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, – da nun der gebeugte Vater sich erinnerte, dass sein Schmerz, obgleich der eines Gewaltigen, im weiten Kreise der Welt nur ein schwacher Punkt sei, unbeachtet von Allen denen, welchen des Mörders Klinge nicht gleich ihm in's Innerste des Herzens gedrungen war, da legte sich die Verzweiflung zur Ruhe, und ein milder Schmerz trat an dessen Stelle; nicht der nach Rache dürstende Jammer, sondern der versöhnliche weinende Gram. Zitternd blickte der alte Mann in sein Leben zurück, und suchte nach einer Wurzel dieses Verderbens, das sein ganzes Geschlecht dahingerafft, denn der Mensch greift zum Aberglauben, um den leitenden Faden zu finden, den ihm sein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im Leben. Er gedachte seines strengen Amts, der vielen Schuldigen, die seine Türme verschlungen hatten; ... der wenigen Unschuldigen, die wieder daraus hervorgegangen waren. Er gedachte jener Vielen, die noch unter der Hand des Henkers ihre Unschuld beteuert hatten, und quälende Zweifel, ob er auch immer recht gerichtet, stiegen in ihm auf. Plötzlich erinnerte er sich der Juden, die, allen Zeugnissen zu Folge, schuldlos und unverdient, – höchstens nur einer leichten Büssung würdig, im Kerker schmachteten, und an diese Gestalten des Elends reihte sich eine andre, aus ferner Vergangenheit, ... die blinde Mutter, die des Oberstrichters Vater in die Flammen geworfen hatte, und bis an seinen Tod nicht wegbringen konnte von seinem Kopfkissen, wie er oft dem Sohne mit bitterlicher Reue geklagt. – "Wer weiss," seufzte der betrübte Richter, .. "wer weiss, ob nicht von jener unbesonnen gräulichen Tat das Unheil ausgebrütet wurde, das mich und die Meinen schon betraf? Wer weiss, welch grässliches Verhängniss meiner noch im schwachen Alter wartet, wenn ich nicht vergüte, was in meiner Macht steht?" – Diesen trübsinnigen Gedanken nachhängend, kämpfte der Oberstrichter lange mit dem wilden Vorurteile; riss sich alsdann männlich empor, und begab sich mit einer Hast, als möchte es im nächsten Augenblicke schon zu spät sein, zum Turme, in welchem Ben David und sein Vater schmachteten. Der Wächter zog achselzuckend ein langes Gesicht, da der ehrsame Herr nach dem alten Jochai fragte. "Mit ihm wird's wohl am längsten gedauert haben," brummte der rohe Mensch: "seit gestern Abend hat's ihn angefallen, wie ein tödtlich Gebreste, und mein Schwager, der Scherer am Liebfrauenberge, der den Alten gesehen, meint, es gehe mit der Judenseele zu Ende." – Der Oberstrichter entsetzte sich, ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des Kerkermeisters zu wagen. "Hat man denn dem alten mann keine hülfe gereicht?" fragte er schier gleichgültig. – "I wozu, ehrbarer Herr?" fragte der Wächter entgegen: "Das Gesindel bedarf keiner Arznei. Der Teufel hilft seinen Jungen ohnehin, wenn sie nicht sterben sollen, und er holt sie auch in seinen Pfuhl, wenn's an der Zeit ist. Dann hilft kein Sträuben, und der alte Schelm von hundert Jahren fährt auch gerade zu in die Flammen; so hat der hochwürdige Pater Reinhold gesagt, der erst vor Kurzem hinwegging. Der verfluchte Hundsjude hat sich nicht bekehren wollen, und der Pater versichert, dass ihm angst und bang bei dem Sünder geworden sei: dermassen habe der Teufel, der in ihm sitzt, geschnauft und gefaucht und geknurret, so oft der Pfaffe mit Gebet und Beschwörung angesetzt." – "Ist denn der Sohn bei dem Sterbenden?" fragte der Richter, und der Wärter schüttelte den Kopf. Das Kopfschütteln begann wieder, als er den Befehl erhalten hatte, David zu Jochai zu führen. "Gott genade unsern Ohren!" sprach der Brummbär, nach den Schlüsseln suchend: "das verdammte Volk wird ein Geschrei und Geklage anheben, dass man sein eigen Wort nicht versteht, und es hilft doch zu nichts. Der Schurke muss dennoch fort." – Der Oberstrichter wiederholte kalt und bestimmt seinen Befehl, und liess sich indessen Jochai's Gemach öffnen. Da lag der Greis, ausgestreckt auf einem elenden Lager, das doch immer im Vergleich mit seinem vorigen modernden Strohbette eine köstliche Ruhestelle war, – ganz allein, ohne hülfe, ohne Labung, und nur der Tod war bei ihm, begriffen in seinem traurigen Geschäft. Das Gesicht hatte schon beinahe die Züge angenommen, die der alte Arzt Hippokrates als die letzten bezeichnet; die Brust hob sich ängstlich und keuchend, weil in ihr das Leben sich sträubte gegen das Erlöschen, während schon die Glieder regungslos ruhten, unvermögend, den armseligen Wasserkrug, der zu Haupten des Bettes stand, an die fieberisch zitternden Lippen des Sterbenden zu bringen. Der Oberstrichter erwies diesen Dienst dem Hülflosen, er unterstützte dessen Haupt, und sprach sanfte Worte zu ihm. Das Labsal der kühlenden Tropfen und der milden Rede rief den Entschlummernden zur Besinnung zurück, und die starren Augen belebten sich wieder, und sahen in der feindlichen Amtstracht einen M e n s c h e n an dem Bette des Todes stehen. – "Der hochgelobte Gott soll Euch vergelten," sprach der Greis, welcher den Oberstrichter gar wohl erkannte: "mich hat überfallen die elende Zeit, da uns der Herr hinweggehen heisst aus dem Leben, und Versöhnung befiehlt mit dem Feinde." – "Auch unser Gott nicht minder will Versöhnung im Sterben;" entgegnete der Richter mit trübem Blicke und dumpfer stimme