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dass er fürchte, es werdesollte ihm hülfe und milde Sorgfalt noch ferner entstehenmit seinem Leben bald zu Ende sein. Der eisige Frost, welcher des Gequälten Glieder durcheinanderschüttelte, und ihn beinahe zu Boden warf, machte Dieter's natürliche Barmherzigkeit rege. Er liess den todtkranken Mönch auf einer Tragbahre in das Kloster des Ordens bringen, zu welchem der Unglückliche, seiner Kutte nach, zu gehören schien, und empfahl ihn der angelegentlichen Fürsorge des Paters Reinhold, Margaretens Beichtvaters. Er selbst jedoch eilte auf den Römer, um die erhaltne Botschaft dem Rate zu verkünden. Seine Freunde in demselben staunten; seine Feinde schüttelten ungläubig die Köpfe, und behaupteten, der Schöff täusche Meister und Rat mit unhaltbaren Gerüchten, und halte mutwilliger Weise die Stadt sammt ihrer bewaffneten Gewalt in Atem. Hätte er einen andern als Räuber genannt, – riefen sie, – dann wäre ein Schein von Glaubwürdigkeit vorhanden; aber gerade diesen Bechtram von Vilbel zu nennen, diesen alten wackern Kämpen, der so lange der Stadt treu gedient, der sich in der letzten Frist nur, gewisser Ansprüche wegen, mit der Reichsstadt veruneinigt hat! Und diese Ansprüche, sind sie nicht geschlichtet? Dieser Span, – ist er nicht in Minne beigelegt worden? Hat nicht vor drei Tagen erst Bechtram Friede mit uns gemacht, sonder Gefährde, in Treu und Glauben, und in Gegenwart der verehrlichsten Zeugen, der ritterlichen Herrn vom deutschen Orden? Ein Mährchen also der ganze Bericht; der Schöff, entweder selbst getäuscht, oder im Begriffe uns zu täuschen, und die Klage ohne Grund! – Dieter's, wie des Mönchs Wahrhaftigkeit wurde jedoch um ein Gutes verbürgt und vergewissert, da der jüngste Bürgermeister mit einem gesicht voll Zorn und Wildheit in die Versammlung trat, den Wirt vom Einhorn auf seinen Fersen. "Gott verdamme doch alle Verräter und Meineidige!" begann er heftig, wie man es an ihm gewohnt war, bei wichtigem Anlass: "Vernehmt doch, ihr liebe Herren und Freunde, welche Mähr unser guter Bürger und Wirt zum Einhorn Euch zu bringen hat." Der Wirt erzählte also nach vorhergegangener Aufforderung, dass schon seit manchem Jahre der Kaufdiener Conrad Schwarz, gemeinhin, seines Vaterlandes und seiner Mundart halber, der Schwabe oder das Schwäbeln genannt, und zu Diensten des weltberühmten Hauses Ulrich Arzt in Augsburg stehend, auf seinen Messzügen und Reisen in's Brabant sich in der Herberge zum Einhorn eingefunden habe, und stets als ein ehrlicher Geselle und guter Zahler von dannen gefahren sei. Ein solches sei ebenfalls vor dreien Tagen geschehen, an dem Tage selbst, da Bechtram von Vilbel und des Rats Freunde und Abgesandte im Deutschherrenhause ihren Frieden gemacht. Nun habe aber Er, der Wirt zum Einhorn, heute Morgen durch einen Landmann vom Maingehöft einen Zettel erhalten, den ein reisiger Knecht demselben zur Bestellung übergeben; einen Zettel, von dem Schwaben selbst geschrieben, worin er berichtet, der Herr von Vilbel habe ihn am bewussten Sühntage, im Heimreiten begriffen, von der Strasse aufgefangen, nach Neufalkenstein geschleppt, und ihn genötigt, diesen Brief zu schreiben, damit der Wirt zum Einhorn zweihundert Mark Silbers als Lösegeld für den Gefangenen nach Neufalkenstein trage. Er, der Wirt, begehre nun zwar nicht, das verlangte zu tun, sintemalen ihm bang geworden um sein Geld und seinen eignen Leib; er habe jedoch nicht verfehlen wollen, denen gestrengen Herren solches zu berichten, damit sie in ihrer Weisheit das Nötige beschliessen möchten, ob vielleicht der ehrliche Kaufdiener aus seiner Angst erlöset werden könnte. – Diese Erzählung, unterstützt durch den vorgewiesenen Zettel, weckte den Unwillen der ganzen Versammlung, und Dieter's Angabe fand nun unbedingten Glauben. Der Schulteiss und Dieter's Feinde, die so sehr auf Bechtram's Redlichkeit gepocht hatten, traten nun auf die Seite derjenigen, die seinen Treubruch schmähten, und vollwichtige Rache für den auf dem Gebiete der Stadt verübten Frevel forderten, und für den höhnenden Meineid, den der alte Buschklepper am Tage selbst der Friedensstiftung in frechem Mute begangen. Die Furcht vor der Wut des Raubritters und seiner Diebsgesellen in der Wetterau wich nun zurück, indem man die der freien Stadt wiederfahrene Beleidigung fest in's Auge fasste, und e i n e stimme nur war's, die aus jedem mund die Befreiung der Bürgerin Frankfurts und des fremden Gastes forderte. Als aber die Mittel dazu zur Sprache kamen, da waren wieder die Zungen uneins geworden. Die Kühnsten rieten zu einem Auszug, wie er im Jahre 1404 gegen Rückingen, das Schloss des Hans von Rudenscheim, des Marktschiffschinders, statt gehabt hatte. Die Vorsichtigern verwarfen die offne Gewalt, die alle Genossen des Räubers gegen die von Streitern ziemlich entblösste Stadt anhetzen würde, und sprachen von List und besonnener Klugheit. Die Feigen schlugen vor, die hülfe eines benachbarten Fürsten anzurufen; ein Vorschlag, der den Vaterlandsfreunden, welche jede fremde Einmischung in die Händel der Stadt hassten, vollkommen widerlich war; aber demungeachtet einen Streit entspann, welcher die Beratung der Versammelten in eine wilde Gährung verwandelte, aus welcher sich Dieter, um mit seinem Gram und seinen Entwürfen allein zu sein, rettete. Aber auch dieses Alleinsein, dieser Strom von Gedanken, den er einsam an sich vorbeirauschen liess, führte sein Herz nicht zur Ruhe, und er suchte sein Haus auf, um Zerstreuung in der Gesellschaft seines Bruders, seines Knaben zu finden. Wie vom Blitze gerührt, stand er jedoch da, als ihm sein Knecht