: "Vergib meiner Pflicht, was ich Dir Böses getan, und fluche meinem Namen nicht." – "Da sei Gott vor," redete Jochai, "dass ich fluche dem, der meinen Mund genetzt hat mit kühlem wasser. Genommen sei von Euch jeglicher Fehl und das Vergehen Euers Vaters, denn ich kann Euch vergeben für Israel, doch nicht für den gebenedeiten Gott, welcher Edom verdammt hat zum Feuer. Ich will aber bitten für Euch im Tale Josaphat, so Ihr m i r gewähren wollt zwei Bitten." – "Sprich!" erwiderte der Oberstrichter. – "Jaget den pfaffen von meinem Lager," versetzte der Sterbende wehmütig: "seine Götter sind mir ein Gräul des Baal, und weil kein Rabbi stehen kann zu meiner Seite, und keiner von den Freunden, so will ich sein allein mit dem Engel, der da bringt das Ende." – Der Oberstrichter nickte, und der Alte fuhr fort: "Sehen möchte ich noch den Sohn, meinen Bechor, und dessen Tochter, die arme Ester." – "Von Ester weiss ich nicht," äusserte der Richter: "jedoch Dein Sohn, ... so eben bringt man ihn." –
Man muss den leidenschaftlichen Schmerz der Völker des Südens gesehen haben, um Davids furchtbaren Kummer sich denken zu können. Er strebte gewaltsam vorwärts aus den Händen der Wächter, die im Begriff waren, ihm die Ketten abzunehmen, und hätte sich mit der ganzen schweren Eisenlast über den Körper des Vaters geworfen, wenn man es zugelassen hätte. – Endlich, von den Banden befreit, stürzte er an dem Bette nieder auf die Knie, fasste die erschlafften hände des Sterbenden, küsste sie und den bleichen Mund unter Tränen und Schluchzen und stiess von Zeit zu Zeit ein Geschrei und eine laute Klage aus, die man im mund des Weibes, aber nicht auf den Lippen des alternden Mannes erwartet haben würde. Der Ungestüm dieses Auftrittes, welchem der Oderstrichter mit Tränen im Auge entfloh, um nach dem haus seiner eigenen Trauer zu kehren, und zu überlegen was ferner zu tun sei, dauerte eine gute Weile hindurch, und Jochai schien diese heftigen Schmerzäusserungen als den schuldigen Tribut der kindlichen Liebe hinzunehmen. Endlich verstummte jedoch der allzulaute Jammer in ängstliches Stöhnen, und auch dieses hörte auf, da Ben David das bekümmerte Auge auf Jochai's erlöschendes richtete, gleichsam als wolle er die Augenblicke zählen, die noch dem Sterbenden übrig blieben. Der Greis begann nun mit brechender stimme ein Gebet zu murmeln, in welches der Sohn einstimmte, und das bald beendigt war. Nun sprach Ben David trostlos und zögernd: "Raaf! wirst du mich segnen, bevor Du hinweggehst, oder wird mein Name verflucht sein von Dir? Raaf! Du hast mir gegeben das Leben, und ich habe Dir gegeben den Tod; ach! es ist wahr geworden, was Du gesagt hast in Weisheit. Du stirbst hin in edomitischen Banden, und ich hab es verschuldet, dass Dein Angesicht bleich wird ausser Israel und den Hütten Jakobs!" – "Sohn;" entgegnete Jochai sanft: "So Du mir hättest Gift gegossen in den Leib, würde ich Dir doch verzeihen, nun ich sterbe, denn wir werden doch teilen das Paradies mit den verderbten Kindern, da wir ihnen nicht entziehen das Erbteil dieser Welt?1 Aber Du bist nicht gewesen die Schlange der Wildniss, und weil mich der Herr geschlagen hat mit Schwäche und Blödheit da ich lebte, so hat er mir verliehen Gewalt und Kraft vor dem tod. Ich gehe nicht dahin aus Leid, mein Sohn, ich gehe dahin aus Freude, weil die Herrlichkeit Israels hat gesiegt, und der Väter Fürbitte bei dem Ewigen an's Licht gebracht unsre Unschuld. Das ist ein freudevoll Hinscheiden, mein Sohn, und ich verdanke es Dir." – Dankbar presste David die milde Hand Jochai's an seinen Mund.
"Wir haben gelitten viel;" fuhr der Greis mit schwächerer stimme fort: "aber die Freude ist grösser, denn die Qual. Aus Amalek führt uns der Weg in's Paradies, wo der Herr waltet, als oberster Fürst und gastlicher Wirt, und den Behemot füttert, wie den Leviatan zur Kost der sieben Schaaren der Gerechten aus Israel2. Mag auch ausgehen die Leuchte unsers Lebens, .. wenn doch nur strahlt die Leuchte ober unserm haupt: die Herrlichkeit des hochgelobten Gottes. Meines Hand ist kraftlos geworden, Sohn, und ich kann sie nicht auflegen Deinem haupt, wie die Väter es getan, aber meine Zunge spricht ihn noch aus, den Segen, der Dich geleite zum ewigen Leben der Wonnen, zu dem ich vorangehen will. Finde Gold auf Deinen Wegen, und der Herr stärke Dein Gesicht und Deine hände, auf dass Du mögest sehen die Stricke Edoms, und gewinnen Deine verlorne Habe. Der hochgelobte Gott lasse Dich fahren unter die Gerechten, und Deine Tochter Ester nicht minder." – Ben David seufzte schwer. Jochai fühlte es, und fuhr, wiewohl eremattet, fort: "Gelobe mir," mein Sohn, "dass Du – so Du wieder findest unser verlornes Kind, – dass Du es erhalten willst auf dem Wege des Heils. Dass sie nicht anhänge einem Goi aus Edom!" – "Wie soll ich geloben, was ich nicht kann hindern?" fragte David ängstlich: "Ich kann nicht legen Fesseln an ihr Herz