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wie ein Schatten, und von dannen gerafft worden, wie meine Habe, und betteln muss ich mein Brod vor den Hütten Jakobs, oder den Wohnungen Amaleks, das mir den Tod wünscht, statt Gedeihen, weil ich hänge an dem Gesetz, an Deinem Gesetz, hochgelobter, gepriesener Gott! weil ich mich nenne nach Israel, das Du geweiht hast vor allen Völkern der Erde. Gerechtigkeit war mein Kleid, mein Recht der fürstliche Hut meines Haupts! Hast Du denn so gar grosse Sünde gefunden an Deinem Knecht, o Herr, dass Du ihn schlägst mit Deinem unendlichen Zorn? oder willst Du prüfen, ob ....." Das leise Flüstern der bebenden Lippen verlosch in lauschende Stille, denn Gestalten, wie die Schatten der Nacht in düstre Gewänder gehüllt, eilte unfern von dem platz des Juden vorüber. Gingen ihrer gleich mehrere zusammen, so wurde dennoch kein Wort gewechselt, und dieses schnelle und ganz geräuschlose Vorübertreiben der nächtlichen Wanderer machte nicht auf Ben David allein einen unheimlichen Eindruck, denn ein guter Bürger, welcher gegenüber, vielleicht der letzte Wachende in seiner ganzen Strasse, beim düstern Lampenschimmer am halb geöffneten Fenster sass, schlug bei obigem Anblick mit dem halblauten Rufe: "Ach Jesus Maria!" das Fensterlein zu, und löschte schnell den Lichtschein, um scheu in sein Lager zu kriechen. – Ben David, mit Gespensterfurcht wenig bekannt, sah in den verhüllten Leuten keine Schrecknisse des Grabes; wohl aber erinnerte ihn seine Vernunft gar bald an das im Finstern waltende Gericht, das von Zeit zu Zeit auf Sachsenhausens Boden gehegt wurde, und von dem volk gefürchteter und gehasster war, als von den Juden, die nicht vor die heimliche Acht gezogen wurden. Diese Freiung sicherte indessen diese Letztere nicht vor ungläubiger Misshandlung, so sie in dem Umkreise der Vehmstätte als lauschende und neugierige Späher aufgefunden würden, und, um von den hin und her schweifenden Vermummten nicht ertappt zu werden, versuchte Ben David, trotz seiner Erschöpfung, von dannen zu schleichen, als eine bekannte stimme, die sich in geringer Entfernung hören liess, ihn neuerdings vermochte, sein Ohr aufzutun, und zu verharren. "Bis hieher, und nicht weiter;" sagte eine stimme freundlich: "hat anders die Sage des Pöbels einen Grund, so muss ich im Bereich der Maternkapelle meine Leute finden. Habe Dank, dass Du mich bis hieher geleitet, denn, da ich hier der Feinde so viele und mächtige zähle, wird mir bald selbst vor Meuchelmord bange."

"Wer weiss, ob Ihr nicht einem ähnlichen Schicksale entgegen geht;" antwortete eine andere stimme: "Seht, guter Dagobert, ich möchte Euch gar zu gerne wieder mit mir zurück nehmen nach der Stadt. Lasst das Wagstück bleiben, und geht in's Kloster, oder in die Fremde auf Abenteuer; dann lassen Euch die Finsterlinge ungeschoren!" – "Wahre Deine Zunge;" entgegnete Dagobert: "hier ist die Luft nicht rein; und von meinem Vorhaben bringst Du mich nicht ab. Um Deines freundlichen Geleits willen jedoch verzeihe ich Dir, dass Du mich so feig in Deinen bösen Handel verwickeln wolltest, und nehme all meinen Groll zurück." – "Ihr habt gut reden, Junker;" versetzte der Andre, – Gerhard von Hülshofen: – "und Ihr selbst hättet alsobald dem ganzen Ding eine andre Wendung geben können, hättet Ihr die Augen bei Euch gehabt, und den Jungen als Euern Bruder erkannt." – "Du hast Recht;" sprach Dagobert mit einem Seufzer, nach kurzer Stille: "'s ist meine Schuld. Mir war der Knabe fremd. Geh aber jetzt mit Gott von dannen. Mir ist, als stände ich in einem Zauberkreise, und keinen Zweiten möchte' ich in mein Geschick verwickeln. Frage morgen im Einhorn nach mir; bin ich am Leben noch, so wollen wir einen Valettrunk halten, trotz dem im Rosengarten zu Worms, denn mir ist Vaterhaus und Vaterstadt verleidet, und ich will fort. Bei dieser gelegenheit magst Du über Deinen langen Vollbrecht staunen. Die Kost in meinem Dienste schlug dem Burschen trefflich an, und er beginnt, Dir's gleich zu tun." – "Ihr könnt noch scherzen," sprach Gerhard: "und mir pocht das Herz wie einem armen Sünder! Ein gut Gewissen mag ein wackrer Harnisch sein, allein ...." – "Das ist es auch;" meinte Dagobert: "noch einmal, geh! Komm ich nicht wieder, so grüss' den Vater und den Lehrer Johannes, und nimm mein Pferd, das Beste meiner Habe. lebe wohl aber jetzt." – Ein Handschlag noch, und fort eilte der Begleiter. Dagobert sah sich unschlüssig auf der Kreuzstrasse um, und brummte in den Bart: "Am besten ist's, ich warte hier, bis man mich ausgewittert. Ist's denn wohl der Nachttau, der meine Augen feucht macht, oder etwas Besseres? Der plumpe Wicht sogar hätte mich bald weich gemacht, und an den Vater, und an s i e will ich gar nicht denken, sonst heule ich den unbekannten Herrn etwas vor, statt wie ein Mann zu reden. Und wahrlich, dieses Letztere zu tun, ist Not, denn dort gilt's, wie es heisst. In Gottes Namen, und im Namen der Dreifaltigkeit: ich bin gefasst." – Er schlug den Mantel fester um