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Scheusslichkeit Alles überbot, was in gewöhnlichen Diebskreisen gefrevelt wird; ein Riesenmann an Blutgier und Mordsucht. Alle Augen richteten sich auf Ben David, da Judit diesen Hauptmörder anfänglich mit dem Namen: "der Jude" bezeichnete, aber alle Augen flogen furchtsam und beschämt vor dem ruhigen Blicke Ben David's zur Erde, als Judit Zodick's Namen nannte, unnachsichtlich jedes Bubenstück entüllte, dessen Zeuge sie gewesen war; als sie Ben David von jeder Gemeinschaft mit den Räubern frei sprach; als sie erzählte, dass Zodick des Schöffen Mord unternommen, dass Zodick den Schmuck der bedauernswerten Wittib des Bürgers von Friedberg um seiner Kenntlichkeit willen in Ben David's Keller verborgen, – eine Tat, deren sich der Niederträchtige nachher noch oft bei Trunk und Scherz gerühmt; dass Zodick endlich die Wurzel des Truggespinnstes sei, das Jochai und Ben David bisher im Kerker gehalten. Da sie nun endlich an die letzte Schreckensbegebenheit in ihres Vaters Hütte kam, – an das Elend, das dort gewaltet, ... an die Leichen, die der Brand, von den Händen des Ungeheuers entzündet, zu Asche gebrannt hatte, ... da schwammen nicht nur allein in den Augen der Umstehenden Tränen, sondern auch in die Ihrigen trat wieder das helle wasser, und das Schluchzen machte ihre stimme versagen, denn sie dachte nun ganz lebhaft daran, dass sie nie auf dem grab ihrer Erzeuger sitzen könne, dass sie ihrer nie in Liebe gedenken könne, und dass sie gehalten sei, statt einer kindlichen Todtenfeier, ihre Laster und Verbrechen schonungslos zu entüllen. Und als, – nachdem eine lange Stille vorüber, und das darauf folgende Gemurmel der Menge verrauscht warder Oberstrichter sie ernst und mahnend fragte, ob dieses auch alles wahr sei, und warum sie nicht früher diesen Schurken Einhalt getan, durch ein offnes geständnis, da antwortete sie mit wehmütigem Vorwurf: "Ihr vergesst, ehrsamer Herr, dass es mein Vater und meine Mutter waren, die an der Spitze jener Horde standen. Die, denen ich das Leben verdanke, auf das Rad zu bringen, hätte ich nicht vermocht, und wenn noch Tausend unter dem Messer des Juden und seiner gefährten hätten verbluten müssen. Ihr gestriges Schreckensende hat mich frei gemacht, und ich schwöre beim Himmel und all seinen Heiligen, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Oft hab' ich mich angstvoll auf dem Lager hin und her geworfen, und mit meiner Kindespflicht gerungen, wie Jakob mit dem gewaltigen Herrn. Aber ... die Verbrecher blieben doch immer meine Eltern. Die natur hat ein Schloss vor meinen Mund gelegt, und gestern erst hat der gnädige Gott es aufgetan mit seiner Kraft und unergründlichen Weisheit. Darum verachtet nicht die einfältige Rede, so ich gesprochen, und lasset leben, die da ohne Fehl sind, und lasset sterben den, der den Tod verdient hat." – Judit schwieg erschöpft, und schlug die Augen nieder vor den dankbaren Blicken, welche die Juden auf sie richteten. Die Meister des Rats standen indessen noch mit gefalteten Stirnen in tiefes Nachsinnen verloren, und der Schöffe Dieter war der Erste, welcher die Sprache wiederfand, und ausrief wie ein von schwerem Traum Erwachender: "Gottlob! Gottlob! grässlicher Argwohn fällt Stückweis ab von meiner Brust. Gesegnet seist Du, mutige Magd, die da eingetreten ist zu rechter Zeit!" – Der Priester Johannes wendete sich an die Vorsteher der Stadt: "O redet ein mildes Wort;" sagte er bewegt: "Seht diese armen Leute, welche zitternd da stehen, und selbst nicht begreifen können, wie ihre Unschuld so schnell an den Tag gekommen. Wenn auch ihre Fesseln jetzt noch nicht f a l l e n dürfen, so erleichtert sie ihnen doch durch ein Wort des Trostes und der Hoffnung. Viel Freude und Glück ruht auf den Lippen der Mächtigen, wenn sie es aussprechen wollen gegen das Elend." – "Die Dirne muss beweisen, was sie vorgebracht," – entgegnete der Oberstrichter: "oder die Zeit beweise und bürge für sie. Ich habe ausgesandt nach Friedrich, und wehe ihm, wenn sich alles so befindet, wie dieses Weib gesagt."

"Der Mörder ist eine schlaue Natter;" versetzte Judit: "er wird sich hüten, in die Falle freiwillig zu gehen. Hier sind aber meine hände, damit man sie binde. Freudig will ich den Kerker beziehen, und keine Schmach daran finden; denn der Herr, der mich hiehergeführt, wird mein und dieser Armen nicht vergessen, als ein rechter Richter und Helfer der Waisen. Er wird die Hand des Gottlosen zerbrechen, und aufstehen zu unsrer völligen Rettung!" –

Ein Wink des Oberstrichters beendigte den ergreifenden Auftritt. Judit wurde zu leichter Haft in das Haus der Reuerinnen gesendet, und die Juden in den Kerker zurückgeführt. Judit wurde von einer jubelnden Menge begleitet, wie ein siegreicher Kämpfer von seiner Freunde Schaar, – Jochai und Ben David waren von einer lautlosen Volksmasse umgeben, die ihren Schritten, wie mit einer inneren Beschämung folgten. Auch die Herren vom Gerichte teilten diese stille Schaam, und mancher beklagte nun im Geheimen die Schmach, die den Untadelhaften widerfahren war. Ben David sagte aber mit freudetränenden Augen zu Jochai: "Nun, Raaf? was sagst Du nun? Die Leuchte des hochgelobten Gottes ob unserm haupt beginnt wieder zu brennen, und des Herrn Finger ruht auf uns. Gepriesen sei der Gott Abrahams, der die