen gehört;" meinte Dagobert: "könntet Euch wohl irren." – "Nicht doch;" versetzte der Frohn: "ich kenne Euch auch nicht erst seit heute, und schon, da Ihr mit Singen aufhörtet, und zu sprechen begannt, hab' ich wohl gewusst, wer Ihr seid. Ich kenne Euch recht gut und Euer Haus." – "Ei, so soll mich Gott! .." sagte Dagobert, im Gehen inne haltend: "Ihr seid mir auch nicht fremd, und manches Stiefelpaar hat mir Eure Hand gefertigt, Meister Freudenberger, wenn mich meine Ohren nicht abscheulich hinters Licht führen." – "Pst!" antwortete der Andere, und weiter nichts. – "Wie kommt denn Ihr, der fröhliche Meister und kunstgerechte Chor- und Stubensänger, – wie kommt Ihr unter diese Eulen der Nacht?" fragte Dagobert teilnehmend weiter. Der Frohn drückte ihm aber rasch die Hand, und flüsterte: "Stille, um des himmels Willen. Wir sind unfern dem stuhl, und haben nur das Zeichen zu erwarten." – Lautlos standen Beide stille, und nachdem verschiedne Stimmen, brummend und flüsternd an ihnen vorüber gegangen waren, geschahen unweit von ihrer Stätte sieben Hammerschläge auf ein dröhnendes Brett, und mehrere Menschen kamen heran. "Ben!" rief der Eine, mit viel Frohsinn in dem Ausdruck