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Eitel berichtete, Dagobert sei angelangt, als Vollbrecht, der Knecht des Junkherrn, ihm den Reverenz machend, vorüberging, und Dagobert selbst ihm auf der Stiege entgegen kam. – Des Vaters Verwirrung war gränzenlos, und Schreck und Beschämung knickten seine Knie ein, dass er das Geländer der Stiege erfassen musste, um nicht zurückzusinken. Dagobert ersah diese plötzliche Schwäche, und reichte ihm schnell die helfende Hand, an welcher er den Vater zu seinem Schlafgemach geleitete. Schwer atmend liess sich der Schöffe in den Sorgenstuhl nieder, und erst, nachdem er einige Zeit lang den blick auf den Boden, alsdann auf das mildfreundliche Antlitz des gegenüber sitzenden Sohns geheftet hatte; wagte er die Anrede: "Du hier, Dagobert? Und Wallrade? ..." – "Mein Bemühen war vergeblich;" entgegnete der Sohn bedauernd: "Eben so leicht hätte ich den grossen Kaiser Karl finden mögen, der seit sechshundert Jahren im Brunnen der Beste zu Nürnberg sitzen soll. dafür, – hab' ich vernommenhabt Ihr selbst gelegnere Kunde erhalten, wozu ich Euch und mir von Herzen Glück wünsche, Herr Vater." – "Dir?" fragte Dieter mit spöttelnd ungläubiger Miene. – "Weiss es der Himmel, auch m i r ; " versetzte Dagobert: "Ich habe zwar nicht viel ursache, Wallraden Gutes zu wünschen, aber mehr denn sie, lieb' ich meinen guten Leumund, und bin herzlich froh, dass endlich die Stadt erfahren wird, – und auch Ihr beineben, Herr Vater, – dass i c h Wallraden nicht hab' stehlen lassen." – Diese Worte, obgleich mit mildem Ernst, weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott gesprochen, trieben dem Alten die Röte der Schaam auf die gefurchte Wange. "Das eigne Gewissen ist des Menschen fürnehmster Richter;" sprach er stockend, und Dagobert entgegnete gelassen: "Das ist's, Herr Dieter. Mein Gewissen ist jedoch heil, wie ein frisches Auge: darum bin ich auch hier, wo der Teufel recht geschäftig gewesen ist, mich anzuschwärzen vor aller Welt. Ein biedrer Mensch weicht dem Satan nicht aus, sondern nimmt ihn bei den Hörnern und wirft ihn aus dem Wege." – "Du sprichst kühn!" meinte Dieter, der ihm forschend in's Auge sah. – "Ich vertraue auf den Himmel;" antwortete Dagobert mutvoll: "ich bin dem lieben Gott von Herzen treu und hold, und er wird's mir nicht minder sein; darum fürchte ich auch nicht den Schulteiss, nicht den Oberstrichter, nicht des Prälaten, der hier in's Nest gezogen ist, Verläumdungen; auch die heilige Acht nicht, die mich einer Ladung vor ihren Stuhl gewürdigt hat." – Dieter's Wange sank von hoher Röte in die Blässe des Todes herab: "Unglücklicher;" murmelte er: "Du frevelst. Fürchte jenen Stuhl, vor welchem der Sünde die letzte Larve entfällt, und die Wahrheit sich auftut in finstrer Nacht."

"Ich scheue die Wahrheit nicht;" entgegnete Dagobert fest: "ich wünsche sie, mein Vater. Wollte Gott, die unbekannten Herren ergründeten sie beim fröhlichen Sonnenlicht; aber auch um Mitternacht stehe ich ihrer Ladung, und morgen soll der Frohne nicht umsonst meiner warten." – "Du wolltest ernstlich ..." – "Soll ich mich verfehmen lassen, mein Vater, um unter dem Messer irgend einer Blindschleiche der Acht zu fallen, sonder Gehör und Verteidigung? Oder wäre das ernste Gericht im grund nur ein Fastnachtsschwank, den man nur aufführt, sobald sich Zuschauer eingefunden haben; und unterlässt, sobald kein Mensch seine Ohren dazu leihen will, trotz Heroldsruf und Pfeifenklang? Ich halte mehr von dem finstern Richterstuhle und will ihm meine Reverenz nicht versagen, damit ich vernehme, wessen man mich eigentlich beschuldigt hat, und mich rein wasche von der aufgelogenen Sünde." – "Eine trotzige Zuversicht!" schaltete Dieter warnend ein." – "O, dass Ihr sie nicht teilen mögt, Vater;" sagte hierauf der Jüngling, und ergriff wehmütig Dieter's widerstrebende Hand: "o, dass Ihr der Erste seid, der den Stein auf mich geworfen, und der Letzte, der ein offnes Ohr für meine Schuldlosigkeit haben wird! Ich kenne mich selbst kaum mehr, seitdem ich geahnt, seitdem ich vernommen, was in Euerm Herzen vorgegangen, wie sich dasselbe so ganz von mir gewendet. Ich bin irre an mir geworden, ich habe meiner Gedanken innerste kammer durchsucht, und nicht eine Spur von Gottlosigkeit darin gefunden. Und Ihrder Gerechtezweifelt an meiner Seele, – Ihr verdammt mich, während ich rein bin, wie ein hülfloses Kind! Doch habe ich gegen Euch keine Waffen. Im Gegenteile; ich wähle Euch zu meinem Beistande vor dem stuhl zu Sachsenhausen, und gewiss schlagt Ihr mir's nicht ab, mich dahin zu begleiten, wo die Wahrheit sich auftut in finstrer Nacht." –

Dieter schrack sichtlich zusammen, und die Vorwürfe seines Gewissens pochten so heftig an sein Herz, dass er kaum eine ängstliche Weigerung hervorbringen konnte. Dagobert sah verdüstert vor sich hin, seufzte, und sagte: "Ihr verstosst mich ganz, mein Vater. So muss ich denn allein den dunkeln Weg machen. In Gottesnamen; aber mich betrübt's, dass Ihr mir verweigert, warum Wallrade an meiner Statt sicher nicht vergebens gebeten