haben würde." – "Nichts von Wallraden!" rief Dieter ängstlich und unwillig: "Ich bin nicht ungerecht in der Liebe, die ich meinen Kindern schenke. Ich liebte Wallraden, da ich sie flekkenlos glaubte; aber nun, ... selbst gegen den ihr gehässigen Bruder verteidige ich sie nicht." – "Ich hasse ja Wallraden nicht;" sprach Dagobert ruhig; "doch ihrem Hass vermag ich nicht verschwenderische Liebe entgegen zu setzen, und darf Euch mit dem heiligsten Eide versichern, dass diese Schwester, Eure Tochter niemals würdig war, unsern Namen zu führen. Wollt Ihr Beweise ...?" – "Schweig!" unterbrach ihn Dieter heftig: "aus Deinem mund will ich nicht wieder hören, was ich schon weiss. Welch ein Sieg für Dich und Margareten!" – Dagobert zuckte schweigend die Achseln. – Dieter fuhr aber entrüstet fort: "Schlange nennst Du Wallraden; sag' an, gelehrter Sohn: welch Urteil fällst Du über Margareten? Schenkst Du ihr einen Heiligenschein, oder musst Du beschämt bekennen, dass sie schlimmer fehlte, als Wallrade?" – Dagobert schwieg nicht lange. "Dies Bekenntniss vermag ich nicht zu leisten," sagte er: "dass jedoch Frau Margarete fehlte, Eurer unwürdig handelte, will ich nicht läugnen. Leider darf ich's nicht." – Triumphirend sah Dieter zu ihm empor und rief: "Dank Dir, mein Gott, dass des Sünders Mund so eben die eigne Schuld bekennt in der fremden." – "Ich begreife kaum mit Sinn und Ohr, was Euer Mund spricht," erwiderte Dagobert; "doch schwör ich's Euch, dass meine Lippen manches entüllen könnten, was ich verschweige, weil Frau Margarete Eure Hausfrau, meine zweite Mutter ist. Die Zeit ersetze das, was ich versäume." – "Recht; doppelzüngiger Mensch;" rief Dieter gereizt: "Hülle Dich nur ein in rätselhafte Reden. Deine Vergehen blicken überall hervor, und das strafende Gericht wird nicht ausbleiben. Die Ehre Deines Vaters hast Du misshandelt; Deine eigne Ehre in den Staub getreten; Dein Leben verwirkt durch Deine Buhlerei mit der Jüdin, von welcher die ganze Stadt weiss." – "Vater!" rief Dagobert mit flammenden Augen und eilenden Worten: "Beschützt habe ich Eure Ehre, und nie besudelt die meinige. Vater, wer an die reine Sitte der Unglücklichen tastet, der ich Beschützer ward, weil sie keinen Freund auf der weiten Erde hat, – wer Ben David's Tochter schmäht, bloss desshalb weil sie eine Jüdin und mir lieb ist, – gegen d e n zieht mein Zorn zu feld, und wäre ich gleich sein Sohn. Buhlerei, sagt Ihr? Die Farbe des reinen himmels reicht nicht an Ester's Unbescholtenheit; eine Schurkerei habe ich noch nie g e d a c h t . Aber unter meinem Schilde ruht die Taube sicher; ich verrate ihre Zuflucht den Feinden nicht, und würde jetzt schon der Holzstoss für mich angezündet."
"Prahlender Wüstling!" zürnte Dieter: "Tritt immer auf in Deiner wahren Gestalt; fliehe aber die Stätte wo ein Freistuhl Westphalens steht. Häufe nicht noch den Jammer auf mein Haupt, Dich an einem Stadttore von den heimlichen Rächern aufgehängt zu erblicken." –
"Der H e r r wurde unschuldig gerichtet;" erwiderte Dagobert mit völliger Seelenruhe: "beneidenswert wäre ich, ein schwacher Sohn des Staubes, träfe mich ein gleiches los. Lebt wohl indessen, Vater. Ich scheide. Lieblich war mir dies Haus, da ich noch eine fröhliche Jugend darin herumtrug, von Stiege zu Stiege, von Speicher zu Flur, von Gemach zu Gemach, und mich überall in die arme eines guten Vaters, in den Schooss einer treuen Mutter legen konnte. Aber, nun die getreue Mutter zum Himmel gezogen ist, und das Vaterherz ein doppelt Erz angetan hat, sind mir erst diese Wände eng geworden, und niedrig wie Särge diese Gemächer. Ich will Euch, Herr Vater, wie den wälschen oheim mit meinem Anblick verschonen, und fürder allein für mich meine Strasse ziehen. Behüt' Euch Gott, und lebet wohl." – Auf der Schwelle stiess Dagobert, in dessen Augen der Tränen Gewalt drückte und presste, auf den kleinen Hans, den Fiorilla an der Hand führte. Fiorilla begrüsste den Jüngling mit jener Fremdartigkeit, die vor den Zeugen die nähere Bekanntschaft zu verbergen strebt; der kleine Hans jedoch jubelte laut auf und kletterte an Dagobert empor. Dieser wurde rot vor Überraschung, und setzte den Knaben stumm wieder nieder, ohne seine Liebkosungen, wie wohl vordem, zu erwiedern. Hans machte ihm kindliche Vorwürfe wegen dieses Kaltsinns. – "Die gute Mutter ist fortgegangen," klagte er, "und Else ist fortgegangen, und der Mann dort macht ein finster Gesicht. Was soll ich denn anfangen, Dagobert, wenn auch Du nichts mehr von mir wissen willst?"
Gerührt blickte Dagobert auf den Knaben herab, betrachtete ihn aufmerksam, nickte dann mit dem kopf und sprach: "Wahrlich, Du armes Kind, ... Du bist übel daran, ... übler als Du weisst und verdienst." – Hier wendete er sich rasch zu Dieter, aber der schon zum Reden geöffnete Mund verstummte vor dem stieren blick, mit welchem der Vater seine Söhne beobachtete. "Überlasse Alles dem Herrn!" flüsterte der Jüngling