wie in der Verzweiflung losreissend, dem Kerkerknecht. – Der Mann warf ihm, während sein Gehülfe dem Richter des Turmes tür öffnete, ein wollnes Wamms zu, und sagte: "Das schickt Dir die Barmherzigkeit der verrückten Dirne, die des getauften Schurken Freveltaten an das Licht gebracht. Die Jacke war für den Alten bestimmt, doch kommt sie Dir jetzt auch zu gut, so wie diese Flasche Wein, die von derselben Geberin geschickt worden ist. Die närrische Dirne hat Euch schon früherhin, da Eure Leute sich nicht um Euch bekümmerten, manchmal Wein geschickt, und er hat, – wenn gleich nicht koscher – Euern Judengurgeln wohl geschmeckt. Da, nimm auch diesen." – "Was soll mir Wein?" fragte Ben David bitter lächelnd: "Ich bin getränkt mit sorge und Bangigkeit. Trinke Du, mein Freund." – "Lieber Pech und Schwefel;" erwiderte der grobe Knecht: "lieber des Teufels heissesten Trunk, als Rüdesheimer, der schon einmal für jüdische Ketzer bestimmt ist. Darauf haftet schon der Fluch. Trink, und dann komm. Ich würde Dich an die Leine nehmen, wie der Schlächter das Schwein, euern Erbfeind; aber ich schämte mich, wenn mich in der Dämmerung ein Mensch in Deiner Gesellschaft erkennte. Darum will ich Dir erlauben, frei vor mir zu gehen, und ich zähle auf Deine schwachen Beine, dass Du mir nicht in der Stadt entkömmst." – Ben David antwortete nicht auf die pöbelhaften Beleidigungen, zwang sich, einen Zug aus der übersandten Flasche zu tun, und folgte, nachdem er seine zitternden Glieder mit dem warmen Wamms bedeckt, seinem rohen Führer, der i h n auf der Gasse vorschreiten liess, um ihn im Auge zu haben. Er trieb den armen geschwächten Juden hastig an, und brummte ohne Aufhören vor sich hin, dass er die Gnade des Magistrats nicht begreife; dass er es vorgezogen haben würde, den überlebenden Juden wo möglich zweimal verbrennen zu lassen, damit ihm die Strafe des Gestorbenen zu gute komme; und dass die Juden das schlechteste, aber auch zugleich das glücklichste Gesindel von der Welt seien, dem Herren und Fürsten allzugnädig gar Vieles durch die Finger sähen. Am Brückentor angelangt, wo schon die Pforten gesperrt werden sollten, schickte er seinen Begleiter unter derben Flüchen zum Teufel, und befahl den Wachen an, dem Juden, falls er sich heute noch herüber wagen wollte, mit der Hellebarte die Nase aus dem Gesicht zu hauen, und ihn zu weiterer Bestrafung, einzufangen. – Ben David hatte indessen völlige Freiheit, zu gehen, wohin er wollte. Wankend vor Schwäche schritt er durch die Haufen der nach Sachsenhausen kehrenden Handwerker hin, und e r , dessen Schicksal eine geraume Zeit hindurch auf allen Zungen gewesen war, blieb unbemerkt und unbeachtet. Der Rat hätte kein besseres Mittel wählen können, allem Deuteln des Pöbels wie der Bessern auszuweichen, als den misshandelten Juden gerade um diese Zeit wegweisen zu lassen. Ben David suchte auch nicht, sein Schicksal Jemand mitzuteilen, oder sein sehr kennbares Gesicht bei Lichte zu zeigen; desshalb setzte er sich, da feine Mattigkeit ihm nicht erlaubte, weiter fürbass zu ziehen, in einen entlegenen Winkel der Gasse, in welcher die Maternuskapelle lag, ein unausgebautes, seit bald fünfzig Jahren öde und wüst stehendes Kirchlein, das dem Müden wohl ein besseres Obdach gegeben hätte, aber als eine christliche Tempelstätte, schon mit dem Namen eines heiligen Patrons begabt, von dem gewissenhaften Juden nicht zum Schlummerplatz erwählt wurde. – Die Gedanken, die einen betrübten Sohn und noch betrübtern in alles Ungemach des Lebens und der Armut herausgestossenen Vater quälen, belagerten auch die Sinne des unglücklichen Ben David, und verwehrten dem mildernden Schlummer allen Zugang zu dem Gepeinigten. Wohin sollte er sich jetzt wenden, um das verlorne Kleinod seines verbitterten Lebens aufzusuchen? Wohin hatten die wilden Reiter, von denen Judit sprach, die bedauernswerte Ester entführt? Und wenn er das Kind seiner Tage wieder in die arme schloss, welche Schande weilte nicht vielleicht im verborgenen Hintergrunde? Seine grausame Einbildungskraft stellte die ganze wunderliebliche und verführerische Gestalt der Verlornen vor seine Augen, und bekümmerter hob sich seine Brust, denn so viel Liebreitz konnte nimmer der Gefahr entgangen sein. "O Gott meiner Väter!" seufzte er aus dem grund seines Herzens in die rings um ihn still gewordene Nacht hinaus: "O Du, der Du gemacht hast die Sterne, die dort oben funkeln in der Krone Deines Haupts! Wie liege ich doch hier, so geplagt und gepeinigt, wie ein von Deinem Angesichte Verstossener? Ich bin unglücklicher, denn der arme Mann Job und der Bettler vor der tür des Reichen. Ich habe gehabt Geld und Gut, ich habe gepflegt einen greisen Vater, ich wurde bedient von einer geliebten Tochter; ich habe hinausgeschickt in die Fremde zwei Söhne, zu werden der Stolz meiner Tage, und meine Freude im tod. Weh mir! weh mir! was ist geworden aus diesem Reichtum? Wahrlich, wahrlich; auch gegen mich hat sich der Schrecken gekehrt, und hat verfolgt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine laufende Wolke meinen glückseligen Stand. Das Schwert hat gefressen den einen meiner Söhne; abgefallen ist der zweite von dem gesetz seiner Väter. Geschieden ist mein Vater in den Banden der Knechtschaft, und verstummt ist unter dem Himmel die Klage meiner Tochter. Wo ist sie, die blühende Rose aus meinem Garten? Ach, sie ist vergangen