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in sich hinein und bückte sich wieder zu dem Knaben herab: "Gutes Kind!" sagte er halblaut zu demselben: "Vaterloser Knabe! fasse Mut und stärke Dich zu jedem Unglück. Bist Du einst Allen fremd geworden und ich lebe noch, so komm zu mir; ich will Dir Vater sein!" – "Ach ja;" wiederholte der Knabe, seinen Lockenkopf vertraulich auf Dagobert's Schulter lehnend: "Du mein Vater." – "Ich, mein Sohn; ja! beim ewigen Gott! i c h ...." stammelte Dagobert unter Tränen, umarmte das Kind, legte es in Fiorillens Arm und entfloh dann aus dem Gemach. Fiorilla brachte den sehnsuchtsvoll nach dem Scheidenden blickenden Knaben auf Dieter's Schooss. Der zornige Mann stiess ihn aber von sich, und rief: "So geh' doch hin zu Deinem Vater, junger Kuckuck, und verwünscht sei die Stunde, in der mich mein leichtgläubig Herz abermals betrog!" –

Zweites Kapitel.

Schauet doch, und sehet, ob irgend ein Schmerz

sei, wie mein Schmerz, der mich getroffen hat!

Denn der Herr hat mich voll Jammer gemacht

am Tage seines grimmigen Zorns!

Jeremias.

Es geschah, dass an dem Abend desselben tages, an welchem Dagobert nach haus kehrte, ein böses Stücklein in der Stadt verübt wurde. Es war in der Neustadt ein Haus belegen, das man "Zum heissen Stein" nannte, und worin schon mancher seine Hölle auf Erden gefunden hatte. Man pflog nämlich daselbst des Spiels mit Würfeln und Brett, und es ging scharf dabei her, mit Geld und Gut und fahrender Habe. Zu verschiedenen Malen war schon der Reiche als ein Bettler aus diesem haus getreten; seltner jedoch der Habenichts als ein vermöglicher Mann, weil der Zufall nicht immer allein waltete in diesen Spielen, sondern auch gar oft und häufig die geschickte Hand und der falsche Würfel. Es hatte sich schon häufig, – namentlich während der Messen zugetragen, dass trügliche Spieler aus dem Fenster waren geworfen, oder dem Arm des Gerichts übergeben worden, das ihnen nachher zum Lohn für ihre Frevel die Augen hatte Diese schreckliche Strafe hatte indessen die Frevler nicht ausgerottet, sondern nur ihre Behutsamkeit und Vorsicht vermehrt, indem es doch immer für Abenteurer aus der Fremde eine gar zu lockende gelegenheit blieb, um leichtsinnige Bürgersöhne, oder übermütige Prahlhänse von Junkern, oder unerfahrne Kaufleute und Diener zu rupfen, und um ihr blankes Geld zu bringen. Wurde hin und wieder ein solcher Spielgauner ertappt, so wusste er schon recht gut, welch ein Schicksal seiner harrte, und er wehrte sich daher, oft von Spiessgesellen unterstützt, seiner Haut dergestalt, dass die Rauferei nicht immer zum Vorteil der Rechtaber ausfiel. Der heisse Stein wurde dann oft ein blutiger, und nur die öffentliche Gewalt vermochte in der wüsten Spielherberge Ruhe und Friede herzustellen. Ein ähnlicher Handel fiel auch an dem benannten Abende vor, denn ein wälscher Gaudieb, der sich über die Messe zu Frankfurt verweilt hatte, war dem Verbot des Rats zum Trotze, welcher selbst die Würfel an den heissen Stein lieferte, mit eignen aus Wälschland gebrachten Würfeln daselbst aufgetreten. Wie denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen wird, so waren die Spielgäste, junge Brauseköpfe aus reichen Bürgergeschlechtern, mit dem Willen des Fremden einverstanden, und zwangen den Spielwirt, die ausländischen Würfel auflegen zu lassen. – Und also ging dann das Rumoren und Geklapper los, und der Italiäner gewann und gewann, und sein Beutel wurde immer straffer, während die Geldtaschen der Mitspieler sich leerten bis auf den Grund. Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden versiegte, und da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anschwoll, so ergriff einer von den heftigsten Spielern im Zorn die Würfel, die ihm so eben die letzten Goldkronen gekostet hatten, und warf sie mit dem Rufe: "Ei so sei doch Du verdammt, sammt Deinem Spielzeuge, vermaledeiter Schelm!" dergestalt auf den Boden, dass einer derselben zersprang, und es sich ergab, dass er mit Blei gefüttert gewesen, und immer die Sechsen, wenn die geschickte Hand des Wälschen die Knochen regierte, oben liegen mussten. Darob ergrimmten denn die Herren sammt und sonders, und derselbe, der zur Entdeckung Anlass gegeben, nahm sich auch des Rächeramts an, und ging dem Gauner mit dem Degen zu leib. Allein derselbe war ein Raufhahn nebenbei, und wehrte sich mit dem langen wälschen Rappiere dermassen, dass, obgleich die Andern dazwischen sprangen, und der Wirt nach hülfe lief, der Angreifer durchbohrt auf dem Estrich lag, ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt worden waren. Der Schreck, den der Fall des Fechters einflösste, half dem Spitzbuben zur Flucht, und die herbeikommende Nachtwache fand weder Mörder, noch Zeugen mehr im haus, sondern einzig und allein den toten Mann, den man für des Oberstrichters Sohn, einen leidenschaftlichen, ausschweifenden Menschen, erkannte. Sprach nun gleich die ganze Stadt, es sei an dem Wüstling gar nicht viel verloren, so redete das Vaterherz doch anders, und der Oberstrichter, der von vielen Kindern diesen Einzigen gross gezogen hatte, überliess sich der stummen Verzweiflung, da ihm die abgerissne letzte Blüte seines Stammes heimgetragen wurde. Die Morgenröte fand ihn neben dem starren Sohne sitzend, und dessen Hand in der seinigen haltend, und brütend über dem Verhängniss. Da nun die Sonne heraufstieg, und das Trauerhaus eben so gut mit Gold bekleidete, wie das Haus der Freude