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Türen des Kerkers geöffnet werden sollen, jedoch ohne öffentlichen Freispruch; dass die Dokumente dieses Handels vernichtet werden mögen, und Du binnen sechs Jahren verbannt bleibest aus dieser Stadt und ihrem Weichbilde, bei Verlust der Ohren und des rechten Daumens, so Du Dich wieder betreten liessest, binnen der aufgegebenen Bannfrist. Diese Pön magst Du hinnehmen, als Vergeltung für den Kauf eines Christenknaben. Im übrigen danke der Milde des Gerichtes, und entferne Dich noch disen Abend." – "Herr!" versetzte Ben David nach langer Überleguug: "Es müsste nicht gelten die Freiheit, wenn ich nicht annähme Euern Antrag. Aber der Bann, der Bann macht mich zum Verbrecher." Mein Haus wird verfallen, Gras wachsen vor meiner Tür, meine Freunde werden mich suchen, und fragen: "Wo ist er hingegangen, dass wir ihn nicht finden? Und meine Tochter, mein Esterchen! Herr! ich werde doch nicht können fort." – "So muss ich Dich mit Gewalt wegbringen lassen;" entgegnete der Oberstrichter gleichgültig: "und wehe dann Deinem Kopf und Deiner Faust, im Falle des Wiederbetretens." – "O Herr!" seufzte der Jude: "Ihr seid grausam in Eurer Barmherzigkeit. Und doch ist ein so herrliches Gut die Freiheit! Ich wollte gerne gehen, ob ich gleich nackt bin, wie ein Bettler, arm wie das Kind das eben zur Welt gebar der Schooss des Weibes. Denn ich habe nicht vergraben Schätze, ich habe nicht verborgen mein Gold. Meine einzige Habe ist ein elend Geschrifft, das der Wind mag zerstückeln, und vielleicht schon weggeführt hat die Flut. Dennoch wollte ich gehen hinaus in die Welt, um zu sein frei; ich wollte legen den Schlüssel meiner Tür in die hände des Nachbars, und aushalten den Baun, mit dem Brandzeichen des Verbrechens, und zu suchen, und wieder zu finden mein Kind; aber diese Leiche, ... mein Vater .... ich kann sie doch nicht tragen auf meinen Schultern davon, und was wird aus ihr werden? Soll sie doch jetzt schon ruhen in der Erde, weil der Herr befiehlt, dass die Trauer nicht schlafe über Nacht im haus. Was geschieht aber mit ihr: Werdet Ihr sie auf den Anger werfen lassen, oder in den Fluss? Wehe, wehe über Israel und seine Schmach! Mein Herz wallet mir im leib, denn mein Elend ist gross!" – "Beruhige Dich," versetzte hierauf der Oberstrichter: "Deine Glaubensgenossen sollen Morgen den toten von hinnen holen, und ihn nach ihrer Weise bestatten dürfen; bei meinem Eide!" – Da ging Ben David hin zu der geliebten Leiche, bückte sich über sie, und fragte: "Raaf, wirst Du Zorn fühlen gegen mich in Deiner unstäten Seele, wenn ich nicht aushalte hier die Tage der Trauer? Ich will mich ja aufmachen, zu suchen meine Ester, – das Kind, das Du geliebt, das Kind, das Du getragen hast in Deinem Herzen, wie in Deinem Arm. Ich will, ein Verbannter, aufsuchen das Land, wo Deine Hütten stehen, Jakob, und das Gesetz gelehrt wird. Ich will dort die doppelte Zeit hindurch fasten und beten, und sitzen auf der Erde mit zerrissenem Gewand. Zürne mir jetzt nicht, ich darf ja nicht beerdigen Deinen Leib, ich darf ja nicht folgen Deinen Gebeinen zur Grube. Verzeihe mir, Raaf, dem das Paradies sei, und lebe wohl!" – Er küsste noch einmal zärtlich und ehrerbietig die Stirne und den Mund des toten, drückte ihm die Augen zu, und band die Tephillum des Haupts darüber. Dann breitete er ein Tuch über das erblasste Gesicht, und wendete sich zu dem Oberstrichter mit den Worten: "Befehlt, ehrsamer Herr, ich will gehorchen." – "So gehe hin, sobald der späte Abend dämmert;" sprach der Richter: "Der Kerkerknecht wird Dich nach Sachsenhausen hinüber geleiten. Dort magst Du weilenbis Morgen. Mit dem frühesten des Tages jedoch schüttle den Staub von Deinen Schuhen, und wandre, wandre weit von hier. Dem erbarmenden Gefühle in meiner Brust habe ich genug getan, da ich Dich losgebettelt habe bei dem Rate. Zwinge mich nicht, Deine Strafe aussprechen zu müssen, und halte Deinen Bann." – "Schon dämmert der Spätabend;" entgegnete Ben David langsam, durch die Fenster schauend, auf die nächsten Häuser, in welchen die Lichter angezündet wurden: "Das Brückentor wird bald gesperrt werden; ich will daher jetzt gehen, Herr, so Ihr befehlt." – Der Wächter erschien mit Licht an der tür, und der Oberstrichter machte sich auf, das Zimmer zu verlassen. Ben David tat einige Schritte, und blieb dann wie eine Bildsäule stehen. "Ist mir doch, stammelte er, als ob michs hielte bei den Haaren und Salomon's Ring mich festbannte, dass ich nicht kann fort!" – "Fasse Mut, Jude," – antwortete der Oberstrichter hierauf: "Die Freiheit winkt. Spare die ungemessene Trauer. Der alte Mann stand lange schon am Ziele seines Lebens, und der Vater stirbt vor dem Sohne nach dem Laufe der natur. M i c h beklage, denn ich gehe von hier zum Sarge meines Erben!" – Ben David gedachte seiner Söhne, wendete mit dem schmerzlichsten Seufzer den Kopf noch einmal nach dem Entschlummerten, und folgte alsdann, sich