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die Schultern, und blickte scharf nach der Seite, von wo sich etwas gegen ihn bewegte. Den linken, in den Mantel gewickelten Arm vorgehalten wie ein Schild, und die rechte Faust am Griffe des kurzen Schwerts, das an seiner Seite hing, rief er dem Nahenden fein: "Wer geht da?" entgegen. Statt der stumpfen stimme eines harrenden Freifrohnen redete ihn jedoch Ben David's stimme an, die er alsobald erkannte; erschrocken rief er ihm zu: "Unglücklicher, woher kömmst Du? was willst Du hier? Rede, oder besser: fliehe! Man bringt Dich in Deinen Kerker zurück, oder die Diener der Acht schleudern Dich in den Main, so Du nicht eilig auf und davon gehst!" – "Ich bin nicht entsprungen, Herr!" erwiderte der Jude schweratmend und demütig: "ich will weiter wandern jedoch, um zu retten mein armselig Dasein für mein Kind. Doch, eben dieses Kind ... Herr, ... Ihr habt es gekannt, ... Ihr habt es beschützt ... Ihr habt es vielleicht geliebt, wie ein Edelmann nicht soll lieben eine schlechte Jüdin." – "Ben David!" rief der Junker halb zürnend, aber der Jude liess ihn nicht weiter sprechen, sondern fuhr fort: "Hab' ich gesagt eine Lüge, so verzeiht mir, und der liebe Gott wird es nicht minder tun. Und hätte ich gesagt die Wahrheit, und wär Ester geworden ein Spiel Eurer Musse und Eures raschen Bluts, ... Herr, ... ich muss Euch vergeben, da Ihr ein Christ seid, und ich nur ein elender Jude; aber ich w i l l auch vergeben, wenn Ihr barmherzig sein wollt, und mir nur einen Wink gebet, wo ich s i e wiederfinden kann, das Licht meiner Augen, – den Stab meiner schwachen Hand." – "Aber, was rede ich?" setzte er hinzu, da Dagobert noch vor Bestürzung schwieg: "Ich bin ein Tor; blödsinnig bin ich geworden, und vergesslich wie das Hirn eines alten Weibes. Weiss ich denn nicht, dass der verfluchte Zodick sie geraubt aus Euerm Gewahrsam, .... dass sie geworden ist eine Beute des Kriegsvolks? ... Weh mir! weh mir! wehe geschrieen über mich und Israel!" –

Der arme erschütterte Mann war im Begriff, in laute Klagen auszubrechen und mit seinem Jammer Nacht und Nachbarschaft aufzustören. Dagobert hatte besorgliches Mitleid mit den Vater seiner Ester. "Fasse Dich;" sagte er eindringlich zu dem Winselnden, indem er ihn mit starker Hand emporhielt: "Du stürzest Dich in's Verderben durch Dein zweckloses Gewimmer. Deine Furcht ist grundlos. Ester ist in Sicherheit; Gott und ichwir haben sie nicht verlassen. Du wirst mich besser kennen lernen." – "Engel, Fürst der Barmherzigkeit!" stammelte der froh überraschte Vater, Dagobert's hände küssend: "Ihr habt Segen gepflanzt auf meinen dunkeln Weg, Öl gegossen in die Wunden meines Grams. Erfüllt das Maass Eurer Menschenliebe .... zeigt mir den Weg zu Ester. Besorgt nicht, dass ich sie reisse mit mir in's Unglück. Ist sie Euer Eigentum geworden; wie der Knecht das des Herrn, ich raube sie Euch nicht, ... ist sie geworden Euer Gut, wie das Lieb des Buhlen, ich verführe sie Euch nicht; aber letzen muss ich mich mit ihr, damit ich hinfahren könne in Frieden."

"Merke auf;" versetzte Dagobert schnell und bewegt: "Morgen schon magst Du im arme Deines Kindes liegen. Unfern von der Stadt Friedberg liegt das Dürninger Schloss, und in dem wald, der das Ritterhaus umgibt, steht, eingehägt wie das Veilchen im weitverbergenden Wieswachs, die Forstütte des Schlosses. Darin haust Ester, dort magst Du sie finden, und mein in Frieden gedenken, sollte ich nimmer dahin zurück kommen. Geh' aber jetzt, Alter, denn sicher bleibt diese Stätte nicht mehr lange leer." – Er riss die zwar nicht überflüssig gefüllte Börse vom Gürtel, und drückte sie dem Freudevollen in die widerstrebende Hand. Mit dankbarer Inbrunst küsste Ben David den Saum seines Mantels, stammelte die Worte: "Herr des Lebens! Herr der Gnade! Und Dich konnte ich nennen grausam?" und lief, ohne ferner zu verweilen, fort gegen das Gattertor zu, das aus Sachsenhausen einen Ausweg darbot, und seine Flügel vor der Freigebigkeit des eiligen Wandrers willig öffnete. – "Die Begierde, über den Strom zurück zu kommen, stürzt vielleicht den armen Mann in die Fluten, ehe noch das Morgenlicht den Schiffer weckt, die Fähre zu rüsten!" sagte Dagobert vor sich hin, und schritt mit aufmerksamem Ohre hin und her. – "Es dauert lange!" fuhr er nach einer kurzen Stille fort: "wüsste ich nur ein Mittel, mich den Herren bemerkbar zu machen; denn gehegt wird heute. Die schwarzen Vögel strichen schon an mir vorbei." – Indem er nun mit verschränkten Armen zu den Sternen emporsah in ungeduldiger Erwartung, und in der schmerzlichen Erinnerung an die Ferne, Ersehnte, – fiel ihm ein Lied ein, das zu jenen zeiten im mund aller gefühlvollen oder minneholden Jünglinge war; und da dessen einfach rührender Inhalt sich vollkommen nach dem Zustande seiner innersten Seele richtete, so sang er es